Heftigste Auseinandersetzung zwischen Israel und Hamas seit 2014

Nahostkonflikt : Raketen gen Israel

Zwischen Israel und der palästinensischen Hamas kommt es zur gefährlichsten Zuspitzung seit dem Gaza-Krieg 2014. Es gibt Tote auf beiden Seiten.

Nach mehreren Hundert Raketenangriffen innerhalb von kaum 24 Stunden bereitet sich die israelische Armee auf eine mögliche Bodenoffensive im Gazastreifen vor. „Wir sind auf dem Höhepunkt einer groß angelegten Mobilmachung“, erklärte Brigadegeneral Ronen Manelis, Sprecher der Armee am Dienstag. In der Region, die an den Gazastreifen grenzt, würden auch Soldaten der Infanterie stationiert werden. Vorläufig beschränkt sich Israel auf Angriffe der Luftwaffe und der Marine. Insgesamt sind seit Sonntag zwölf Palästinenser in Gaza ums Leben gekommen. Auf israelischer Seite gab es einige Dutzend Verletzte und einen Toten in der Stadt Aschkelon.

Um zivile Opfer in Gaza zu vermeiden, warnt die Luftwaffe die Bevölkerung mit kleinen Raketen, die nicht mit Sprengstoff bestückt sind, bevor sie die Häuser bombardiert. Der militärische Flügel der Hamas drohte, die Städte Aschdod und Beerschewa anzugreifen, sollte Israel die Bombardierung ziviler Ziele in Gaza fortsetzen. Beide Seiten scheinen auf eine erneute Konfrontation zuzusteuern, obschon weder die Hamas noch Israel erklärtermaßen ein Interesse daran haben. Militante Palästinenser verkündeten am Dienstagabend einseitig eine Waffenruhe. Israel schwieg zunächst.

Der Krieg vor vier Jahren kostete rund 2000 Palästinenser das Leben, darunter zahlreiche Zivilisten. Auf israelischer Seite gab es, laut UN-Bericht, 67 Tote. Fast zwei Monate dauerten die Gefechte, die mit einer Pattsituation endeten und an den Machtverhältnissen nichts veränderten. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hielt bislang dem Druck seiner Koalitionspartner, allen voran Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, der wiederholt ein massiveres militärisches Vorgehen gegen die Islamisten in Gaza forderte, stand und setzte auf die Vermittlungsanstrengungen des ägyptischen Geheimdienstes.

Weil sich Israel und die Hamas gegenseitig boykottieren, vermittelt Kairo mit Unterstützung des UN-Sondergesandten Nikolaj Mladenow. Ziel ist eine Verbesserung der Lebensumstände im Gazastreifen im Gegenzug für Ruhe im Grenzgebiet. Erst am Wochenende schien eine Einigung in greifbarer Nähe zu sein, als Netanjahu dem Transfer von 15 Millionen Dollar zustimmte – Spendengelder aus Katar für die Menschen im belagerten Gazastreifen. Die sofortige Finanzspritze sollte nur ein Anfang sein. Eine Wiederaufnahme der Importe – Treibstoff und Strom – war geplant, Mladenow versprach zudem Einreisegenehmigungen für palästinensische Arbeiter und ein Wiederaufbauprogramm, inklusive der Schaffung von rund 30.000 Arbeitsplätzen.

Die Verhandlungserfolge des UN-Gesandten und Ägyptens drohen aufgrund der Enthüllung eines israelischen Sonderkommandos im südlichen Gazastreifen und der anschließenden Kämpfe zu verpuffen. „Was war so dringend, um gerade jetzt eine geheime Einheit zu schicken?“, fragt die israelische Friedensinitiative Gusch Schalom die Operation der Elitesoldaten in Gaza, die die erneute Eskalation auslöste. Angesichts des „öffentlichen Fiaskos schulden uns die Politiker Antworten“. Hamas-Funktionär Mussa Abu Marsuk kommentierte die „israelische Aggression“ als Beweis dafür, dass „die israelische Besatzung keine Vereinbarungen einhält“.

Die Eskalation sei „extrem gefährlich und waghalsig“, twitterte Mladenow und fügte hinzu, dass der Raketenangriff aufhören müsse. Am Mittwoch wird eine Delegation der Vermittlerparteien in Gaza erwartet. Für die israelische Bevölkerung in den nahe der Grenze gelegenen Ortschaften und für die Palästinenser herrscht schon jetzt Krieg. Die Armee rief dazu auf, in Nähe der Bunker zu bleiben. Die Schulen sind auch in nördlicher gelegenen Städten geschlossen, sogar in Beerschewa fiel der Unterricht an der Ben-Gurion-Universität aus. Eine Evakuierung stehe, laut Armee, akut indes nicht an.

„Die Hamas verhält sich, als fürchte sie gezielte Hinrichtungen“, schrieb Israels Armeesprecher Manelis auf Twitter. Die Führung habe sich in den Untergrund zurückgezogen. Noch am Vortag war aber Ismail Hanijeh, Chef des Hamas-Politbüros, in aller Öffentlichkeit bei der Beerdigung Kommandanten zu sehen.

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