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Nahost-Konflikt: Gewalt droht auf das Westjordanland überzugreifen

Nahost-Konflikt : Gewalt droht auf das Westjordanland überzugreifen

Diplomatische Bemühungen um einen Waffenstillstand zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas versanden, während der Beschuss beider Seiten weitergeht. Nun droht die Gewalt, auch ins Westjordanland zu schwappen.

Auch dieses kleine Zeichen der Normalität war dem Nahen Osten am Wochenende nicht vergönnt: Die Polizei löste in Tel Aviv eine Demonstration Tausender israelischer Kriegsgegner auf. Grund für das Demonstrationsverbot war der Raketenbeschuss der Hamas, die damit einem zwölf Stunden langen humanitären Waffenstillstand ein Ende machte und so ausgerechnet die Menschen, die Israels Militäroperation in Gaza aufhalten wollten, gefährdete. Nicht nur so machten die Islamisten hauptsächlich eines klar: Vorerst wollen sie keine Waffenruhe.

Dabei hatte die Bevölkerung auf beiden Seiten die Kampfpause am Samstag dringend nötig: In Israel verließen Millionen erstmals seit Tagen ihre Häuser, viele vergnügten sich am Strand oder verließen Städte in der Nähe Gazas, um sich außer Reichweite der meisten Raketen zu bringen. In Gaza nutzte die Bevölkerung die Gelegenheit, um sich mit Nahrungsmitteln und Wasser einzudecken und die Schäden der vergangenen Wochen zu inspizieren. Rettungsdienste strömten in die Kampfzonen, um Verletzte zu evakuieren. In Beit Hanun und Sadschaiya hatten die Kämpfe ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichgemacht. Verwesungsgeruch hing in der Luft, als mehr als 100 Leichen aus den Trümmern geborgen wurden. Damit stieg die Opferzahl im Landstrich auf mehr als 1050.

Auf beiden Seiten sehnten sich viele nach mehr von der ungewohnten Ruhe, doch die Hamas offenbar nicht. Israel verlängerte die Waffenruhe trotz des Beschusses bis Mitternacht, und stimmte danach einer weiteren 24 stündigen Kampfpause zu. Dennoch hagelte es pausenlos Granaten und Raketen, ein Soldat kam dabei ums Leben, das 43. Opfer auf israelischer Seite.

Um zehn Uhr morgens wies daraufhin Israels Regierung die Armee an, zurückzuschlagen. Innerhalb kurzer Zeit starben in Gaza wieder mindestens zehn Menschen bei israelischen Angriffen, darunter auch ein hochrangiger Kommandeur der Hamas. Dann überraschte die Hamas und verkündete um ein Uhr einen einseitigen Waffenstillstand, ab zwei Uhr Ortszeit und für 24 Stunden. Doch auch kurz nach 14 Uhr prasselten wieder Raketen auf Israel nieder, was Premier Benjamin Netanjahu zum zynischen Kommentar bewog: "Die halten sich nicht mal an ihren eigenen Waffenstillstand."

Gestern Abend war ein Ende der Gewalt nicht in Sicht. Ein diplomatischer Plan des US-Außenministers John Kerry, den er mit Hilfe der Schutzmächte der Hamas Türkei und Katar formulierte, löste bei den Verbündeten der USA großen Unmut aus. Israel lehnte ihn ab, weil er auch der Hamas Erfolge bescherte. Aber auch in Ramallah und in Kairo war man über Kerry verärgert, weil er die Rolle des pragmatischen palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas schmälerte statt ihm, wie ein voriger Vorschlag Ägyptens, den Rücken zu stärken. Man setze voll auf den Vorschlag Kairos, hieß es deswegen aus Jerusalem.

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Derweil waren israelische Truppen damit beschäftigt, das Tunnelsystem der Hamas zu zerstören. Kämpfer der Organisation hatten die Stollen dazu genutzt, um in Israel einzudringen. Netanjahu beschrieb sie deswegen als strategische Gefahr für sein Land.

Inzwischen droht die Gewalt auf das Westjordanland überzugreifen. Zehntausende Palästinenser demonstrierten dort gegen die Militäroperation und lieferten sich Straßenschlachten mit der Armee. Dabei kamen acht Menschen ums Leben. Gleichzeitig verhinderten israelische Soldaten ein Attentat, als sie den Fahrer eines Autos mit einer Bombe nahe Jerusalem an einer Straßensperre aufhielten und festnahmen.

Hier geht es zur Infostrecke: Chronologie zum Konflikt im Nahen Osten

(RP)