Interview Niklas Höhne „Deutschland muss in den Klima-Notfallmodus schalten“

Interview | Glasgow · Niklas Höhne ist renommierter Klimaforscher und Leiter des NewClimate-Insituts. Im Gespräch mit unserer Redaktion sieht er Licht und Schatten bei der Klimakonferenz in Glasgow, übt Kritik an den Ampel-Parteien – und sagt, warum die Gaspipeline Nord Stream 2 nicht in Betrieb gehen darf.

 Niklas Höhne, Chef des NewClimate Instituts. (Archiv)

Niklas Höhne, Chef des NewClimate Instituts. (Archiv)

Foto: Eibner-Pressefoto / dpa

Herr Höhne, sind Sie zufrieden mit dem Fortschritt bei der Klimakonferenz?

Höhne Diese Klimakonferenzen haben zwei Dinge, die wichtig sind: Der Abschlusstext, der zum jetzigen Zeitpunkt noch verhandelt wird, ist mit fast 200 beteiligten Staaten immer ein Kompromiss, der auch enttäuschen wird. Aber immerhin haben viele Staaten neue Klimaschutzziele vorgelegt, die beispielsweise im Fall Indiens enorm wichtig waren. Ebenso wichtig sind aber die Nebenabkommen bei solchen Konferenzen, die nicht offiziell verhandelt werden. Und bei denen hat es Fortschritte gegeben.

Über welche Abkommen haben Sie sich gefreut?

Höhne Jedes einzelne bringt uns nach vorn, etwa zum Waldschutz, zur Verringerung des Methan-Ausstoßes, zu emissionsfreien Fahrzeugen oder zur Verringerung von Emissionen im Luftverkehr.

Die Umsetzung war bislang aber stets das Problem. Wie verbindlich sind solche Verabredungen überhaupt?

Höhne Die Staaten werden gedrängt, sich immer neue Maßnahmen zu überlegen und gehen das gemeinsam bei diesen Konferenzen an. Es gibt in vielen Feldern gewissen Gruppenzwang, bringt also politisch immer etwas. Aber selbst wenn man alle Ziele, Maßnahmen und Nebenabkommen zusammenrechnet und für gesichert hält, gibt es nach wie vor eine riesige Lücke bis zum sogenannten 1,5-Grad-Pfad.

Also dem Kurs, auf den die Staaten schwenken müssen, um die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen.

Höhne Korrekt. Unsere Berechnungen zeigen, dass die globalen Treibhausgasemissionen in den kommenden zehn Jahren halbiert werden müssen, um das Ziel erreichen zu können. Mit allen Zusagen, die in den Jahren vor dieser Konferenz und hier in Glasgow gemacht worden sind, kommen wir grob geschätzt im Jahr 2030 auf denselben Emissionswert, den wir heute haben. Anders ausgedrückt: Wir werden voraussichtlich in zehn Jahren immer noch doppelt so viele Treibhausgase in die Atmosphäre pusten, wie wir für das 1,5-Grad-Ziel eigentlich dürften. Diese enorme Lücke ist hier in Glasgow um etwa ein Fünftel geschrumpft. Aber das reicht natürlich längst nicht aus.

Muss also das Ziel langsam aufgegeben werden?

Höhne Angesichts dessen, dass wir bereits heute eine Erderwärmung von 1,1 Grad erreicht haben, wird es sehr schwierig. Für ausgeschlossen halte ich es aber nicht, dass es noch zu machen ist. In diesem Tempo jedenfalls nicht. Mit allen bisherigen Zusagen werden wir bis Ende des Jahrhunderts bei 2,4 Grad Erwärmung landen. Eine Horrorvorstellung für das Leben auf der Erde.

Was ist zu tun?

