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US-Außenpolitik setzt auf Kooperation: Hillary Clinton — die sympathische Strategin

US-Außenpolitik setzt auf Kooperation : Hillary Clinton — die sympathische Strategin

Washington (RP). Der Glanz von US-Präsident Barack Obama beginnt zu verblassen. Seine Außenamts-Chefin gibt unterdessen der neuen amerikanischen Außenpolitik ein sympathisches Gesicht: Kooperation statt Alleingänge, geduldige offene Diskussionen statt Basta-Politik.

Neulich in Moskau erzählte Hillary Clinton von ihrem Lieblingsroman. Der Autor ist kein Amerikaner, sondern Russe. Es ist Fjodor Dostojewski, dessen "Brüder Karamasow" sie ausgesprochen lehrreich findet, allem voran die Legende vom anmaßenden Großinquisitor. "Zu den größten Gefahren zählen Menschen, die glauben, dass sie absolut, ohne Zweifel Recht haben."

Es ist eine richtig schöne Metapher, auch für den Wandel in Washington. Alte Selbstgewissheit verfliegt, man liest neuerdings Bücher wie "Die postamerikanische Welt", eine Analyse über das Erwachen Chinas, Indiens und Brasiliens. Die Supermacht bastelt verstärkt an Koalitionen, gefragt sind Geduld und die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen. Etwas, worauf sich Clinton versteht.

Clinton startete als Nebendarstellerin

Bis in die Sommermonate wirkte sie wie eine Nebendarstellerin, eine Statistin auf der großen Bühne Barack Obamas. Zu sehr war das "Team der Rivalen", das frei nach Abraham Lincoln die besten Köpfe vereinen sollte, zu einer Ein-Mann-Show geraten. Der Präsident setzte die Akzente, die Außenministerin stand in seinem Schatten, pflichtbewusst, aber blass. Man nahm sie so wenig wahr, dass eine spöttische Kolumnistin riet, sie möge doch endlich die verschleiernde Burka ablegen.

Jetzt verblasst der Zauber Obamas, zumindest im eigenen Land. Jetzt werden seine visionären Reden kritischer darauf geprüft, ob ihnen auch Taten folgen. Und Hillary Clinton — sie kommentiert ihre Rolle im zweiten Glied mit ironischen Spitzen wie dieser: "Ich gehöre nicht zu denen, die glauben, sie müssten ihr Gesicht jeden Tag auf der Titelseite einer Zeitung sehen."

Kabinettskollegen bescheinigen ihr, eine exzellente Mannschaftsspielerin zu sein. Robert Gates, der Chef des Pentagon, ein Übriggebliebener aus der Ära George W. Bushs, schwärmt in höchsten Tönen über die reibungslose Zusammenarbeit: Lange nicht hätten sich ein Verteidigungsminister und eine Außenministerin so gut verstanden. Unter Bush war das anders.

Da soll sich Gates Vorgänger Donald Rumsfeld mitunter geweigert haben, Anrufe von Außenministerin Condoleezza Rice auch nur zu erwidern. Niemand setze sich so gründlich vorbereitet an den Kabinettstisch wie Clinton, wissen Insider zu berichten.

Freundliches Auftreten bei Verhandlungen

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Vielleicht hilft es ihr, dass sich andere um die akuten Krisenherde kümmern. Für Afghanistan und Pakistan ist Richard Holbrooke zuständig, ehemals UN-Botschafter, ein Mann mit ausgeprägtem Ego. In Nahost pendelt George Mitchell, ein erfahrener Ex-Senator.

Folgerichtig fragten die ersten Skeptiker schon, ob für die Chefdiplomatin etwa nur die belanglosen Randthemen blieben. David Rothkopf, Politologe an der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden, hält vehement dagegen. Während sich andere mit zähen Konflikten herumplagen, könne sich Clinton den relevanten Zukunftsthemen widmen, meint er: "Was sind unsere wichtigsten Partner? Was ist zu tun, wenn China oder Russland sowohl Partner als auch Rivalen sind?"

Allerdings sind es nicht die brillanten Strategie-Entwürfe, mit denen Madame Secretary von sich reden macht. Es ist ihre Art, Diplomatie zu betreiben. Auf Verhandlungen hinter verschlossenen Türen folgt in der Regel ein offenes Diskussionsforum, ob nun in der russischen Teilrepublik Tatarstan oder im Kongo. "Wir wollen Netzwerke knüpfen, über das Traditionelle hinaus", skizziert Anne-Marie Slaughter, die Planungschefin des Außenministeriums, den Ansatz.

Offensive des Lächelns

Neue Posten entstehen, es gibt eine Sonderbotschafterin für Frauenfragen und einen Berater für Innovation, der nachdenken soll, wie sich moderne Kommunikationsmittel à la Facebook und Twitter am besten für die Offensive des Lächelns einsetzen lassen.

Große Würfe sind es nicht, die Obamas einstige Rivalin bislang vorzuweisen hat. Es sind kleine Erfolge, symbolische Erfolge. In Zürich verhinderte sie in diesem Monat mit der Ausdauer einer Marathonläuferin, dass die delikate Annäherung zwischen Armenien und der Türkei an letzten Bedenken scheiterte. Die Abgesandten aus Ankara und Eriwan bekamen kalte Füße, weil sie glaubten, der jeweils andere könnte nach der Unterschriftenzeremonie etwas Unpassendes sagen, alte Wunden aufreißen.

Glaubt man der "Washington Post", dann musste Clinton 29 Mal telefonieren, um das Misstrauen zu überbrücken. So lange, bis die Streithähne doch noch zur Feder griffen, wenn auch vier Stunden später als vorgesehen. Ob solche Pokerrunden nicht zu kräftig an den Nerven zerrten, wurde die 62-Jährige hinterher von Reportern gefragt. "Ach was", antwortete sie, "das ist es ja, worauf man sich einlässt in diesem Job."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Clinton und Obama staunen in der Moschee von Kairo

(RP)