Neue Unruhen: In den Pariser Vorstädten gärt es wieder

Neue Unruhen : In den Pariser Vorstädten gärt es wieder

Paris (rpo). Die schweren Unruhen in den Pariser Vorstädten drohen wieder aufzuflammen. In Clichy-sous-Bois und dem benachbarten Montfermeil gingen in der Nacht zum Dienstag fast ein Dutzend Autos in Flammen auf. Unbekannte bewarfen ein Polizeikommissariat in Montfermeil mit Steinen und verletzten dabei vier Polizisten.

In beiden Städten wurden insgesamt fünf Verdächtige festgenommen. Unter ihnen war auch der 18-jährige Muhittin Altun, der im vergangnenen Herbst in Clichy-sous-Bois schwere Verbrennungen in einem Stromtransformator erlitten. Zwei von Polizisten verfolgte Jugendliche waren dort damals gestorben, was die mehrwöchigen Jugendunruhen ausgelöst hatte.

Der Polizei zufolge soll Altun Steine auf eines ihrer Fahrzeuge geworfen haben. Nach Angaben seines Anwalts bestreitet Altun das entschieden und beteuert seine Unschuld. Am Mittwoch sollte er dem Anwalt zufolge an einer Ortsbegehung des Stromtransformators in Clichy-sous-Bois teilnehmen.

AFP-Journalisten sahen in Clichy-sous-Bois kurz vor Mitternacht ein brennendes Polizeifahrzeug, dem zuvor vier sichtlich schockierte Polizisten entstiegen waren.

Hubschrauber mit Suchscheinwerfern

Ein mit einem Suchscheinwerfer ausgestatteter Hubschrauber überflog die beiden Pariser Vorstädte. Dort hatte es bereits am Montagabend Ausschreitungen gegeben. Vermummte und teils mit Baseballschlägern bewaffnete Jugendliche hatten das Haus des Bürgermeisters in Montfermeil mit Steinen beworfen.

Der Bürgermeister Xavier Lemoine hatte Anfang April per Erlass ein Versammlungsverbot für mehr als drei Jugendliche im Stadtzentrum erlassen. Anfang Mai hatte ein Gericht die Verordnung ausgesetzt. Das Haus des Stadtoberhaupts von der konservativen Regierungspartei UMP war bereits Ende April Ziel von Angriffen gewesen; er und seine Familie stehen seitdem unter Polizeischutz. In der Nacht zum Dienstag kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Jugendlichen auch in Clichy-sous-Bois.

Sarkozy fordert schärferes Strafrecht

Nach den jüngsten gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Polizei und jungen Vorstadt-Bewohnern in Frankreich hat Innenminister Nicolas Sarkozy die geplante Verschärfung des Jugendstrafrechts verteidigt. "Wenn sich so viele zur Gewalt hinreißen lassen, liegt dies daran, dass sie das Gefühl der Straffreiheit haben", sagte Sarkozy am späten Dienstagabend im Kommissariat der Pariser Vorstadt Gagny.

Viele Wiederholungstäter kämen nach ihrer Festnahme umgehend wieder frei, weil sie noch minderjährig seien. Polizei und Gendarmerie hätten aber "anderes zu tun, als immer dieselben festzunehmen".

Bei den Krawallen in der Pariser Vorstadt Montfermeil in der Nacht zum Dienstag seien mehr als hundert Gewalttäter vermummt und bewaffnet gewesen und hätten damit eindeutig "vorsätzlich" gehandelt, sagte Sarkozy. Vergangene Woche hatte die konservative Regierung in Paris eine Verschärfung des Jugendstrafrechts angekündigt.

Justizminister Pascal Clément hatte betont, am Grundsatz der Strafmündigkeit mit 18 Jahren werde nicht gerüttelt. Das Jugendstrafrecht solle weiter gelten; geplant seien aber Schnellverfahren, bei denen Jugendliche Jugendrichtern unmittelbar vorgeführt werden.

Seine-Saint-Denis war Ende Oktober Ausgangspunkt der Unruhen, die dann auf die durch hohe Jugendarbeitslosigkeit und einen starken Einwanderanteil geprägten Vorstädte im ganzen Land übergriffen. Rund 10.000 Autos wurden bei den dreiwöchigen Krawallen in Brand gesetzt, 300 öffentliche und private Gebäude zerstört. Die Regierung verhängte erstmals seit Jahrzehnten den Ausnahmezustand, indem sie auf ein entsprechendes Gesetz aus der Zeit des Algerienkriegs zurückgriff.

(afp2)
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