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Griechenland: Wie die Griechen nach vier Jahren Pleite leben

Analyse : Wie die Griechen nach vier Jahren Pleite leben

Staatsverschuldung, Zinslasten, Schuldentragfähigkeit – solche technischen Vokabeln verbergen in nüchternen Fakten eine Tragödie. Denn die Menschen in Griechenland leiden unter den Folgen der Schuldenkrise wie nie zuvor.

Staatsverschuldung, Zinslasten, Schuldentragfähigkeit — solche technischen Vokabeln verbergen in nüchternen Fakten eine Tragödie. Denn die Menschen in Griechenland leiden unter den Folgen der Schuldenkrise wie nie zuvor.

Im Sommer 2014 scheint Griechenland fast wieder ein normales europäisches Land zu sein. Die U-Bahn bringt ihre Passagiere in einem Affentempo sicher durch die Stadt. Der Flughafen Athen unterscheidet sich kaum von dem in Düsseldorf, wären da nicht die griechischen Schriftzeichen. Die vollen Regale in den Läden locken die Käufer, die Restaurantplätze sind ausgebucht, die Fähren der Linie Blue Star überfüllt. Irgendwie scheint Griechenland sein Gleichgewicht wieder gefunden zu haben. Man tut, was man immer nach einer Krise getan hat: Man wurstelt sich durch.

Doch der Schein trügt. In Wirklichkeit hat sich ein Ernst über das Land gelegt, der so gar nicht zur sonst üblichen südländischen Fröhlichkeit passt. Schon nach kurzer Zeit kommen die Menschen auf die Härten zu sprechen, die vier Jahre scharfer Sparprogramme, Lohnkürzungen, Rentenabschläge oder Jobverlust hinterlassen haben. Die Selbstmordrate hat sich in dieser Zeit verdoppelt, die Wirtschaftsleistung ist um ein Viertel gesunken, die Löhne in der freien Wirtschaft teils noch mehr.

"Wir sehen ein, dass man sparen muss", sagt Mittvierziger Vangelis, Vater von drei kleinen Söhnen und Ehemann einer Steuer-Inspektorin. "Aber die Sparprogramme sind so unsinnig angelegt." Und er zählt auf: Steuern auf Autos, Ferienhäuser, Kraftstoffe. Zu den fallenden Löhnen kommt eine wachsende Abgabenlast. Zugleich schrumpfen die Aufträge, und freie Stellen sind erst recht nicht zu finden. Vangelis hat einst bei einer großen Baufirma an Athens U-Bahn mitgebaut. Er ist Spezialist im Gleisbau und hat gut verdient. Jetzt musste er sich mit einer eigenen Firma selbstständig machen. Er verdient ganz ordentlich, aber die steigende Abgabenlast vermiest ihm das Geschäft. Wäre seine Frau nicht als Staatsbedienstete tätig, wüsste er nicht, wie seine fünfköpfige Familie über die Runden kommen soll.

Ein Ende der Misere ist nicht abzusehen

Dabei geht es Vangelis noch gut. Er muss weder auf seinen Wagen, einen schnittigen Alfa Romeo, noch auf seinen Urlaub auf der Insel Paros verzichten. Auch sein Board hat der begeisterte Windsurfer noch behalten. Das heißt aber nicht viel. "Ich lebe von den Reserven."

Schlimmer geht es den Menschen, die ihre Arbeit verloren haben. Sie müssen sich mit durchschnittlich 700 Euro im Monat begnügen — bei Supermarktpreisen, die über den deutschen liegen. Nach einiger Zeit gibt es überhaupt kein Geld vom Staat mehr. Dann hilft nur noch die Großfamilie. Der Durchschnittsverdienst liegt bei 1265 Euro. Das entspricht etwa dem Niveau in den 80er Jahren. Vor Jahresfrist waren es noch zehn Prozent mehr. Ein Rentner aus einem akademischen Beruf erhält 900 Euro. Davon kann man nur leben, wenn man noch Kapitaleinkünfte hat. Doch die Vermögenswerte werfen kaum noch etwas ab.

Was den Griechen aber am meisten zu schaffen macht, sind die trüben Zukunftsaussichten. "Der Anpassungskurs wird noch viele Jahre dauern", sagt die pensionierte Lehrerin Maria, die mit ihrem Mann Jorgos, einem Gynäkologen im Ruhestand, die Ferienanlage Iliopetra, zu deutsch: Sonnenfelsen, auf der Insel Paros unterhält. Sie ist bereit, das zu ertragen. "Wir wollen unbedingt im Euro bleiben. Denn sonst gehören wir nicht zu Europa", meint sie in perfektem Deutsch. Daneben beherrscht sie Englisch, Französisch und Italienisch.

