Kämpfe in Kiew: 15 Tote auf dem Maidan

Waffenstillstand in Kiew hält nur wenige Stunden : Augenzeugen berichten von 15 Toten auf dem Maidan

Die Waffenruhe hielt nur eine Nacht: Wieder gibt es Tote am Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Europäische Außenminister bemühen sich in Gesprächen mit der Regierung um eine Deeskalation. Vitali Klitschko sieht die Situation "außer Kontrolle".

In Kiew hat es bei erneuten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei offenbar erneut Tote gegeben. Das Fernsehen zeigte am Donnerstag Bilder, in denen zwei Leichen in der Nähe des zentralen Maidan-Platzes zu sehen waren. Die Körper waren mit Decken bedeckt.

Ein Reuters-Augenzeuge berichtet sogar von 15 Leichen. Augenzeuge macht auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew 15 Tote aus. Die Leichen seien an drei Stellen des Maidan verteilt. Alle seien Zivilisten, sagte Reuters-Fotograf Vasily Fedosenko.

Trotz des erst am Mittwoch vereinbarten Gewaltverzichts feuerte die Polizei Blendgranaten, und die Demonstranten schossen Feuerwerkskörper ab.

Steinmeier bei Janukowitsch

Die drei EU-Außenminister haben entgegen Mitteilungen von Diplomaten am Donnerstag die ukrainische Hauptstadt Kiew doch nicht verlassen. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, sein französischer Kollege Laurent Fabius und der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski befänden sich im Präsidentenpalast zu Gesprächen mit Staatschef Viktor Janukowitsch, teilte das Auswärtige Amt vor Ort mit. Zuvor hatten Diplomaten erklärt, sie seien bereits abgereist.

Am Morgen waren radikale Demonstranten ins Regierungsviertel vorgerückt und drängten die Polizei zurück. Das berichteten örtliche Medien am Donnerstag. Der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko machte die Polizei für den Bruch des vereinbarten Gewaltstopps verantwortlich. "Wir sehen die Situation außer Kontrolle", sagte Klitschko nach einem Treffen mit den Außenministern aus Deutschland, Polen und Frankreich in Kiew.

Parlament evakuiert

Der frühere Parlamentspräsident Wladimir Litwin sagte der Agentur Interfax zufolge, das Parlamentsgebäude werde evakuiert. Gründe nannte der fraktionslose Abgeordnete zunächst nicht. Die ukrainische Regierung hat die Demonstranten beschuldigt, gezielt auf Sicherheitskräfte geschossen zu haben. Mindestens 23 Uniformierte seien verletzt worden, teilte das Innenministerium am Donnerstag mit.

"Scharfschützen" der radikalen Regierungsgegner würden im Stadtzentrum Mitglieder der Spezialeinheit Berkut sowie Truppen des Innenministeriums ins Visier nehmen. Die Opposition warf wiederum der Führung den Einsatz von Schusswaffen vor.

Präsident Viktor Janukowitsch und die Anführer der Oppositionsparteien im Parlament - Arseni Jazenjuk, Vitali Klitschko und Oleg Tjagnibok - hatten am Vorabend überraschend einen Gewaltverzicht und neue Verhandlungen über einen Ausweg aus dem monatelangen Machtkampf verkündet.

1000 Verletzte

Die Zahl der Toten nach brutalen Straßenschlachten stieg nach Angaben des Gesundheitsministeriums auf mindestens 28 Demonstranten und Polizisten. Wohl mehr als 1000 wurden verletzt, darunter auch mehrere Journalisten.

Die Gewalt war am Dienstag bei einem Protestzug der Regierungsgegner zum Parlament ausgebrochen. Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation.

Auch in vielen Städten im Westen der Ex-Sowjetrepublik blieb die Lage angespannt. In der Großstadt Lwiw (Lemberg) patrouillierten sogenannte Selbstverteidigungskräfte in den Straßen. Die antirussisch geprägte Gegend ist eine Hochburg radikaler Regierungsgegner.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Donnerstag: Die Lage in Kiew eskaliert

(dpa/afp/reu)
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