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88.000 Flüchtlinge im Krisengebiet Georgien: Georgische Kriegsgefangene misshandelt?

88.000 Flüchtlinge im Krisengebiet Georgien : Georgische Kriegsgefangene misshandelt?

Zchinwali (RPO). Nach Ende der Kampfhandlungen in Georgien und Südossetien droht nun eine humanitäre Katastrophe. 88.000 Menschen sind auf der Flucht und die georgischen Gefangenen, die von bewaffneten Wächtern am Samstag durch die südossetische Hauptstadt Zchinwali getrieben werden, machen einen ausgemergelten und ängstlichen Eindruck.

Die meisten von ihnen sind älter, fast alle Zivilisten. Während sie mit gesenkten Köpfen und den Händen auf dem Rücken langsam einen Fuß vor den anderen setzen, halten viele Einheimische auf ihrem Weg durch die südossetische Hauptstadt an. Sie zeigen mit Fingern auf die Gefangenen, lachen über sie und machen sogar Fotos mit ihren Handys. "Das sollen Gefangene sein?", ruft eine Frau. "Das sind doch bloß alte Männer!"

Als sie aus den Zellen im Gebäude des Innenministeriums der selbsternannten südossetischen Regierung gebracht werden, schlägt ein Soldat einem der Männer auf den Kopf. Fast alle der Gefangenen sind von Schlägen gezeichnet. Sie haben geschwollene Augen und zahlreiche Blutergüsse im Gesicht. "Ich bin aus Tiflis und habe hier gearbeitet, als der Krieg ausgebrochen ist", erzählt ein bärtiger Mann, bevor ein Wachmann den fragenden AFP-Reporter abdrängt. Andere Häftlinge wirken verängstigt. Sie trauen sich nicht, etwas zu sagen.

"Wir geben ihnen zu essen, und wir kümmern uns um sie", sagt einer der Wächter, nachdem er den Georgiern Anweisungen zugebrüllt hat. Während etwa 15 Gefangene auf den Hof des südossetischen Verteidigungsministeriums gebracht werden und dort die Überreste der zurückliegenden Kämpfe aufsammeln müssen, trottet eine Gruppe von 30 anderen in den Norden von Zchinwali. In einem Großmarkt sollen die erschöpften Männer Hilfslieferungen von Lebensmitteln für die südossetische Bevölkerung ausladen.

"Sie werden so festgehalten, dass ihnen nichts passiert", sagt der südossetische Generalstaatsanwalt Taimuras Chugajew über die Georgier. Mehr als 40 seien in der abtrünnigen Provinz gefangen genommen worden. "Wir sind bereit, sie im Austausch für unsere Männer der georgischen Seite zu übergeben", fügt er hinzu. Neun georgische Soldaten seien als Kriegsgefangene genommen worden, sagt der Jurist. Internationalen Standards entsprechend werde keine Gewalt gegen sie verübt. "Sie bekommen zu essen und dürfen mit ihren Familien telefonieren", versichert Chugajew. Überprüfen lässt sich dies nicht.

Unter der Sonne in Zchinwali liegen noch immer die Leichen dutzender georgischer Soldaten, einige schon seit einer Woche. Die georgischen Behörden sollten zur Überführung der Opfer endlich Kontakt mit der südossetischen Regierung aufnehmen, sagt Chugajew. "Wir haben in unserem Leichenschauhaus keinen Kühlraum mehr", sagt der Jurist. Und je mehr Zeit vergehe, umso geringer sei die Chance, die Toten noch zu identifizieren.

In den südlichen Vororten der Provinzhauptstadt stehen am Samstag 43 Särge mit Soldaten aus Georgien für eine Beisetzung bereit, einige von ihnen mit roten Tüchern bedeckt. Während diese Opfer der Kämpfe wohl bestattet werden, verwest unter einem nahe gelegenen Schutthaufen die Leiche eines weiteren Soldaten.

88.000 Flüchtlinge unterwegs

Die Zahl der Kriegsflüchtlinge und Vertriebenen ist laut Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR auf rund 88.000 angestiegen. Die zentralgeorgische Stadt Gori sei von beinahe allen Einwohnern verlassen worden, zitierte der Tifliser Internetdienst "Civil Georgia" am Samstag das UNHCR. Etwa 15.000 Menschen seien aus der abtrünnigen Region Südossetien ins georgische Kernland geflohen. Das UNHCR stütze sich auf Angaben der Regierung. Allein in der Hauptstadt Tiflis wurden 60.000 geflüchtete Menschen registriert. Sie seien in 500 Gebäuden untergebracht worden, hieß es weiter. In Russland halten sich nach den Angaben des UNHCR rund 30.000 Flüchtlinge aus Südossetien auf.

UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres will kommende Woche nach Georgien und in die Russische Föderation reisen, um sich ein eigenes Bild von der Lage machen zu können. Zudem will er in Gesprächen mit Vertretern beider Regierungen klärten, welche weitere Unterstützung erforderlich sein könnte. Das UNHCR flog bisher über 100 Tonnen Hilfsgüter für rund 50.000 Menschen nach Georgien.

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(afp2)