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In Afghanistan gehen viele nicht zur Wahl - aus Angst vor den Taliban

Terror am Hindukusch : Viele Afghanen wählen nicht – aus Angst

Die Beteiligung an der Präsidentschaftswahl war niedrig. Denn die Taliban schüchtern die Bürger ein, die ohnehin wahlmüde sind.

(ap) Einen Finger hat Ahmad schon verloren – weil er wählen ging. Bei der Präsidentschaftswahl in Afghanistan vor fünf Jahren hackten ihm die radikalislamischen Taliban die Kuppe seines Zeigefingers ab, den er bei seiner Stimmabgabe in Tinte getunkt hatte. Ihn und viele andere hat auch bei der Wahl am Samstag wieder die Angst umgetrieben. Und tatsächlich gab es auch diesmal wieder Gewalt. Dutzende Menschen kamen bereits bei Anschlägen in den vergangenen Wochen ums Leben, mindestens sechs am Wahltag selbst. Am Samstag griffen die Taliban unter anderem mit Mörsergranaten die Stadt Kundus im Norden des Landes an.

„Ich weiß, dass ich aus Liebe für mein Land wählen gehen sollte, aber ich schaue mir die Kandidaten an und denke mir: Keiner von denen ist das Risiko wert“, sagt Ahmad, der aus Sorge vor Vergeltung durch die Taliban seinen Familiennamen nicht nennen will. Denn sein Bezirk gehört zu jenem Teil des Landes, in dem die Extremisten mehr Einfluss haben als die Regierung von Präsident Aschraf Ghani, der sich um eine Wiederwahl bewarb. Ergebnisse sollen erst Mitte Oktober vorliegen.

Erst mussten die Wähler in den Wahllokalen an Soldaten der Armee vorbei, dann an Geheimdienstleuten und der Polizei. In Gegenden unter Kontrolle der Taliban hätte es noch 431 weitere Wahllokale mit solchen strengen Sicherheitsauflagen geben sollen, die aber am Samstag geschlossen blieben. Und dann waren da noch rund 24.000 Wahllokale im ganzen Land, in denen es eine solche Absicherung nicht gab.

Ahmad jedenfalls fühlt sich nicht sicher. Zu gut ist ihm noch der Wahltag 2014 in Erinnerung. Die Taliban hielten sein Auto auf einer wenig befahrenen Straße in der Provinz Herat auf. Sie suchten nach Leuten, die gewählt hatten. Und weil alle bei der Stimmabgabe ihre Finger in Tinte tunken müssen, damit sie nicht zweimal wählen können, waren sie leicht zu identifizieren. Ahmad wurden die Augen verbunden; er wurde auf einem Motorrad weggebracht.

Die Extremisten statuierten immer wieder Exempel an jenen, die für die Regierung arbeiteten, und Ahmad war zu dem Zeitpunkt auf einer Baustelle für ein Regierungsprojekt tätig. Er war sich sicher, dass die Taliban ihn enthaupten würden, wie er das schon in Videos gesehen hatte. Am nächsten Tag wurden er und elf andere vor ein Tribunal der Taliban gebracht, wo ihnen gesagt wurde, dass ihnen wegen ihrer Stimmabgabe die Fingerkuppe abgehackt werde. „Ich war so erleichtert, meinen Kopf nicht zu verlieren, dass ich gesagt habe: ,Los, macht’.“

Die Taliban riefen am Donnerstag die mehr als 9,6 Millionen Wahlberechtigten zu einem Boykott der Wahl auf und kündigten Angriffe auf die zum Schutz aufgestellten Sicherheitskräfte und die Wahllokale selbst an, besonders in Städten. So wurde denn auch eine geringe Wahlbeteiligung gemeldet; besonders Frauen blieben den Urnen fern. Ein Drittel aller afghanischen Soldaten und Polizisten war im Einsatz.

Eine von ihnen ist die 36-jährige Sargona. Sie steht an einer Schule in der Hauptstadt Kabul Wache. Angst vor den Taliban habe sie keine, sagt sie. „Ich bin eine ausgebildete Polizeibeamtin und hier, um mein Volk zu schützen.“

Die Wahlbeteiligung war aber nicht nur wegen der Taliban niedrig: Viele Afghanen sind wahlmüde. Gründe: die schlechte Sicherheitslage – wegen der Extremisten, aber auch wegen marodierender Verbrecherbanden –, die Korruption in der Regierung und Kandidaten, die keinen bewegen. Präsident Ghani und sein Regierungschef Abdullah Abdullah galten als Favoriten. Die beiden waren bereits vor fünf Jahren in eine Stichwahl gekommen und hatten sich nach einem langen Streit über den Wahlausgang schließlich auf eine Einheitsregierung geeinigt, die nach Ansicht vieler Afghanen nichts zustande gebracht hat. Für die Taliban ist sie eine Marionette der USA.

Nur Aga gehört eine Tankstelle nahe dem Kabuler Kasi-Stadion, wo die Taliban einst Dieben die Hände abhackten und Mörder öffentlich hinrichteten. 2014 habe er noch gewählt, aber diesmal sei es ihm das Risiko nicht wert, sagt er – zumindest nicht bei den Kandidaten, die zur Wahl stehen. Seit dem Amtsantritt der Regierung Ghanis und Abdullahs sei es gefährlicher geworden, die Leute seien ärmer, sagt Aga, der auf einem Teppich mit Teeflecken neben einer seiner Zapfsäulen am Zementboden sitzt. Sogar Universitätsabsolventen würden ihn mittlerweile um einen Job bitten.

Ganz in der Nähe sitzt Radschab Korbani in einem traditionellen afghanischen Restaurant mit niedrigen Tischen. Es sei ja schon gefährlich, einfach nur das Haus zu verlassen, so häufig komme es mittlerweile zu Anschlägen, sagt er und zeigt auf die vorbeifahrenden Autos. In jedem von ihnen könne ein Selbstmordattentäter sitzen.