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Israel verschärft Angriffe auf Gazastreifen mit Bodentruppen

Neue Eskalation : 1800 Raketen aus Gazastreifen abgefeuert – Israel verschärft Angriffe

Die Raketenangriffe militanter Palästinenser auf Israel sind auch in der Nacht fortgesetzt worden. Derweil hat die israelische Armee ihre Angriffe auf den Gazastreifen noch einmal verschärft: Nun werden auch Bodentruppen eingesetzt.

Militante Palästinenser im Gazastreifen haben nach Angaben des israelischen Militärs bislang 1800 Raketen auf Israel abgefeuert. Rund 430 davon seien noch in dem Küstengebiet niedergegangen, sagte Sprecher Jonathan Conricus am Freitagmorgen. Die Erfolgsquote des Abfangsystems Eisenkuppel („Iron Dome“) hat das Militär zuletzt im Schnitt mit rund 90 Prozent angegeben.

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Das israelische Militär nannte Details zu seiner jüngsten Verschärfung der Angriffe im Gaza-Konflikt. Wie ein Sprecher der Armee am Freitagmorgen sagte, starteten in der Nacht 160 „Luftfahrzeuge“ von zwölf Geschwadern. Ihr Einsatz dauerte demnach rund 40 Minuten. Kein israelischer Soldat habe den Gazastreifen betreten.

 Rauch steigt infolge eines israelischen Luftschlags aus Gaza auf.
Rauch steigt infolge eines israelischen Luftschlags aus Gaza auf. Foto: AP/Khalil Hamra

Ziel des komplexen Angriffs sei ein Tunnelsystem der Hamas in dem Küstengebiet gewesen. Es werde „Metro“ genannt. Dabei handele es sich um eine Art „Stadt unter der Stadt“. Die Hamas habe Jahre in den Bau des Tunnelsystems investiert. Der Grad der Zerstörung sei noch unklar. Zur Unterstützung feuerten unter anderem Panzer von israelischer Seite auf Ziele im Gazastreifen.

Das israelische Fernsehen hatte zuvor von massiven Angriffen der Luftwaffe sowie der Artillerie und Panzertruppen auf den Küstenstreifen berichtet. Die Armee erklärte zunächst: „Luft- und Bodentruppen greifen gegenwärtig im Gazastreifen an.“ Anschließend gab es Berichte, wonach Bodentruppen in den Gazastreifen vorgedrungen seien. Der Armeesprecher entschuldigte sich für Fehlkommunikation.

Vor allem im Umkreis des Gazastreifens ertönten am Morgen immer wieder Raketen-Warnsirenen. Nach Polizeiangaben wurde ein Haus in der Stadt Aschkelon von einer Rakete getroffen. Israelis in Grenzorten, die bis zu vier Kilometer entfernt vom Gazastreifen leben, wurden nachts aufgerufen, sich bis auf Weiteres in Schutzräume zu begeben.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte zu den Angriffen: „Ich habe gesagt, dass Hamas einen sehr hohen Preis zahlen wird.“ Man werde die Angriffe „mit großer Intensität fortsetzen“, sagte er in einer Videobotschaft. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen und diese Operation wird so lange wie nötig weitergehen.“

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Verteidigungsminister Benny Gantz hatte zuvor angesichts der Eskalation die Mobilisierung von weiteren 9000 Reservisten genehmigt. Vor zwei Tagen hatte die Armee bereits 5000 Reservisten mobilisiert. Nach Medienberichten bereitete sich die Armee auf eine mögliche Bodenoffensive vor.

Militante Palästinenser setzten am Donnerstag ihre heftigen Raketenangriffe auf israelische Bevölkerungszentren fort. Auch am Abend wurden erneut zahlreiche Städte beschossen, darunter Aschkelon, Aschdod und Modiin. Auch in die Richtung des internationalen Flughafens bei Tel Aviv wurden Raketen abgefeuert.

Zudem seien aus dem Süden des Nachbarlandes Libanon drei Raketen auf Israel abgefeuert worden, teilte die israelische Armee mit. Eine Quelle aus dem Umfeld der Hisbollah versicherte, die schiitische Miliz habe nichts damit zu tun. Aus libanesischen Militärkreisen hieß es, die Geschosse seien unweit eines palästinensischen Flüchtlingslagers abgeschossen worden.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden seit Beginn der Eskalation des Konflikts 119 Menschen getötet und 830 weitere verletzt. Wie die Armee mitteilte, wurden in Israel durch Beschuss bisher acht Menschen getötet.

