Julián Castro - ein Latino will US-Präsident werden

US-Präsidentschaft : Julián Castro - ein Latino will ins Weiße Haus

Im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur bei den US-Demokraten hat ein weiterer Politiker seinen Hut in den Ring geworfen. Der ehemalige Wohnungsbauminister Julián Castro kündigte an, bei der Präsidentschaftswahl 2020 gegen Donald Trump antreten zu wollen.

Neu auf der politischen Bühne ist Julián Castro nicht – auch wenn er mit seinen jungenhaften Gesichtszügen an ein aufstrebendes Nachwuchstalent denken lässt. Ein aufstrebendes Talent war er bereits, als er 2012 auf dem Parteitag der Demokraten eine Grundsatzrede halten durfte, mit der er Barack Obama zur Wiederwahl empfahl. Schon damals wurde er als großer Hoffnungsträger gehandelt, als einer, der Obama womöglich sogar direkt im Amt beerben würde. Daraus wurde nichts, weil mit Hillary Clinton eine vermeintlich glasklare Favoritin an den Start des Rennens ums Weiße Haus ging und Castro entschied, sich einstweilen zurückzuhalten. Nun aber will er es wissen.

Als seine Großmutter vor fast hundert Jahren ins Land kam, sagte er in seiner Heimatstadt San Antonio, wo er seine Bewerbung bekanntgab, hätte sie sich wohl nie vorstellen können, dass der eine ihrer Enkelsöhne, sein Zwillingsbruder Joaquin, dereinst im Kongress in Washington sitzen und der andere diese Worte sprechen würde: „Ich bin Kandidat für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika“. Aus Mexiko stammend, brach Castros Großmutter Victoria die Schule nach vier Klassen ab, um fortan für reiche Leute zu kochen. Victorias Tochter Rosie schloss sich La Raza Unida an, der Bürgerrechtspartei der US-Bürger mexikanischer Abstammung. Rosies Sohn Julián studierte Politikwissenschaften in Stanford und Jura in Harvard. Mit 26 wurde er in die Gemeindeverwaltung San Antonios gewählt, mit 34 zum Bürgermeister der Stadt, der siebtgrößten des Landes. Mit 39 zog er als jüngster Minister im Kabinett Obamas ein, zuständig für Wohnungsbau und Stadtentwicklung.

Die steile Karriere beflügelt die Fantasie, zumal es in den Augen seiner Anhänger keine bessere Antwort auf den Präsidenten Trump gäbe als einen Präsidenten Castro. Den ersten Hispanic im Oval Office. Auf den Nationalisten, der selbst die Lähmung des Regierungsapparats in Kauf nimmt, um eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu erzwingen, folgte der Enkel einer Migrantin aus Mexiko. Was für eine Geschichte!

In seiner ersten Amtshandlung, erklärt der Demokrat, würde er Trumps Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen rückgängig machen. Zudem will er den Mindestlohn anheben und Medicare, die steuerfinanzierte Krankenversicherung für Senioren, auf das gesamte Gesundheitssystem ausweiten, unabhängig von der Altersgruppe. Und landesweit subventionierte Krippenplätze schaffen. Letzteres hat er bereits in San Antonio praktiziert: Als das Rathaus vorschlug, zur Finanzierung des Vorhabens lokale Steuern anzuheben, plädierte eine Mehrheit der Bewohner dafür. Was umso bemerkenswerter war, weil die Stadt in Texas liegt, wo das Mantra der Konservativen, wonach Steuererhöhungen grundsätzlich Gift sind, bis heute oft und laut wiederholt wird.

Gleichwohl hebt sich Castro allein mit seinem Programm kaum ab von einem Feld potenzieller demokratischer Präsidentschaftsanwärter, das aller Voraussicht nach ähnlich breit werden dürfte wie das der Republikaner im Jahr 2016. Mit Elizabeth Warren, einer Senatorin vom linken Flügel, hat eine Profilierte ihren Hut bereits in den Ring geworfen. Auch Tulsi Gabbard, eine Kongressabgeordnete aus Hawaii, 37-jährige Veteranin des Irakkriegs, hat ihre Ambitionen schon angemeldet. Mit Kamala Harris und Cory Booker, beide Senatsmitglieder, sie aus Kalifornien, er aus New Jersey, dürften demnächst zwei Aussichtsreiche folgen. Unter den Älteren sind es Joe Biden, der Stellvertreter Obamas, und Bernie Sanders, 2016 der härteste innerparteiliche Rivale Hillary Clintons, die mit dem Gedanken an eine Kandidatur spielen. Und falls Beto O’Rourke einsteigt, ein charismatischer Redner aus der Grenzstadt El Paso, wären es mit ihm und Castro schon zwei Texaner, die sich Chancen ausrechnen.

Mit seiner Familiengeschichte hofft Julián Castro vor allem bei den Latinos zu punkten, der am schnellsten wachsenden Wählergruppe der USA. Von den Frauen, in deren Obhut er aufwuchs, habe er eines gelernt, erzählte er schon bei seinem großen Auftritt im Sommer 2012. Das mit dem amerikanischen Traum sei kein Sprint und auch kein Marathon, sondern ein Staffellauf - über Generationen hinweg.

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