Islamischer Staat: Rechtfertigung durch Koran?

Islamischer Staat und Islam : Was hat der Koran wirklich mit Terror zu tun?

Die Terrormiliz Islamischer Staat gibt vor, nach der Lehre der Religion zu handeln. Die Leitsätze des Islam haben in Wahrheit aber wenig mit den terroristischen Taten der Dschihadisten zu tun.

Drei britische Schulmädchen wollen womöglich in Syrien in den Kampf ziehen. Die US-Behörden nehmen in New York und Florida drei Männer fest, die Anschläge auf amerikanischem Boden verüben wollten. Und ein Maskierter aus London mit einem Messer in der Hand wird zum Gesicht des Terrors.

Sie alle gehören zu zehntausenden Muslimen, die der Terrormiliz Islamischer Staat die Treue geschworen haben oder schwören wollen. Schätzungsweise 20.000 sind bereits in das vom IS ausgerufene Kalifat in Syrien und im Irak geströmt. Aber wie tief ist die Ideologie der Terroristen, die so viele zum Kampf ermutigt, wirklich im Islam verwurzelt?

Verse des Korans falsch interpretiert

Die Mehrheit der muslimischen Geistlichen ist sich einig: Der IS pickt sich aus dem heiligen Buch des Islams, dem Koran, und aus den Überlieferungen die für ihre Absichten passenden Verse heraus. Dann werden viele Verse auch noch falsch interpretiert. Andere werden ignoriert, die den Einstellungen der Extremisten widersprechen.

Der IS behauptet von sich, den Prophezeiungen und dem Beispiel Mohammeds zu folgen und spricht damit junge Radikale an. Die Propaganda der Miliz präsentiert die jungen Anhänger als heilige Krieger, die das Kalifat neu errichten und mit Gewalt den Islam durchsetzen.

Die Schriften der IS-Geistlichen und des englischsprachigen Online-Magazins der Gruppe sind voll von Koran-Versen und deren Interpretationen. Die Verse werden jedoch oft aus dem Zusammenhang gerissen, wie der Lehrbeauftragte für Islamische Studien an der Radboud Universität in den Niederlanden, Joas Wagemakers, erklärt.

Dies sei keine Erfindung des IS, sagt Wagemakers. Muslimische Geistliche hätten schon immer Texte nach eigenen Vorstellungen ausgelegt, um sie für ihre Zwecke zu nutzen. Der IS jedoch "geht weiter als alle anderen Gelehrten vor ihnen. Sie repräsentieren ein Extrem." Es wäre also falsch zu behaupten, der Islamische Staat vertrete den "wahren Islam".

Forderungen nach Barmherzigkeit ignoriert

Allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz sei der IS eine politische Gruppierung, sagt der Dozent für Islamisches Recht an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, Khaled Abou El Fadl. Die Miliz sei aus den Konflikten in Syrien und dem Irak hervorgegangen.

Drastischere Worte findet der Lehrbeauftragte am Institut für Islamische Studien der Zayed Universität in Dubai, Ahmed al-Dawoody: Der IS versuche, Gott zu einem "Mitverschwörer in einem Genozid-Projekt" zu machen. "Das ist kein islamischer Terror, das ist Terror, der von Muslimen begangen wird."

Der IS legt die Schriften aber nicht nur falsch aus, sondern ignoriert auch Koran-Verse und andere Quellen, die von den Gläubigen Barmherzigkeit, den Schutz des Lebens und der Unschuldigen fordert, wie die meisten Geistlichen erklären. Auch diese Forderungen sind Teil des islamischen Rechts, der Scharia. Im Kampf gegen die IS-Ideologie hat es sich als Problem erwiesen, dass moderate Geistliche noch keine umfassende, moderne Interpretation des Korans gefunden haben. Dies gilt besonders für die Verse, die sich auf Mohammeds Kriege gegen seine Feinde beziehen.

Debatte über Autorität, die heiligen Texte zu interpretieren

Radikale verweisen häufig auf die neunte Sure, in der Muslime aufgefordert werden, gegen Polytheisten zu kämpfen und Christen und Juden zu unterwerfen, bis sie eine Steuer zahlen. Moderate Geistliche führen dagegen an, dass die Verse sich auf die damalige Zeit beziehen und verweisen auf andere Verse, in denen es heißt, Religion beinhalte keine Gewalt.

Moderate und radikale Geistliche akzeptieren dennoch manchmal dieselben Grundsätze. So verurteilte der Imam der Al-Azhar-Moschee in Kairo, Ahmad Mohammad al-Tayyeb, eine wichtige religiöse Autorität des sunnitischen Islams, die Verbrennung eines jordanischen Piloten als eine Verletzung des Islams. Dann aber forderte er, dass die Täter dieselbe Strafe erfahren sollten, die der IS für seine Gegner vorsieht: Kreuzigung, Tod oder die Amputation von Händen und Beinen.

Damit kreist die Debatte um die Frage, wer über die Autorität verfügt, die heiligen Texte des Islams korrekt zu interpretieren. Weil die meisten prominenten Geistlichen im Nahen Osten staatlichen Institutionen angehören, werfen ihnen Extremisten vor, sich nur autoritären Herrschern zu beugen.

"Nach religiöser Interpretation gesucht, um Brutalität zu rechtfertigen"

Grundsätze des IS, wie die Trennung der Geschlechter, der Zwang zur Verschleierung für Frauen, der Hass auf Schiiten und drastische Strafen wie Auspeitschungen werden aber auch von Geistlichen in Saudi-Arabien akzeptiert, das der wahhabitischen Interpretation des Islams folgt. Der IS geht noch weiter. Die Miliz erklärt, jeder, der Enthauptungen und Versklavungen von Gefangenen ablehne, sei kein wahrer Muslim und von westlichem Gedankengut korrumpiert.

Ein Geistlicher der Gruppe, Hussein bin Mahmud, verteidigte Enthauptungen mit den Worten: "Es pervertieren nicht die den Islam, die den Ungläubigen die Köpfe abschneiden und sie terrorisieren, sondern die, die einen Islam wie Mandela oder Gandhi wollen, ohne Mord, ohne Kampf, ohne Blut." Der Islam sei eine Religion des Kampfes und des Blutvergießens.

Wieder verweist der IS auf den Koran, in dem Muslime aufgefordert würden, ihren Feinden die Hälse zu durchtrennen. Andere Geistliche führen dagegen an, dem Vers zufolge sollten Muslime ihre Feinde im Kampf rasch töten. Es handele sich keinesfalls um eine Aufforderung zu Enthauptungen. Der IS ignoriere außerdem den nächsten Teil des Verses, in dem es heiße, Muslime sollten Gefangene freilassen - als Akt der Nächstenliebe oder gegen Zahlung eines Lösegelds.

Scheich Hamadah Nassar, ein Geistlicher der Salafisten, findet: Der IS "hat sich anscheinend zuerst ein brutales Konzept zugelegt und dann nach religiösen Interpretationen gesucht, um seine Handlungen zu decken."

Hier geht es zur Infostrecke: In diesen Ländern gibt es gefährliche IS-Ableger

(ap)
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