Interview: So prekär ist die Situation an Bord des Flüchtlingsschiffs „Lifeline“

Situation auf Flüchtlingsschiff „Lifeline“ : „Die Menschen an Bord haben keine Zeit mehr“

Das Rettungsschiff „Lifeline“ mit 234 Migranten an Bord muss weiter im Mittelmeer warten. Die Crew findet keinen Hafen, in den sie einlaufen darf. Luise Amtsberg war an Bord. Wir haben mit ihr gesprochen.

Als wir mit Luise Amtsberg sprechen, ist sie gerade auf dem Weg zum Flughafen. Die Nacht hat sie auf der „Lifeline“ verbracht. Dort warten derzeit 234 Geflüchtete und 18 Crew-Mitglieder auf die Einfahrt in einen rettenden Hafen. Amtsberg ist flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag und war nach Malta geflogen, um die Situation an Bord des Flüchtlingsschiffs selbst in Augenschein zu nehmen.

Frau Amtsberg, wie kam es dazu, dass Sie nach Malta geflogen sind?

Luise Amtsberg Am Samstagabend hat die Crew der "Lifeline" zu uns Kontakt aufgenommen. Als flüchtlingspolitische Sprecherin habe ich regelmäßig Kontakt zu den zivilen Seenotrettern, die im Mittelmeer unterwegs sind. Ich fühle mich als Abgeordnete für die deutsche Crew verantwortlich. Mit der Unterstützung der Organisation Sea-Watch haben wir ein Boot gefunden, das uns von Valletta aus zur "Lifeline" fahren konnte.

In welcher Situation befindet sich das Schiff?

Amtsberg An Bord der "Lifeline" befinden sich 234 Geflüchtete. Die Crew hat sie am Donnerstag in internationalen Gewässern gerettet und wartet seither, dass die libysche Leitstelle ihnen einen sicheren Hafen zuweist. Das ist bisher nicht geschehen. Auch ist es juristisch fraglich, ob Libyen tatsächlich zuständig ist. Malta und Italien wiederum verweigern die Einfahrt in ihre Häfen. Derzeit liegt das Schiff 25 Seemeilen vom Hafen in Valletta entfernt. Der Sprit reicht nicht mehr, um noch irgendwo anders hinzufahren. Das Wetter soll am Dienstag umschlagen. Dann kann man die Menschen an Bord nicht mehr sicher irgendwo hintransportieren und schützen.

In welchem Zustand sind die Menschen an Bord?

Amtsberg Es sind überwiegend junge Männer aus dem Sudan, Eritrea und Somalia. An Bord sind aber auch Frauen und Kleinkinder. Eine Mutter eines vier Monate alten Säuglings ist nachts wegen Unterzuckerung ins Koma gefallen. Die Ärzte an Bord konnten ihr zum Glück helfen. Es gibt auch andere kritische medizinische Fälle, etwa wegen Knochenbrüchen. Man muss auch sagen, dass die Menschen ohnehin eine schlechte Kondition haben. Sie kommen aus Libyen, haben Schlimmes erlebt auf ihrer Flucht. Da ist nicht mehr viel Substanz. Die Angst, dass sie mit dem Schiff nirgendwo anlanden können, ist sehr groß.

Manuel Sarrazin und Luise Amtsberg, beide Bundestagsabgeordnete der Grünen, stehen am Heck des Rettungsschiffs "Lifeline" der Hilfsorganisation Mission „Lifeline“. Foto: dpa/Felix Weiss

Können die Menschen an Bord versorgt werden?

Amtsberg Das Schiff ist völlig überladen, allein das ist auf Dauer psychisch kaum auszuhalten. Die maltesische Marine hat sich bereit erklärt, Hilfsgüter hinaus zu fahren, die die anderen Seenotrettungsorganisationen bereit gestellt haben. So können die Menschen mit dem Nötigsten versorgt werden. Das Schiff hat eine Wasseraufbereitungsanlage, so dass zumindest genug Trinkwasser da ist. An Deck gibt es zwei Klos und eine Dusche. Die Situation ist prekär.

Wie geht es aus Ihrer Sicht weiter?

Amtsberg Es geht hier gerade nicht um die großen europapolitischen Fragen, auf die zweifelsohne Antworten gefunden werden müssen. Jetzt aber geht es um eine zügige Lösung, denn die Menschen an Bord haben keine Zeit mehr. Ich fordere die Bundesregierung auf, sich unverzüglich mit den maltesischen Behörden auseinanderzusetzen und eine Lösung zu verhandeln. Die Flüchtlinge müssen entweder auf See evakuiert werden oder auf Malta einlaufen dürfen. Andere Optionen gibt es nicht.

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