Neue Anschläge und Folterfälle: Irak vor Wahl: Menschen zittern

Neue Anschläge und Folterfälle : Irak vor Wahl: Menschen zittern

Bagdad (rpo). Am 30. Januar sind Wahlen im Irak, doch das Plakat vor dem schiitischen Heiligtum zeigt noch immer Saddam Hussein. Denn die Schiiten wollen das Volk zur Wahl mobilisieren. Das Plakat trägt den Schriftzug: "Damit dies nie wieder geschehen kann, nehmt an der Wahl teil!" Doch die Sunniten tuen alles, um dies zu verhindern. Währenddessen erschüttern neue Folterfälle und Anschläge den Frieden im Irak. Die Menschen zittern um ihren Frieden.

Das Plakat gehört zum Wahlkampf der Kandidatenliste, die die Unterstützung des obersten schiitischen Geistlichen im Irak genießt, Großayatollah Ali al Sistani. Al Sistani ist dafür, dass die Wahl wie geplant am 30. Januar stattfindet.

Während die meisten Sunniten im Irak die Abstimmung wohl boykottieren werden, arbeiten viele Schiiten engagiert daran, die Mehrheit in der 275 Sitze zählenden Nationalversammlung zu gewinnen. Zur Bevölkerungsgruppe der Schiiten gehören 60 Prozent der 26 Millionen Iraker. Das neue Parlament soll das Land für elf Monate regieren und eine dauerhafte Verfassung ausarbeiten.

Gewaltakte am Freitag

Nach dem Bombenanschlag auf eine schiitische Moschee in der irakischen Hauptstadt Bagdad hat sich die Zahl der Toten auf mindestens zehn erhöht. Etwa dreißig weitere Menschen seien verletzt worden, als die Autobombe vor dem morgendlichen Freitagsgebet im Südwesten der Stadt explodiert sei, sagte ein Arzt aus dem Jarmuk-Krankenhaus.

Ein Sprecher des Innenministeriums hatte zuvor von sechs Toten und 29 Verletzten gesprochen. Die Bombe explodierte demnach vor der Moschee Schuhada el Taf im Stadtviertel Rissala.

Neue Foltervorwürfe

Gegen eine dänische Offizierin und vier Militärpolizisten ist am Freitag Anklage wegen Misshandlung irakischer Gefangener erhoben worden. Ihnen wird vorgeworfen, Häftlingen Wasser und Nahrung verweigert zu haben. Zudem hätten sie die Iraker beschimpft und bei Verhören zum Verharren in schmerzhaften Positionen gezwungen, sagte Militärstaatsanwalt Peter Otken.

Zwei der Militärpolizisten sollen einen Gefangenen außerdem durch die Haftanstalt geschleift haben, so dass seine Hose auf seine Knöchel herabrutschte. Die Vorwürfe beziehen sich auf drei verschiedene Vorfälle im März, April und Juni vergangenen Jahres. Im Falle einer Verurteilung droht den Soldaten eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr.

Politische Allianzen im Irak

Die 228 Mitglieder zählende, von Al Sistani unterstützte Vereinigte Irakische Allianz wird das Parlament voraussichtlich dominieren. Sie vertritt 16 Gruppierungen, darunter die größte schiitische politische Vereinigung, den Obersten Rat für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI), sowie den Irakischen Nationalkongress von Ahmed Tschalabi. Auf der Liste stehen auch 32 Sunniten.

Eine weitere wichtige Fraktion ist die 233 Mitglieder zählende Irakische Liste, die von Übergangsministerpräsident Ajad Allawi angeführt wird. Allawi setzt auf sein Image als starker Mann, der die Sicherheit der Bevölkerung gewährleistet. In Fernsehspots und auf Pressekonferenzen versichert er immer wieder, dass er die Aufständischen bekämpfen werde, bis sie besiegt seien.

Al Sistani, der mächtigste und angesehenste Geistliche der Schiiten, hat es als religiöse Pflicht jeden Mannes und jeder Frau bezeichnet, zur Wahl zu gehen. Es wird erwartet, dass sich die Mehrheit der Bevölkerungsgruppe an seine Empfehlung hält. Ganz anders die Sunniten, die mit 20 Prozent die größte Minderheit im Irak stellen. Viele von ihnen, darunter auch Geistliche, haben unter Verweis auf die Sicherheitslage eine Verschiebung der Wahl gefordert. Darüber hinaus machen sie geltend, dass das Land de facto unter US-Besatzung stehe. Die meisten schiitischen Politiker und Geistlichen sehen Wahlen aber gerade deshalb als nötig an, damit eine rechtmäßig gewählte Regierung über den Abzug der ausländischen Truppen verhandeln könne.

"Wir leben in einem Land mit einer schlechten Sicherheitslage, deshalb ist die Wahl nötig", sagt Maitham Faisal, ein Berater Al Sistanis. "Die Wahl kann nicht verschoben werden, weil das zu einem politischen und rechtlichen Vakuum führen würde. Wir sind ein Land unter Besatzung." Der SCIRI-Vorsitzende Abdel Asis al Hakim sagt, falls die Schiiten die Mehrheit errängen, seien sie bereit, die Macht mit den Sunniten zu teilen. "Wir wollen einen Irak, der die Freiheiten schützt, einen demokratischen Irak für alle Iraker, der die islamische Identität des irakischen Volks respektiert." Der radikale schiitische Prediger Muktada al Sadr, der gegen Wahlen ist, so lange ausländische Truppen im Land sind, hat seinen Anhängern die Entscheidung über ihre Teilnahme freigestellt.

Stimmung im Volk

Auf den Straßen von Sadr City sagt kaum jemand, dass er nicht zur Wahl gehen will. Der frühere Oberst Jassin Taher meint, die Iraker müssten wählen, "denn wir wollen einen legitimen Staat, eine neue Regierung und Verfassung". Der 42-Jährige fügt hinzu, dass er für die von Allawi angeführte Liste stimmen werde, "weil er der starke Mann ist und die Sicherheit und die wirtschaftliche Lage verbessern kann". Der 30-jährige Gemüsehändler Jassim Mohammed erklärt, er werde die Vereinigte Irakische Allianz wählen, "denn das ist das, wozu uns der Großayatollah aufgefordert hat".

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Gewalt im Irak eskaliert

(ap)
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