Höhne Die Länder müssen ihre Langfristziele, die sie für die Zeit nach 2030 ausgegeben haben, mit kurzfristigen Zusagen und Maßnahmen unterfüttern. Dann könnten wir bis Ende des Jahrhunderts bei 1,8 Grad landen. Das zeigt: Selbst diese ambitionierten Ziele, die etwa Indien formuliert hat, reichen noch nicht. Und die Staaten sind sehr weit weg davon, tatsächlich die erforderlichen kurzfristigen Maßnahmen zu ergreifen. Bislang ist kein einziges Land der Erde auf dem Kurs, auf dem es für Netto-Null-Emissionen sein sollte.

Was muss unterm Strich dieser Konferenz stehen?

Höhne Es ist entscheidend, dass alle Länder zugeben, dass es nach wie vor eine riesige Lücke zwischen ihren Zusagen und dem 1,5-Grad-Pfad gibt. Und Glasgow ist auch nur dann ein echter Erfolg, wenn man sich darauf einigt, dass die nächste Runde für neue Klimaschutzverpflichtungen bereits im kommenden Jahr stattfinden wird. Bislang ist im Pariser Klimaschutzabkommen vorgesehen, dass die Staaten nur alle fünf Jahre neue Klimaschutzziele nennen müssen. Bleibt es dabei, werden wir das 1,5-Grad-Ziel nicht mehr erreichen können.

Die Ampel-Parteien verhandeln noch den Koalitionsvertrag, auch beim Thema Klimaschutz. Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie bislang davon gehört haben?

Höhne Im Sondierungspapier ist das 1,5-Grad-Ziel ganz vorn genannt. Das ist schon mal gut. Aber die jetzigen Klimaziele Deutschlands reichen dafür noch nicht. Ich habe noch Hoffnung, glaube aber, dass die Dringlichkeit noch nicht allen klar ist.

Wie meinen Sie das?

Höhne Deutschland muss in den Klima-Notfallmodus schalten. Die Klimakrise ist eine Bedrohung für unser Land, die noch viel ernster genommen werden muss. In einem solchen Notfallmodus müssten alle Register gezogen werden. Klimaschutz muss in Deutschland viel radikaler werden. Einige in der Koalition scheinen das nicht verstanden zu haben, wenn sie gleich am Anfang der Verhandlungen so etwas wie das Tempolimit wegverhandelt haben. Es würde für den Klimaschutz nur einen kleinen Beitrag bringen, aber immerhin einen. Wir brauchen jede erdenkliche Maßnahme, um auf den 1,5-Grad-Pfad zu kommen.

Hätte Deutschland also die Initiative zu emissionsfreien Autos unterschreiben sollen, auch wenn die synthetischen Kraftstoffe darin ausgeschlossen sind, auf die das Verkehrsministerium dringt?

Höhne Es macht keinen Sinn, für Pkw an synthetischen Kraftstoffen festzuhalten. Sie sind zu teuer und ineffizient. Selbst bei Lkw kann man den Einsatz infrage stellen. Das ist ein weiteres Beispiel, dass die Dringlichkeit zu vielen politisch Verantwortlichen noch nicht bewusst ist. In einer anerkannten Notlage müsste so etwas sofort unterschrieben werden. Deutschland kann kein Vorreiter beim Klimaschutz sein und bei einer solchen Initiative als wichtiger Automarkt die Unterschrift verweigern.

Ist aus Ihrer Sicht ein Szenario denkbar, bei dem Nord Stream 2 ans Netz geht und Deutschland trotzdem das 1,5-Grad-Ziel erreichen kann?

Höhne Nein. Nord Stream 2 darf nicht ans Netz, weil Gas als Brückentechnologie nicht zum 1,5-Grad-Ziel passt. Es fehlt schlicht die Zeit, um Gas weiter für viele Jahre nutzen zu können. Es braucht den radikalen Ausbau erneuerbarer Energien und es braucht ihn sofort als Ersatz für Kohle und Atom.

Wie bewerten Sie den Vorstoß aus NRW, den Kohleausstieg bereits bis 2030 zu vollziehen?

Höhne Dieser Schritt ist zwingend für ganz Deutschland. Ich kann nur hoffen, dass die neue Bundesregierung alles dafür tun wird, auch die Lausitz und die anderen Kohlegebiete bis 2030 zum Ausstieg zu bringen.

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