Ein Sprecher des militärischen Hamas-Arms sagte, eine israelische Bodenoffensive wäre „eine Gelegenheit, weitere tote Soldaten und Gefangene des Feindes in unseren Besitz zu bringen“. Man sei bereit, „dem Feind mit Gottes Hilfe eine harte Lektion zu erteilen“. Mehr als 2100 Palästinenser und mehr als 70 Israelis wurden 2014 im 50-tägigen Gaza-Krieg nach Angaben beider Seiten getötet. 18.000 Häuser im Gazastreifen wurden damals nach Angaben der UN-Nothilfeorganisation Ocha zerstört oder beschädigt.

Außenminister Heiko Maas (SPD) sagte der „Bild“: „Zumindest die jüngste Eskalation hat Hamas mutwillig herbeigeführt, indem sie über tausend Raketen auf israelische Städte geschossen hat.“ Deutschland setze sich für ein sofortiges Ende der Gewalt ein. Hierzulande solle die Polizei „mit höchster Aufmerksamkeit jüdische Einrichtungen schützen.

In der Bundesrepublik kam es zu mehreren antisemitischen und anti-israelischen Demonstrationen. In Gelsenkirchen stoppte die Polizei am Mittwochabend einen Demonstrationszug, der sich in Richtung Synagoge bewegte. In einem per Twitter verbreiteten Video des Zentralrats der Juden sind Sprechchöre mit antisemitischen Inhalten zu hören. Die Polizei bestätigte am Donnerstag die Echtheit des Videos. Auch in Hannover musste die Polizei bei einer Anti-Israel-Demonstration einschreiten. Zudem wurden in mehreren Städten israelische Flaggen angezündet. Maas forderte ein Verbot der Demos, „wenn Straftaten zu erwarten sind“.

Die FDP hat die Bundesregierung zu einem verstärkten Einsatz für Sicherheit im Nahen Osten und eine dauerhafte Friedensordnung aufgefordert. Die Bundesregierung müsse gemeinsam mit den europäischen Partnern und den USA umgehend diplomatisch aktiv werden, um ein Ende der Angriffe auf Israel zu erreichen, heißt es in einem Beschluss des FDP-Bundesvorstands. Das Papier soll auf dem FDP-Parteitag, der an diesem Freitag beginnt, als Dringlichkeitsantrag eingebracht werden.

„Wir Freie Demokraten treten weiterhin mit Nachdruck für eine verhandelte Zweistaatenlösung, zu der sich die Konfliktparteien im Abkommen von Oslo 1993 bekannt haben, als dem bislang einzigen Weg ein, um einerseits dauerhaft die Sicherheit des demokratischen Staates Israels zu garantieren und andererseits die Schaffung eines lebensfähigen Staates Palästina zu ermöglichen“, heißt es in dem Antrag, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Zu den Forderungen der FDP gehört, dass die palästinensische Führung auf jede Form von Gewalt verzichten und sich gegen terroristische Angriffe stellen soll. Politik und Sicherheitsbehörden in Deutschland müssten die Gefährdung jüdischen Lebens ernst nehmen und sich ihr entschieden entgegenstellen. „Es darf keine Toleranz gegenüber irgendeiner Form des Antisemitismus geben“, heißt es in dem Beschluss.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verurteilte die Ereignisse in Deutschland. „Nichts rechtfertigt die Bedrohung von Jüdinnen und Juden in Deutschland oder Angriffe auf Synagogen in deutschen Städten“, sagte er in einem am Donnerstag veröffentlichten Beitrag für die „Bild“-Zeitung.

Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron will unterdessen zu einer raschen Beruhigung des Konflikts beitragen. In einem Telefonat mit dem Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas habe der 43-Jährige die Raketenangriffe der Hamas und „anderer terroristischer Gruppen“ auf Israel verurteilt, teilte der Élyséepalast in Paris mit. Macron wolle auch mit Netanjahu telefonieren.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern war zuletzt wieder aufgeflammt. Er spitzte sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nach der Absage der palästinensischen Parlamentswahl immer weiter zu. Als Auslöser gelten etwa Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden. Hinzu kamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Scheich Dscharrah wegen Zwangsräumungen sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg (Al-Haram al-Scharif).

Die Anlage mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Der Konflikt greift zunehmend auch auf Orte im israelischen Kernland über - mit Gewalttaten von Arabern gegen Juden und umgekehrt.

(hebu/mba/dpa/AFP)