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Kommentar: Isis zwingt zu einer neuen Sicht auf den internationalen Terror

Kommentar : Isis zwingt zu einer neuen Sicht auf den internationalen Terror

Die jüngsten Entwicklungen im Irak zwingen zu einer völlig neuen Sicht auf die Krisenherde der Welt. Seit 2001 orientierte sich Deutschland an der Terrorbekämpfung.

Weil in Terrorcamps der Taliban in Afghanistan auch Killer für Attentate in Deutschland ausgebildet werden konnten, prägte seinerzeit Verteidigungsminister Peter Struck die Formel, wonach "Deutschland auch am Hindukusch verteidigt" werde. Deshalb war die Bundeswehr-Beteiligung in Afghanistan okay. Im Irak ging es dagegen um nicht überzeugende Kriegsmotive von US-Präsident Bush, die mit der Bedrohungslage in Deutschland nichts zu tun hatten. Deshalb kam jede militärische Unterstützung dort nicht in Frage. Nun hat sich die Situation radikal gewandelt.

Denn der Tausende Menschenleben kostende US-Krieg gegen das Regime von Saddam Hussein hat letztlich dazu geführt, dass der Irak nun zu dem zu werden droht, weswegen die westliche Welt in Afghanistan intervenierte: zu einem riesigen Terrorcamp. Offensichtlich ist die Isis-Terrorbewegung nicht nur in der Lage, scheinbar mühelos weite Landstriche, Hunderte von Ortschaften und ganze Millionenstädte zu erobern, sondern sofort eine Infrastruktur aufzubauen, durch die modernste schwere Waffen kurz nach der Erbeutung im Irak im Nachbarland Syrien einsatzklar gemacht werden. Der Erfolg scheint weitere radikalisierte Islamisten aus Europa anzulocken, die nun nicht nur als Kanonenfutter eingesetzt werden, sondern die offenbar dazu trainiert werden, den Dschihad auch in die Straßen Deutschlands und seiner Verbündeten zu tragen.

Geheimdienste haben versagt

Das ist zunächst einmal ein katastrophales Versagen der Geheimdienste. Sie wurden von der Wucht der islamistischen Vorstöße völlig überrascht — und das nach so vielen Erfolgen durch das Auswerten abgehörter Telefonate, mitgelesener Mails und angezapfter menschlicher Quellen: Ganz gleich, ob in Düsseldorf oder im Sauerland Verabredungen zu einem Anschlag liefen, allein in Deutschland konnte ein Dutzend Mal rechtzeitig Alarm ausgelöst und ein Attentat schon in der Planungs- und Vorbereitungsphase gestört und somit verhindert werden.

Der Vorteil für die Terrorabwehr bestand in der konspirativen Kommunikation, für die die Dienste ein offensichtlich gut funktionierendes Sensorium entwickelt hatten. Das ist in der aktuell sich zuspitzenden Bedrohung völlig anders. Der Attentäter, der als Einzeltäter in Belgien zuschlug, stammte aus Frankreich, war vorher über mehrere andere Länder gereist und schließlich über Deutschland in seine Heimat zurückgekehrt. Verdeckte Informationen darüber gingen von den deutschen Sicherheitsbehörden an ihre französischen Partner. Die Spanier, Briten, die Dänen, Niederländer und eben die Belgier wussten nichts davon.

Deshalb müssen die Innenminister sehr schnell klären, wie sie in einem Europa der offenen Binnengrenzen auf die neue terroristische Bedrohung reagieren. Wer mit deutschem Pass unterwegs ist, nimmt die Freizügigkeit selbstverständlich in Anspruch. Aber nicht immer ist es ein friedliebender Bürger. Auch Dschihad-Kämpfer verfügen über deutsche Pässe. Da ist neues Nachdenken nötig.

Das betrifft auch die dringende Vorbeugung. Es klingt gut, mit einem Netzwerk von Ansprechpartnern auf Hilferufe von Familien zu regieren, deren Männer, Söhne, Brüder oder Neffen plötzlich "komisch" werden und offensichtlich in den Islamismus abrutschen. Aber wie überzeugend ist das angesichts einer Stimmung in bestimmten radikalisierten Gruppen, in der Massenhinrichtungen bejubelt und Bilder von abgeschlagenen Köpfen "geliked" werden? Deutschland muss sicherlich nicht zwischen Euphrat und Tigris verteidigt werden — aber die bisherigen Antworten reichen erkennbar auch nicht mehr aus.

Hier geht es zur Infostrecke: Chronologie des Aufstiegs des IS im Irak

(may)