Gefangen im Schuldenturm

An mangelnden Sprachkenntnissen und an der Ausbildung kann es jedenfalls nicht liegen, dass sich die Griechen so schwer tun. Sie sind gefangen im Schuldenturm, in die sie die unverantwortliche Politik früherer Regierungen gebracht hat. 110 Milliarden Euro hat Griechenland im ersten Rettungspaket 2010 erhalten, zwei Jahre später kamen noch einmal 172 Milliarden Euro hinzu. Auf die Hälfte ihrer ausstehenden Kredite haben die privaten Gläubiger verzichtet.

Aber noch immer ächzt das Land unter einer Schuldenlast von 177 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Es war der alte Papandreou, der unser Land ins Unglück gestürzt hat", glaubt Taxifahrer Anastasios. Er hätte in seiner zweiten Amtszeit in den 90er Jahren nur noch seine Klientel bedient, den Staatsapparat aufgebläht, jeden Wählerwunsch erfüllt. Andere geben auch den konservativen Regierungen die Schuld. Um die elementaren Staatsdienste zu leisten, braucht Griechenland im kommenden Jahr noch einmal 12 Milliarden Euro, schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF). Es ist ein Teufelskreis ohne Ende. "Die Euro-Krise schläft nur, sie ist nicht tot", sagt der Finanz-Autor Hugo Dixon.

In Athen, fernab der Ferieninsel Paros, sind die Folgen der Überschuldung des Landes erst richtig zu spüren. Etwa beim Besuch in der Polizeidienststelle am Omonia-Platz. Wer als Tourist das Pech hatte, in der U-Bahn von einer professionellen Bande ausgeraubt zu werden, landet dort. Im dritten Stock gibt man die Anzeige wegen Diebstahls auf. Ein fensterloser Raum, die Schreibtische wüst ineinander gestapelt, mehrere PCs außer Funktion und die eingetrocknete Tinte für Fingerabdrücke auf einem Nebentisch.

Spuren von Verwahrlosung

Gleich nebenan ein Dutzend Schwarze in einer Zelle, vermutlich illegal Eingereiste. Nach einiger Zeit kommt ein Kommissar, der zuerst andere Besucher wie einen Bettler und eine Prostituierte mit lauten Beschimpfungen aus dem Raum vertreibt und dann die Dokumente der Anzeige aushändigt. Der Alptraum Polizeistation ist wieder vorbei. Wir befinden uns immerhin in einem Land, das beim Index des Entwicklungsstands auf Platz 29 weltweit steht — vor Katar, Polen oder Saudi-Arabien.

Doch nicht nur staatliche Institutionen zeigen Spuren von Verwahrlosung. Auch die Stadt ist geprägt vom ökonomischen Stillstand. Die Straßen sind marode und ausgespurt. Jeder zweite Laden in der Altstadt Plaka ist geschlossen. Vom Dach des Hotels hat man einen interessanten Überblick. Die Mehrzahl der Wohnungen ist verwaist, Dächer und Fassaden sind in baufälligem Zustand, Fenster verschmutzt oder zertrümmert. In anderen Vierteln der 3,4-Millionen-Metropole Athen sieht es nicht besser aus.

Ein kleiner Lichtblick sind die jüngsten Wirtschaftsdaten. Dass die Wirtschaft langsamer schrumpft, wird schon als Erfolgsmeldung ausgegeben. Und 19 Millionen Touristen strömen dieses Jahr ins Land. Davon profitiert der Fremdenverkehr, ein Wirtschaftszweig, der deutlich größer ist als Industrie oder Landwirtschaft. Allein wird Griechenland davon nicht leben können. Doch selbst wenn das Land wieder mehr Halbfabrikate, petrochemische Produkte oder Nachahmer-Medikamente ins Ausland verkaufen kann, ist der Weg zur Gesundung quälend lang.

So trist indes die Lage aussieht, die Griechen wissen durchaus, wo sie Trost finden können. Die jetzt zum Teil verwahrloste Plaka, die in einer Kraftanstrengung in den 80er und 90er Jahren schon zu neuem Leben erblüht war, ist höchst lebendig. Gern treffen sich die jungen Athener dort, trinken und singen. Bis nachts um halb drei sind die Sorgen dann ein bisschen geringer.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Was macht die Griechenland-Rettung so schwierig?

(RP)