Ägypten wählt neues Parlament Großer Andrang vor den Wahllokalen

Kairo · Erstmals nach dem Sturz von Staatschef Husni Mubarak Anfang des Jahres haben die Ägypter wieder gewählt. Unter dem Eindruck tagelanger blutiger Auseinandersetzungen begannen am Montag die mehrmonatigen Parlamentswahlen, bei denen sich nach Angaben der Wahlkommission eine starke Beteiligung abzeichnete.

Vor den Wahllokalen in Kairo herrscht großer Andrang.

Vor den Wahllokalen in Kairo herrscht großer Andrang.

Foto: dapd, Maja Hitij

Zunächst wählte ein Bezirk, zu dem die Hauptstadt Kairo und die Hafenstadt Alexandria gehören. Das neue Parlament wird in einer monatelangen Prozedur bestimmt. Insgesamt dauert die Wahl fast sieben Wochen, das Ergebnis soll Mitte Januar feststehen. Rund 40 Millionen Wahlberechtigte dürfen über insgesamt 498 Mitglieder des Abgeordnetenhauses abstimmen, zehn weitere Parlamentarier benennt die Armee.

Der zweite Wahlgang für rund 17,5 Millionen Wahlberechtigte unter anderem in Kairo und Alexandria soll am 5. Dezember stattfinden. Danach sollen die beiden anderen Stimmbezirke des Landes folgen. Nach Abschluss der Abgeordnetenhauswahl sollen dann bis Mitte März die Mandate für die zweite Kammer vergeben werden.

Muslimbrüder gelten als Favorit

Die jahrzehntelang verbotenen Muslimbrüder gehen als Favoriten ins Rennen. Ihr politisches Bündnis nennt die Bruderschaft "Partei der Freiheit und der Gerechtigkeit". Zu der Wahl tritt auch die im Oktober gegründete Partei "Die Revolution geht weiter" aus mehreren marxistischen Gruppen an.

Zudem geht "Der ägyptische Block", ein ebenfalls nach Mubaraks Sturz ins Leben gerufenes Bündnis aus 15 liberalen Gruppierungen, ins Rennen. Der Partei gehört unter anderem der Millionär Nagib Sawiris an. Auch mehrere Ex-Mitglieder von Mubaraks aufgelöster "Nationaldemokratischer Partei" dürfen antreten.

Momentan herrscht das Militär

Derzeit herrscht in Ägypten ein Militärrat, der vor wenigen Tagen Kamal el Gansuri als Übergangsregierungschef einsetzte. Zehntausende Demonstranten forderten in den vergangenen Tagen den Rücktritt des Rats. Bei Kämpfen wurden dutzende Menschen getötet und tausende weitere verletzt.

"Ich wähle für die Zukunft Ägyptens, dies sind die ersten freien Wahlen in meinem Land", sagte der 25-jährige Informatiker Jussuf der Nachrichtenagentur AFP vor einem Wahllokal in Alexandria. In Kairo warnte die 65 Jahre alte Samira vor einem Abstimmungslokal: "Wir waren 30 Jahre still, damit ist nun Schluss."

Unter Mubarak, der am 11. Februar auf Druck der Massen zurückgetreten war, hatte stets seine Regierungspartei die Wahlen gewonnen. Die Opposition monierte regelmäßig massive Wahlfälschungen. Nach Tunesien und Marokko ist Ägypten das dritte Land in Nordafrika, das nach den Umstürzen vom Frühjahr neu wählt.

Bei der jüngsten Wahl im Jahr 2010 habe "niemand gewählt, weil es nur eine einzige Partei gab", sagte der 55-jährige Arzt Amin aus Alexandria. Vor seinem Wahlbüro standen in diskretem Abstand Polizisten und Soldaten. In mehreren Städten bewachten auch sogenannte Bürgerkomitees die Lokale.

Nach Angaben der Wahlkommission wurden zunächst keine Zwischenfälle beim Ablauf der Wahl bekannt. Wegen einiger logistischer Probleme habe die Abstimmung in einigen Wahllokalen jedoch erst mit Verspätung beginnen können. Die Büros sollten im Gegenzug aber länger geöffnet bleiben, hieß es.

Anschlag auf Gas-Pipeline

Wenige Stunden vor der Eröffnung der Wahllokale für die Parlamentswahlen in Ägypten hatten Unbekannte eine Gas-Pipeline Richtung Israel gesprengt. Wie die ägyptische Nachrichtenagentur Mena unter Berufung auf Augenzeugen berichtete, ereignete sich die Explosion in der Nacht zum Montag. Maskierte und bewaffnete Männer zündeten demnach westlich der Stadt El Arisch auf der Sinai-Halbinsel Sprengstoff unter der Pipeline. Die Gaslieferungen nach Israel, die unter dem im Februar gestürzten ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak vereinbart wurden, sind in Ägypten heftig umstritten. Auf die Gas-Pipeline wurden in den vergangenen Monaten mehrere Anschläge verübt.

(AFP)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort