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US-Soldaten schändeten Leichen: Junge Sniper und entmenschlichte Ziele

US-Soldaten schändeten Leichen : Junge Sniper und entmenschlichte Ziele

Die Soldaten aus dem Skandal-Video sind nicht länger anonym: Die Männer, die in Afghanistan Leichen ihrer Opfer geschändet haben, sind Scharfschützen einer Spezialeinheit. Der unmenschliche Umgang der Soldaten mit ihren Opfern ist kein Einzelfall. Die Gründe dafür liegen im System. In einem Buch berichtet ein ehemaliger US-Scharfschütze über das Töten und die Gefühle gegenüber seinen Opfern.

Gerade einmal 39 Sekunden dauert das Internet-Video, das für den neuen Skandal im US-Militär sorgt : Darauf ist zu sehen, wie vier Soldaten in Kampfanzügen auf die Leichen von drei Männern urinieren. Sie lachen und verhöhnen die Opfer. Einer sagt "Schönen Tag noch, Kumpel", während er sich offenbar darüber im Klaren ist, gefilmt zu werden. Die Toten tragen für Afghanistan landestypische Kleidung. Es ist unklar, ob es sich um Taliban handelt.

Nach Angaben des amerikanischen TV-Senders CNN sind zwei der vier Marine-Infanteristen identifiziert worden. Das soll ein Sprecher der Marine-Infanterie in der Nacht zu Freitag bestätigt haben. Die Namen der Männer wurden nicht genannt, da es sich um laufende Ermittlungen handele. Wie bereits vermutet wurde, gehören sie einer Sondereinheit von Scharfschützen an, dem dritten Batallion der zweiten Marineinfanterie-Division, die auf der Basis Camp Lejeune im US-Staat North Carolina stationiert ist. Sie werden "Sniper" genannt. Die Einheit war bis zum September des vergangenen Jahres in Afghanistan im Einsatz, zwischen März und September sollen die Aufnahmen entstanden sein.

Medikamente gegen den Druck

Die Sniper sind in der Regel junge Männer, viele erst 19 oder 20 Jahre alt. Bei ihrem Einsatz stehen sie unter enormen Druck, erklärte ein Experte dem WDR. Sie töten gezielt Menschen, die sie durch ihr Zielfernrohr identifizieren. Zahlreiche Sniper benötigen eine psychologische Betreuung. Medikamentenmissbrauch ist während des Einsatzes nicht ungewöhnlich. Der Experte berichtet von Aufputschmitteln und Schlaftabletten, die helfen sollen, den Tagesabslauf zu überstehen. Selbst Cannabis soll gängig sein.

Welche Auswirkungen das gezielte Töten auf die Persönlichkeit der Soldaten hat, zeigt das Buch "American Sniper" (Amerikanischer Scharfschütze), das Anfang Januar erschienen ist. Das martialische Cover zeigt ein Präzisionsgewehr, der Untertitel verspricht die Autobiografie "des tödlichsten Scharfschützen in der Geschichte des US-Militärs". Der Texaner Chris Kyle erzählt darin, wie er als ersten Auftrag eine Frau erschoss, die gerade mit einem Kind an der Hand vor die Tür trat. Er tötete sie, bevor sie eine Handgranate zünden konnte, die mehrere seiner Kameraden mit in den Tod gerissen hätte, so Kyle.

Seine heutige Sicht auf die Kriege und seine Rolle darin ist undifferenziert. "Der Krieg verändert dich. Ich hatte mich immer gefragt, wie es sich wohl anfühlt, jemanden zu töten. Heute weiß ich: Es ist keine große Sache", schreibt er. Mitleid für seine Opfer kennt er nicht: Jeder, den er erschossen habe, habe den Tod verdient. Da ist sich der Ex-Soldat absolut sicher. "Du musst aufhören, den Feind als Menschen zu betrachten. Anders geht es nicht. Deshalb habe ich im Buch den Begriff 'Wilde' für die irakischen Widerstandskämpfer verwendet", sagte er dem US-Sender Fox News.

Man kann davon ausgehen, dass Kyles Einstellung unter den Scharfschützen keine Seltenheit ist. Schließlich müssen die oft sehr jungen Männer auch vor sich selbst eine Rechtfertigung finden - nicht an dem hehren Ziel zu zweifeln, ist dabei meist reiner Selbstschutz. Dazu gehört auch die Entmenschlichung der Opfer. Die kollektive Verhöhnung der toten Feinde wie in dem Video der vier Soldaten dürfte eine Auswirkung dessen sein.

Die Empörung im Pentagon ist groß: "Dieses Verhalten ist für Angehörige des US-Militärs absolut unangemessen und spiegelt nicht den Standard oder die Werte, für die unsere Streitkräfte eintreten", sagte US-Verteidigungsminister Leon Panetta der "New York Times". Die Beteiligten würden dafür "im vollen Ausmaß" zur Verantwortung gezogen. Zuvor hatte ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums das Video als "abscheulich" bezeichnet. "Es hat mir den Magen umgedreht", sagte Pentagon-Sprecher John Kirby. "Egal, wer das in dem Video ist oder wie die Umstände waren - dieses Verhalten ist ungeheuerlich und ekelhaft."

Natürlich müssen die Soldaten, die die Leichen ihrer Opfer geschändet haben, zur Verantwortung gezogen werden. Doch ebenso müssen die Hintergründe und Ursachen beleuchtet werden. Inzwischen mehren sich die kritischen Stimmen derer, die fordern, dass auch höherrangige Militärs Rede und Antwort stehen sollen.

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