In Israel gibt es Bonuspunkte für Organspender

Medizin : In Israel gibt es Bonuspunkte für Organspender

Viele Juden halten Organspenden für unvereinbar mit ihrer Religion. Israel reagierte darauf 2010 mit einem weltweit einzigartigen Gesetz.

(kna) Juden weltweit und vor allem auch in Israel sind traditionell sehr zurückhaltend bei Organspenden. Mit einem 2010 verabschiedeten Gesetz hat das israelische Parlament allerdings klar Stellung zugunsten der Organspende bezogen: Unklarheiten bei der Bestimmung des Hirntods sollten ausgeräumt, illegalem Transplantationstourismus ein Ende bereitet und vor allem der Mangel an Spenderorganen bekämpft werden.

Deshalb entwickelte die Regierung eine Art Punktesystem, das Bürger, die selber zur Organspende bereit sind, auch beim Empfang von Spenderorganen bevorzugt. Nach israelischen Angaben handelt es sich um das weltweit erste und einzige System dieser Art.

Von medizinischer Dringlichkeit abgesehen, werden jene Patienten bevorzugt, die entweder selbst eine Lebendspende getätigt haben oder aber Angehörige ersten Grades von Organspendern sind. In der zweiten Reihe stehen jene, die sich durch einen Organspenderausweis als potenzielle Spender zur Verfügung stellen, danach folgen Verwandte ersten Grades von Organspenderausweisbesitzern. Anders formuliert: Wenn zwei Patienten in gleichem medizinischen Maße auf ein Spenderorgan angewiesen sind, kommen die genannten Regeln zur Anwendung.

Nach dem Gesetz erhalten Lebendspender einen finanziellen Ausgleich für die entstehenden medizinischen Kosten sowie den Arbeitsausfall bis zu einer Summe von umgerechnet 4500 Euro. Transplantationen im Ausland hingegen dürfen von Krankenkassen nicht mehr finanziert werden. Landesweit unterliegt die Koordination von Organspenden und Transplantationen dem unter der Aufsicht des Gesundheitsministeriums arbeitenden Nationalen Transplantationszentrum. Dieses stellt auch die Organspenderausweise aus.

Das System hat freilich auch seine Kritiker. Wer etwa keinen Zugang zu Medien oder Sensibilisierungskampagnen habe, erhalte keine Kenntnis von den Programmen zur Spenderregistrierung und den damit verbundenen Anreizen, heißt es. Stattdessen müsse der medizinischen Notwendigkeit allein oberste Priorität zukommen.

Der Erfolg hingegen scheint dem Gesetzgeber Recht zu geben. Der Transplantationstourismus ist seit Inkrafttreten der Neuregelung deutlich zurückgegangen. Um dreizehn Prozentpunkte auf eine Rekordzahl von 582 stieg die Zahl der Transplantationen im vergangenen Jahr, 258 davon waren Lebendspenden. Dennoch warten weiterhin mehr als 1000 Israelis auf ein geeignetes Spenderorgan. Schätzungen zufolge sterben jährlich rund zehn Prozent der Wartenden.

Die vergleichsweise geringe Bereitschaft zur Organspende in Israel geht unter anderem auf Auslegungen des jüdischen Religionsrechts zurück. Sie führen bei vielen – säkularen wie religiösen – Juden zur Annahme, Organspende sei nicht mit dem Judentum vereinbar. Genannt werden etwa das biblische Verbot der Verstümmelung von Leichen und der Verzögerung der Bestattung oder auch das Verbot, aus dem Tod Profit zu ziehen. Auch gibt es das Argument, fehlende Organe könnten der Auferstehung bei der Ankunft des Messias entgegenstehen. Allerdings setzen Rabbiner der meisten jüdischen Strömungen diesen Argumenten die jüdische Pflicht zur Rettung gefährdeten Lebens (Pikuach Nefesch) entgegen.

Problematisch im Blick auf Organspende bleibt die Definition des Hirntods, die insbesondere im strengreligiösen jüdischen Milieu nicht uneingeschränkt akzeptiert wird. Um jeden Zweifel auszuräumen, der einer Organspende aus jüdisch-religionsrechtlicher Sicht entgegenstehen könnte, räumt das Transplantationszentrum die Möglichkeit ein, die Organentnahme von der Zustimmung eines entsprechend ausgebildeten Rabbiners abhängig zu machen. Damit wurden die Organspendeausweise für das israelische Oberrabbinat tragbar.

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