Joachim Gauck in der Türkei: Nach dem Lob folgt Kritik

Bundespräsident besucht Flüchtlingslager : Gauck in der Türkei: Nach dem Lob folgt Kritik

Joachim Gauck kann gar nicht anders hier nahe der syrischen Grenze, als die Türkei zu preisen. Was das Land zur Aufnahme syrischer Flüchtlinge tut, ist beispielhaft. Auch Deutschland könnte mehr tun, sagt Gauck, und will die Botschaft mit nach Berlin nehmen.

Auch hier, im Süden der Türkei, kann Joachim Gauck an seine Erfahrungen anknüpfen. In einem Container, der "Kinderfreundlicher Raum" heißt, spricht er mit kleinen Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien. "Als ich ein Kind war, konnte ich nicht glauben, dass ich einmal in einem freien Land leben werde", erzählt er Fatima, Jassid und den anderen. Und doch ist es so gekommen. Das wünsche er den kleinen Syrern auch. Wenige Minuten zuvor hat er einen anderen Jungen gesehen, der in einem kleinen traurigen Video sagt: "Ich dachte, wir bleiben nur ein paar Wochen, und jetzt sind es schon zwei Jahre."

Dieses Lager ist eine Kleinstadt am Rande der Großstadt, und sie wird nicht so schnell verschwinden. Je fünf Personen wohnen in den 16 Quadratmeter großen Zelten, jedes hat einen Kühlschrank und einen Heizkörper. Je 30 Personen teilen sich eine Toilette in den Gemeinschaftsanlagen, je 100 Personen müssen mit einer Waschmaschine auskommen. Das, was der Bundespräsident am Sonntag zu sehen bekommt, macht einen relativ gut organisierten Eindruck. Es gibt vermutlich viel Schlimmeres auf dieser Welt.

Mit derzeit etwa 16.000 Flüchtlingen ist das Lager nahe der 500.000 Einwohner großen Stadt Kahramanmaras voll ausgelastet, es gibt Schulen, eine Krankenstation und eine Apotheke. Etwa 1500 Kinder wurden seit 2012 geboren, allerdings außerhalb des Lagers in Krankenhäusern. Es gibt privat betriebene Supermärkte, jeder Flüchtling erhält über eine elektronische Karte 80 türkische Lira im Monat, um sich zu versorgen - etwa 27 Euro.

"Großer Respekt" für türkische Bereitschaft

Auch Gauck und seine Lebensgefährtin bekommen in einem Supermarkt des UN-Welternährungsprogramms so eine Karte - und geben sie weiter. Ein Kilo Tomaten kosten rund 60 Cent, fünf Kilo Reis gut drei Euro.
Draußen rufen ein paar Dutzend Jugendliche "Tod für Assad" und jubeln "Erdogan! Erdogan!" Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ist einer der erbittertsten Gegner von Syriens Machthaber Baschar al-Assad.

Natürlich nutzt Gauck die Gelegenheit, der Türkei hier im Grenzgebiet zu Syrien zu danken und ihren sicherheitspolitischen Beitrag zu preisen. Dass Deutschland mehr tun könnte bei der Aufnahme syrischer Flüchtlinge, hat Gauck mehrfach gesagt und sagt es auch hier. "Großen Respekt" zeigt er für die türkische Bereitschaft, rund eine Million Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Dass im Vergleich zu den wenigen Tausend Syrern, die in Deutschland Zuflucht gefunden haben, die Relation nicht stimmt, lässt er deutlich erkennen und will darüber zu Hause auch mit Kanzlerin Angela Merkel darüber sprechen.

Mit viel Lob für das türkische Engagement bereitet Gauck aber auch den Boden für das, was am Montag kommen muss. Das Vorgehen ist inzwischen auf Gaucks Auslandsreisen vertraut. Erst einmal werden die Gastgeber gepriesen für ihre Errungenschaften, dann folgen die offenen Worte: Grundrechte wie Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, aber auch religiöse Vielfalt oder der Schutz von Minderheiten müssten geachtet werden.

Gerade drei Monate ist es her, da hat Gauck vor der Sicherheitskonferenz in München Deutschland zu mehr internationaler, auch militärischer Verantwortung aufgerufen. Hier in Kahramanmaras kann er überprüfen, wie die Praxis aussieht.

Gauck: "Gejammere habe ich nicht gehört"

Dabei erinnert sich Gauck sicher auch an die Schwierigkeiten, mit denen der Bundeswehr-Einsatz mit dem Namen "Active Fence" im Januar 2013 begann. Verdreckte Toiletten, verspätete Feldpost, keine Zigaretten, dafür Hundekadaver auf dem Kasernengelände: So lauteten die Beschwerden. Inzwischen haben sich die Bedingungen normalisiert. "Gejammere habe ich nicht gehört", sagt er, und stärkt den rund 300 deutschen Soldaten den Rücken. Ihre Leistungen sollten in der Öffentlichkeit noch mehr gewürdigt werden.

Auf den Hügeln von Kahramanmaras sichern deutsche und türkische Soldaten mit Patriot-Raketen den Luftraum und das dicht besiedelte Gebiet vor syrischen Raketenangriffen. Nur 10 mal 15 Kilometer groß ist die Fläche, die der Nato-Einsatz "Active Fence" effektiv schützen kann. Deutschland kommt damit auch symbolisch seinen Bündnisverpflichtungen nach. Und noch musste keine Rakete abgeschossen werden. Dass der Einsatz trotzdem sinnvoll sei, daran lässt Gauck keinen Zweifel.

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(dpa)