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Schriftsteller Andrej Kurkow im Interview: "Julia Timoschenko wirkt künstlich"

Schriftsteller Andrej Kurkow im Interview : "Julia Timoschenko wirkt künstlich"

Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow (51) wundert sich über das Schweigen von Staatschef Viktor Janukowitsch und glaubt, dass Julia Timoschenko ihre Haftsituation auch inszeniert. Beide Politiker sind für Kurkow nichts anderes als Karikaturen.

Kiew Seit seiner Kindheit lebt er in Kiew: der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow (51), dessen Werke in 31 Sprachen übersetzt wurden und der im Westen der erfolgreichste Schriftsteller aus der Ukraine ist. Die französische Literaturzeitschrift "Lire" wählte Kurkow zu einem der 50 wichtigsten Schriftsteller der Welt. Wir erreichten ihn in seiner Heimatstadt Kiew.

Welche Stimmung herrscht derzeit in Kiew — im Vorfeld der Europameisterschaft und mitten in der Debatte um einen politischen Boykott?

Kurkow Es gibt natürlich viele Diskussionen, wobei die meisten Menschen mit einem politischen Boykott wirklich einverstanden sind, weil niemand Janukowitsch und seine Leute akzeptiert. Aber die einfachen Leute sind auch müde, davon noch zu sprechen. Zudem ist man irritiert darüber, dass mit dem Boykott scheinbar gleich die ganze Nation schuldig gesprochen wird. Und im Fernsehen werden nur sehr wenige Nachrichten darüber gesendet.

Ist die Debatte denn schädlich für das Land?

Kurkow Hätten wir eine andere politische Situation in unserem Land, könnte eine solche Diskussion tatsächlich hilfreich sein. In der Ukraine aber ist es so, dass die Regierung auf den Boykott überhaupt nicht reagiert. Janukowitsch sagt dazu nichts und seine Sprecherin auch nicht. Eigentlich ist das ja seltsam. Entweder wird Janukowitsch durch seinen engen Beraterkreis von vielen Informationen abgeschirmt. Oder die Regierung ist so unflexibel und so wenig intellektuell, dass sie gar nicht weiß, wie sie darauf reagieren soll und was jetzt am besten zu tun ist.

Sie kritisieren aber auch Julia Timoschenko, weil sie ihre blauen Flecke in der Haft öffentlich gemacht hat. Damit habe Sie Ihrer Meinung nach die Chance verspielt, die Rolle der Jeanne d'Arc einzunehmen.

Kurkow Julia Timoschenko war schon zweimal Opfer des Regimes. Ihr neuestes Szenario — mit den Fotos der blauen Flecken und dem jetzt beendeten Hungerstreik — wirkt kindlich und künstlich.

All das ist nach Ihrer Einschätzung also ein bisschen inszeniert?

Kurkow Nicht nur ein bisschen — das ist eine Inszenierung. Sie macht das natürlich, weil sie weiß, dass Janukowitsch sie nicht so bald freilassen wird. Ich bin mir auch nicht sicher, ob man sie im Gefängnis geschlagen hat. Denn alle haben Angst vor ihr, alle Mitarbeiter halten auch im Gefängnis eine große Distanz zu ihr. Das ist ein Spiel.

Als Sie in der Armee dienten, waren Sie selbst für einige Zeit im Gefängnis tätig. Wie haben Sie diese Welt erfahren?

Kurkow Julia Timoschenko ist nicht in einem sogenannten richtigen Gefängnis untergebracht. Sie ist in einer Haftanstalt für Frauen, in der keine so strenge Disziplin herrscht. Mithäfltinge haben mittlerweile ausgesagt, dass mit der Ankunft von Julia Timoschenko sowohl das Essen als auch die Behandlung viel besser geworden seien, weil man natürlich weiß, dass diese Anstalt unter besonderer Beobachtung steht. In den ukrainischen Gefängnissen für Frauen herrschten und herrschen normale Bedingungen.

Könnten die Europameisterschaft sowie die Boykott-Debatte auch als Stoff für einen Roman dienen — zumal Sie in Ihren Büchern Politisches immer als etwas Groteskes aufgreifen?

Kurkow Das könnte durchaus ein guter Stoff sein. Allerdings sehen die Prototypen dieser Geschichte — Frau Timoschenko und Herr Janukowitsch — schon in der Wirklichkeit wie die Helden eines skurrilen Romans aus. Sie sind Karikaturen. Würde Viktor Janukowitsch nicht existieren, wäre es ungemein schwierig, sich eine solche Figur auszudenken.

In Ihrem jüngsten grotesken Roman, "Der Gärtner von Otschakow" erzählen Sie von Menschen in der Ukraine der Gegenwart. Wie würden Sie deren Mentalität beschreiben?

Kurkow Na ja, unter Politikern und Beamten herrscht noch eine stärkere postsowjetische Mentalität als im Volk. Das Volk war sehr froh, einige Elemente der sowjetischen Mentalität fallen zu lassen, etwa kommunistische Moralvorstellungen wie gutes Benehmen und Ehrlichkeit. Die Leute in der Ukraine wollen leben ohne das Gefühl zu haben, ehrlich sein oder christliche Werte beachten zu müssen. Die Mentalität eines Ukrainers ist die eines Individualisten. Bei uns gibt es zwar 184 politische Parteien; aber das sind Splittergruppen, zum Teil von Geschäftsleuten gegründet, die finanzielle Interessen haben. Die Menschen hier suchen keine Mitgliedschaften, wenn sie sich einer Partei anschließen, dann um Karriere zu machen oder eine gute Arbeit zu finden.

Lothar Schröder führte das Gespräch.

(RP/csi)