John McCain gestorben - mit dem Republikaner stirbt Amerikas letzter Held

John McCain gestorben: Der Unbeugsame

Er war Vietnamkrieg-Veteran und Trumps größter innerparteilicher Kritiker: Mit John McCain ist Amerikas letzter Held gestorben.

Es war ein kühler Herbsttag in Philadelphia, und John McCain hielt eine Rede, von der man heute weiß, dass es seine letzte vor großem Publikum war. In der Stadt, in der die Gründungsdokumente der amerikanischen Republik zu Papier gebracht wurden, sprach er von dem erstaunlichen Land, in dem alles möglich sei: auch, dass der Schlechteste seiner Klasse an der Flottenakademie Präsidentschaftsbewerber einer großen Partei werden könne.

Er meinte sich selber, grinste sein unverwechselbares John-McCain-Grinsen – und wurde grundsätzlich. Es sei unpatriotisch, Ideale aufzugeben, die man rund um den Globus vorangebracht habe, um einem „halbgaren, fadenscheinigen Nationalismus zu genügen, aufgekocht von Leuten, die lieber nach Sündenböcken suchen, statt Probleme zu lösen“, mahnte der 81 Jahre alte Mann, der zu dem Zeitpunkt längst wusste, dass er an einem unheilbaren Hirntumor litt. Das sei so unpatriotisch wie die Anhänglichkeit zu irgendeinem anderen Dogma, das dank amerikanischer Mithilfe auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet sei. Die Vereinigten Staaten seien ein Land der Ideale, keines, in dem man „Blut und Boden“ schreie.

Den Namen Trump hat er in Philadelphia nicht erwähnt, und doch wusste jeder, wen sich der Senator vorknöpfte. Einen Präsidenten, der Neonazis auf eine moralische Stufe mit linken Gegendemonstranten gestellt hatte. Und während die meisten Republikaner Kritik an dem Populisten im Oval Office allenfalls hinter vorgehaltener Hand äußerten, redete McCain Tacheles. Da war er wieder, der Maverick.

Rinder, die kein Brandzeichen tragen, sich keinem Besitzer zuordnen lassen und keiner Herde folgen, kennt man in der texanischen Viehzucht als Mavericks. John Sidney McCain III war stolz darauf, wenn sie ihn so nannten. Er war ein konservativer Republikaner, aber eben auch ein unabhängiger Kopf, der ohne Umschweife sagte, was ihm durch den Kopf ging. Ohne sich um die Parteilinie zu scheren. Viele solcher Originale gibt es nicht mehr im US-Kongress mit seinen tiefen Gräben zwischen Demokraten und Republikanern. Auch deshalb fühlt sich der Tod McCains an wie das Ende einer Ära.

1982 wurde er zum Abgeordneten gewählt, 1986 zum Senator. Im Jahr 2000, er bewarb sich erstmals um die Präsidentschaft, kam er nicht über die Vorwahlen hinaus, besiegt von George W. Bush. 2008 kürten ihn die Republikaner zwar zum Kandidaten fürs Weiße Haus, doch diesmal verlor er im Finale gegen Barack Obama, den charismatischen Hoffnungsträger.

Trotz all ihrer Unterschiede, von ihrer Herkunft bis zur politischen Meinung, hätten McCain und er eine „Treue zu etwas Höherem“ geteilt, schrieb Obama zum Tod McCains: „die Ideale, für die Generationen von Amerikanern und Einwanderern gleichermaßen kämpften, marschierten und Opfer brachten“. McCain und er hätten ihre „politischen Schlachten sogar als ein Privileg betrachtet, etwas Nobles“.

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McCain, glühender Befürworter der Irak-Invasion, stand für ein Kapitel amerikanischer Hybris, das eine ernüchterte Mehrheit der Wähler nur beenden wollte, möglichst schnell. Im Schock der Finanzkrise redete er so unbeirrt von der Großartigkeit Amerikas, dass sich der Eindruck aufdrängte, der Mann habe den Ernst der Lage in seinem romantischen Pathos nicht begriffen. Gleichwohl ließ er sich nie dazu herab, Kontrahenten persönlich zu attackieren. Als eine Frau bei einem Bürgerforum faselte, sie traue diesem Barack Obama nicht, das sei doch ein Araber, nahm ihr McCain das Mikrofon aus der Hand, um spontan zu widersprechen. Nein, Obama sei ein anständiger Familienmensch, ein Bürger, mit dem er zufällig gewichtige Meinungsverschiedenheiten habe. Was für ein Kontrast zu Donald Trump!

Maverick McCain, im Parlament hat er Brücken über Parteienschluchten gebaut, wann immer er Reformen für richtig hielt. Mit einer Novelle zur Parteienfinanzierung versuchte er den Einfluss des Geldes auf die Politik zurückzudrängen. Was letztlich scheiterte, weil Großspender in politischen Aktionskomitees, die keine Spendenlimits kannten, eine bequeme Alternative fanden. 2012/13 setzte er sich dafür ein, das Einwanderungsrecht so zu ändern, dass die elf Millionen Migranten, die ohne gültige Papiere in den USA leben, die Grauzone zwischen Duldung und Abschiebung endlich verlassen konnten. Auch dieser Anlauf führte zu nichts. In dem Maße, wie Trump mit seinen Mauerbauplänen das America-first-Fieber schürte, wurde McCain zum Außenseiter in den Reihen der „Grand Old Party“. Eine Rolle, die er genoss.

Im Juli vor einem Jahr, der Senat hatte über das Schicksal von Obamas Gesundheitsreform zu befinden, trat er vor, im Gesicht noch die frischen Narben einer Krebsoperation, ließ seine Hand eine Weile flattern – und senkte schließlich den Daumen, gegen die eigenen Parteifreunde stimmend. Eine spektakuläre Geste, die das Aus für „Obamacare“ vorübergehend verhinderte. Der Maverick in grellstem Scheinwerferlicht.

Dass ihn viele als Helden verehren, hat mit Vietnam zu tun. 1967 wurde das Kampfflugzeug, an dessen Steuerknüppel er saß, über Hanoi abgeschossen. McCain katapultierte sich aus der Maschine, brach sich beide Arme und ein Bein und geriet in Kriegsgefangenschaft. Irgendwann machte die nordvietnamesische Regierung ihm, dem Sohn einen Flottenadmirals, das Angebot, früher als seine Kameraden entlassen zu werden. McCain lehnte ab, es hätte gegen seinen Ehrenkodex verstoßen. Er wurde geschlagen und blieb im „Hanoi Hilton“, wie die GIs das Gefängnis nannten.  Im März 1973 wurde er entlassen.

Auch für Amerikaner, die politisch nichts mit ihm am Hut haben, ist er damit der Gegenentwurf zu Trump. Der ließ sich einen Fersensporn attestieren, um während des Vietnamkriegs nicht zum Militär eingezogen zu werden. McCain sei kein Kriegsheld, „mir sind Leute lieber, die sich nicht gefangen nehmen ließen“, höhnte auf Jahrzehnte später auf Wahlkampfbühnen. Donald Trump, soll John McCain schon Monate vor seinem Tod verfügt haben, möge seiner Trauerfeier bitte fernbleiben.

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