Russlands Kommunisten wollen Stadt umbenennen: Heißt Wolgograd bald wieder Stalingrad?

Russlands Kommunisten wollen Stadt umbenennen : Heißt Wolgograd bald wieder Stalingrad?

Russlands Kommunisten wollen die Metropole an der Wolga wieder nach dem Diktator benennen – 70 Jahre nach der berüchtigten Weltkriegsschlacht.

Russlands Kommunisten wollen die Metropole an der Wolga wieder nach dem Diktator benennen — 70 Jahre nach der berüchtigten Weltkriegsschlacht.

Anatoli Kozlow sitzt im Veteranen-Club von Wolgograd und redet sich in Rage. "Dies ist eine weltberühmte Stadt, aber niemand kann sie auf der Landkarte finden", sagt der 91-Jährige empört. Deshalb würde er der Stadt gerne den Namen zurückgeben, unter dem sie grausige Berühmtheit erlangte: Stalingrad.

Im Winter 1942/43, vor 70 Jahren, lieferten sich Wehrmacht und Rote Armee hier eine der größten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Der Sieg der Sowjet-Truppen wurde zum Wendepunkt des Krieges. Am 2. Februar jährt sich die Kapitulation der 6. Armee zum 70. Mal. Das hat in Russland eine Debatte entfacht, Wolgograd wieder in Stalingrad umzubenennen.

Die Kommunisten sammeln dafür landesweit Unterschriften. Mindestens 100 000 Bürger müssen unterzeichnen, damit die Partei eine entsprechende Vorlage zur Abstimmung ins Parlament, die Duma, einbringen kann. Mitinitiator des Projektes ist der St. Petersburger Nikolaj Starikow, Vorstandsmitglied im dortigen Staatsfernsehen. In einem Brief an Präsident Wladimir Putin schrieb er, eine Umbenennung diene der "historischen Gerechtigkeit" und stärke "die Position Russlands in der außenpolitischen Arena". Patriotisch-wuchtige Töne wie diese sind bei der herrschenden russischen Elite derzeit modern.

Für den Weltkriegsteilnehmer Kozlow, der die Hölle von Stalingrad selbst erlebte, zählt etwas anderes: Als Nikita Chruschtschow 1961 die Stadt in Wolgograd umbenannte, sei das Teil der Kampagne zur Entstalinisierung gewesen. "Man wollte den Menschen Stalin treffen", sagt Kozlow, "aber stattdessen wird jetzt unser Sieg, unser Ruhm vergessen." Jetzt sei es Zeit, diesen Fehler zu korrigieren, findet der Veteran.

Heute ist Wolgograd eine Metropole mit glitzernden Einkaufszentren und einer Stadtbahn mit modernen Niederflurwaggons. Doch der Ort trägt schwer an seinem Erbe. Vor Kurzem ließ die Stadtverwaltung einen Wettbewerb ausschreiben: Gesucht wird ein neues Image, das Stadt und Region als "Zentrum für Tourismus, Kultur, Industrie und Sport" positionieren soll.

Die riesige Stalingrad-Gedenkstatue "Mutter Heimat ruft" würden zu viele Menschen mit etwas "Schwerem, Tragischem und Traurigem" verbinden. Allerdings ist die Geschichte der einzige Grund für die meisten Touristen aus dem In- und Ausland, Wolgograd überhaupt zu besuchen.

Die irrlichternde Suche der Stadtverwaltung nach einem "positiven" Image löste landesweit Protest aus. Mittlerweile wurden die verantwortlichen Mitarbeiter abgestraft, die Kampagne wurde eingestampft.

Die Kommunisten wollen ihre Unterschriften noch dieses Jahr zusammenbekommen. Allerdings halten sie nur 92 der 450 Mandate in der Duma. Indes glaubt die Zeitung "Nesawissimaja Gaseta", dass auch Putin zu den Befürwortern des Vorhabens zählt. Angesichts von 20 Millionen Opfern des stalinistischen Terrors dürfte auch Putin zumindest zögern, den Namenswechsel offen zu unterstützen. Andererseits: Als Wolgograd seine Bewerbung für die Fußball-WM 2018 abgab, soll Putin gesagt haben: "Natürlich, wie können wir ohne Stalingrad siegen?"

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(RP/csi)