Hauptsache blau-weiß-rot - Frankreich kauft patriotisch

Patriotismus : Hauptsache blau-weiß-rot

Immer mehr Franzosen entscheiden sich für Produkte, die in Frankreich hergestellt werden – und sind auch bereit, mehr dafür zu bezahlen.

Jean-Charles Tchakirian weiß, dass er gleich etwas schwindeln muss. „Diese Jeans sind zu 100 Prozent in Frankreich produziert“, sagt der 57-Jährige und lacht verschmitzt. „Also gut“, räumt er dann augenzwinkernd ein, „nur zu 99 Prozent, die Metallknöpfe sind nicht von hier.“ Doch dann hebt er mahnend den Finger. „Die sind aus Deutschland, aus einer Fabrik in der Nähe von Berlin“, erklärt er, eine Aussage, die die Qualität der Jeans offensichtlich noch steigern soll.

Der quirlige, immer gut gelaunte Mann aus Lyon ist ein Trendsetter, auch wenn er sich selbst nicht als solchen bezeichnet. „Ich habe gemerkt, dass viele Franzosen auch bei der Massenware Jeans inzwischen mehr wollen als Billigzeugs aus China, darauf haben wir reagiert“, erläutert er sein Geschäftsmodell. Die Zauberformel lautet: Fabriqué en France.

Natürlich haben auch andere Jeans-Hersteller erkannt, dass mit diesem Label Geld zu machen ist und schneidern ihre Hosen in Frankreich. Die Baumwolle dafür müssen sie aber aus Ägypten, USA oder anderen fernen Ländern importieren. Doch Jean-Charles Tchakirian ist noch einen Schritt weitergegangen. Er stellt seine Hosen aus Leinenstoff her, für den die Pflanzen in Frankreich angebaut werden. Der Erfolg gibt ihm Recht: Inzwischen verlassen jeden Monat rund 10.000 Jeans unter dem Label „Le Gaulois“ die kleine Fabrik in Lyon.

Dass der Unternehmer mit seiner Philosophie auf einer Welle schwimmt, zeigt ein Gang über die Messe „Made in France“, die jeweils im November in Paris stattfindet. Ins Leben gerufen vor acht Jahren, platzt die Veranstaltung inzwischen aus allen Nähten. Fast 600, meist kleine Firmen präsentierten ihre Produkte. Kaum zu sehen: Wein- und Käsehersteller, deren Erzeugnisse in diesem Fall keine Werbung mehr nötig haben.

Fabienne Delahaye, Gründerin der Messe „Made in France“, bestätigt einen Mentalitätswandel der Verbraucher in Frankreich. „Die Menschen heute sind sich bewusst: Wenn sie in Frankreich produzierte Produkte einkaufen, unterstützen sie die lokale Wirtschaft, erhalten alte Traditionen und überliefertes Know-how und schützen darüber hinaus die Umwelt.“ Für sie ist ihr Einsatz für „Made in France“ auch ein Kampf gegen die De-Industrialisierung des Landes. Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten liege die Industriequote in Frankreich lediglich bei zwölf Prozent, in Deutschland sei sie rund doppelt so hoch. „Jedes Mal wenn ein Unternehmen schließt, bricht in der Region auch ein ganzes Ökosystem zusammen“, sagt Delahaye. Und sie fragt sich, weshalb es die „Logik der Ökonomie“ sein soll, Dinge weit weg herzustellen, die auch in Frankreich produziert werden können.

Eine besondere Mission hat Arnaud Montebourg, von 2012 bis 2014 französischer Wirtschaftsminister. Er ist Mitbegründer des Unternehmens „Bleu Blanc Ruche” – ein Wortspiel, denn „Ruche“ bedeutet Bienenstock. Er will nicht nur die heimische Wirtschaft unterstützen, sondern auch etwas für den Umweltschutz tun. Das Konzept ist einfach: Das Unternehmen kauft den Honig der französischen Imker zu einem Preis ein, der rund zehn Prozent über dem Marktpreis liegt. Im Gegenzug verpflichten sich diese, mehr Bienenstöcke aufzustellen und so die Bienenpopulation zu vergrößern. „Im vergangenen Jahr haben wir unseren 45 Imkern 94 Tonnen Honig abgekauft, die dann 2732 neue Bienenstöcke aufgestellt haben“, sagt Arnaud Montebourg.

Ein Umfrageinstitut habe herausgefunden, dass die Franzosen bereit seien, rund zehn Prozent mehr für ein Produkt zu bezahlen, wenn es „Made in France“ ist, sagt Montebourg. Dazu gehöre aber auch die völlige Transparenz bei der Produktion, damit die Kunden sehen, woher das Produkt stammt. Das sei etwas aufwendiger, räumt Montebourg ein, aber am Ende zahle es sich aus – für Frankreich, den Hersteller und den Verbraucher.