Hongkong: Schlägertrupp greift regierungskritische Demonstranten in U-Bahn an

Nach neuen Massenprotesten : Schlägertrupp greift Demonstranten in Hongkonger U-Bahn an

In Hongkong hat es am Wochenende neue schwere Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten gegeben. Eine weitere Gewalteskalation durch unbekannte Schläger sorgt nun für scharfe Kritik an der Regierung.

Unbekannte griffen in einer U-Bahnstation Protestierende und Pendler an. Die Zeitung „Apple Daily“ veröffentlichte im Internet Videoaufnahmen, die zeigten, wie weiß gekleidete, maskierte Angreifer mit Regenschirmen in einer U-Bahnstation und einem Waggon schwarz gekleidete Aktivisten schlugen. Bewaffnet waren sie mit Metallstangen und Holzstöcken. Dabei wurden 45 Menschen verletzt. Sechs Menschen erlitten schwere Verletzungen, einer von ihnen schwebte in Lebensgefahr.

Kritiker werfen der Polizei vor, trotz dramatischer Hilferufe der angegriffenen Demonstranten erst nach mehr als einer Stunde eingetroffen zu sein. Die Beamten nahmen die Angreifer dann auch nicht fest, obwohl diese sich weiterhin in den Straßen nahe des Bahnhofs aufhielten.

Später wurden Männer gesehen, die den Ort in Autos mit Kennzeichen von Festland-China verließen. Der Bahnhof Yuen Long, an dem sich der Angriff zutrug, liegt unweit der Grenze zwischen Hongkong und Festland-China.

Kritik gab es auch von prominenter Seite: Der bekannte Demokratie-Aktivist Nathan Law schrieb in der Nacht auf Montag im Kurzbotschaftendienst Twitter, wenn „chinesische Mobs“ Bürger angreifen würden, greife die Polizei nicht ein. „Schande über die Regierung.“

Der bei der Attacke verletzte Abgeordnete Lam Cheuk Ting kritisierte die Polizei ebenfalls. Er machte für den Angriff Mitglieder krimineller chinesischer Banden, der sogenannten Triaden, verantwortlich.

Mit der Attacke des Schlägertrupps auf die regierungskritischen Demonstranten hat sich der politische Konflikt in Hongkong stark zugespitzt. Es wachsen die Sorgen, dass sich die Triaden in die politische Auseinandersetzung in der chinesischen Sonderverwaltungszone einschalten könnten. Bereits 2014 hatte es gewaltsame Attacken auf Demonstranten der „Regenschirm“-Demokratiebewegung gegeben.

Hunderttausende hatten am Sonntag erneut gegen die Regierung und für Ermittlungen gegen das Vorgehen der Polizei bei vorangegangenen Protesten demonstriert. Die Demonstranten waren zum großen Teil schwarz gekleidet und trugen gelbe Helme. Am Vortag hatte es eine Solidaritätskundgebung für die Polizei gegeben, bei der Teilnehmer weiße Kleidung trugen.

Beim Protestmarsch am Sonntag war es auch zu neuen Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten gekommen. Beamte in voller Schutzausrüstung setzten am Abend Tränengas ein, um die Menge auseinanderzutreiben, wie Reporter der Nachrichtenagentur AP beobachteten. Viele der Demonstranten hatten sich für die Konfrontation ebenfalls mit Atemschutzmasken, selbst gemachten Schilden und Helmen gerüstet.

Rund 430.000 Menschen hatten nach Angaben der Organisatoren zuvor friedlich für demokratische Rechte demonstriert. Die Polizei gab die Teilnehmerzahl mit 138.000 an. Nach Ende der Kundgebung bewarfen einige Demonstranten das Verbindungsbüro der regierenden Kommunistischen Partei Chinas mit Eiern, besprühten die Überwachungskameras am Gebäude und beschmierten das dort angebrachte chinesische Wappen mit schwarzer Tinte. Einige errichteten auch Straßensperren.

Als die Menge sich weigerte, sich zu zerstreuen, setzte die Polizei das Tränengas ein und rückte gegen die Demonstranten vor. Über Verletzte und Festnahmen wurde zunächst nichts bekannt. AP-Reporter sahen mehrere Demonstranten, die nach Kontakt mit dem Tränengas von Helfern versorgt wurden. Über ihre offiziellen Konten in den sozialen Medien teilte die Polizei später mit, Demonstranten hätten Backsteine und Molotowcocktails auf Beamte geworfen und die zentrale Polizeiwache attackiert.

Pläne für ein umstrittenes Auslieferungsgesetz, durch das Bewohner von Hongkong auf dem chinesischen Festland vor Gericht hätten gestellt werden können, hatten im Juni massive Proteste losgetreten. Die Demonstranten erreichten, dass die Regierungschefin von Hongkong, Carrie Lam, den Gesetzentwurf auf Eis legte, doch den Aktivisten geht es mittlerweile noch um viel mehr. Sie wollen einen Rücktritt Lams und die Absicherung der demokratischen Freiheiten, die Hongkong für Jahrzehnte garantiert worden waren, als es 1997 von Großbritannien an China zurückgegeben wurde.

Bei dem Protestzug proklamierten Teilnehmer fünf Forderungen aus einem Manifest, das bei der Erstürmung des Hongkonger Parlaments am 1. Juli erstmals präsentiert worden war: Allen Bewohnern Hongkongs solle ein direktes Wahlrecht gewährt, alle Vorwürfe gegen die bei den Protesten festgenommenen Demonstranten sollten fallengelassen werden, eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Polizei und Demonstranten dürfe nicht mehr als „Unruhen“ bezeichnet und der Legislativrat Hongkongs müsse aufgelöst werden.

Chinesische Medien hatten die Proteste in der Sonderverwaltungszone lange ignoriert. Am Sonntag schrieb das kommunistische Parteiorgan „Renmin Ribao“, „radikale Extremisten“, hätten am 1. Juli das Hongkonger Parlament gestürmt und die Rechtsstaatlichkeit mit Füßen getreten.

(hebu/AFP/dpa/AP)
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