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Gazastreifen/Netanjahu: Verschärfte Militäroffensive statt Waffenruhe mit Hamas

Krise in Nahost : Netanjahu: Verschärfte Militäroffensive statt Waffenruhe mit Hamas

Bei Luftangriffen auf den Gazastreifen hat die israelische Luftwaffe am Donnerstag mehr als 30 Palästinenser getötet, darunter auch zahlreiche Zivilisten. Eine Waffenruhe mit der radikal-islamischen Hamas schließt Benjamin Netanjahu derzeit aus.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat "weitere Stufen" der Militäroffensive im Gazastreifen angekündigt. "Die Operation geht voran wie geplant", sagte Netanjahu am Donnerstagabend nach mehr als sechsstündigen Beratungen mit seinem Sicherheitskabinett. "Wir haben der (radikal-islamischen) Hamas schweren Schaden zugefügt, aber wir werden noch härter zuschlagen, während die Operation weitergeht."

Die heftigen Raketenangriffe militanter Palästinenser im Gazastreifen auf israelische Ortschaften dauerten auch am Abend an. Die Zahl der Toten in Gaza steigt weiter — inzwischen auf fast 80 Personen. 20 weitere Menschen seien lebensgefährlich verletzt, teilte das Gesundheitsministerium mit. Mehr als 500 Menschen seien seit Beginn der Luftangriffe in der Nacht zum Dienstag verletzt worden. Auslöser der jüngsten Krise war der gewaltsame Tod dreier jüdischer Teenager und der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jungen.

Drei Explosionen in Jerusalem nach Luftalarm

Am Abend griffen militante Palästinenser erneut Jerusalem an. Zwei Raketen seien auf freiem Feld gelandet, zwei weitere abgefangen worden, teilte die Armee mit. Damit seien innerhalb von drei Tagen mehr als 470 Raketen auf Israel abgefeuert worden. Luftalarm war laut Zeugen vor Ort auch in der jüdischen Siedlung Maale Adumin zu hören, die östlich von Jerusalem im Westjordanland liegt. Im Zuge der militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern wurden am Donnerstag 84 Raketen von Palästinensern nach Israel gefeuert, zwölf weitere wurden durch das israelische Raketenabwehrsystem "Iron Dome" ("Eiserne Kuppel") abgefangen.

Es sind die schwersten Auseinandersetzungen seit dem Gaza-Krieg im November 2012. Damals hatte Ägypten nach einem achttägigen Schlagabtausch eine Waffenruhe zwischen Israel und der im Gazastreifen herrschenden radikal-islamischen Hamas ausgehandelt.

Keine Aussicht auf Waffenruhe

Dennoch schließt Benjamin Netanjahu eine Waffenruhe zum derzeitigen Zeitpunkt aus. "Ich spreche im Moment mit niemandem über eine Waffenruhe", sagte Netanjahu laut der Zeitung "Haaretz" am Donnerstag vor einem parlamentarischen Ausschuss. "Es steht nicht einmal auf der Tagesordnung." Der Regierungschef betonte, er habe internationalen Rückhalt für sein Vorgehen. Forderungen nach härteren Schritten, wie etwa Strom- und Wasserversorgung des Gazastreifens zu stoppen, lehnte er jedoch ab. "Wir können nicht das tun, was die Russen mit den Tschetschenen gemacht haben", sagte er nach Angaben des Blattes.

Die Hamas lehnt Israels Existenzrecht sowie eine Friedensregelung ab und sieht sich als Speerspitze im Kampf gegen die israelische Besatzung der Palästinensergebiete. Die USA, Israel und die EU stufen die Hamas mit ihren Milizen als Terrororganisation ein. Israel sieht die zweitgrößte Palästinenserorganisation aber zugleich als Ordnungsmacht im Gazastreifen.

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Drei Raketen in Richtung Atomkraftwerk

Nach neuen israelischen Bombardements setzten radikale Palästinenser am Donnerstag ihre Raketenangriffe auf israelische Städte fort und nahmen dabei auch den einzigen Atomreaktor des Landes ins Visier. Nach Medienberichten wurden am Mittwoch und Donnerstag mindestens drei Raketen in Richtung der Wüstenstadt Dimona abgefeuert, die in der Nähe des Atomkraftwerks liegt. Mindestens eine Rakete wurde den Berichten zufolge vom Abwehrsystem Eisenkuppel in der Luft abgefangen.

In der Küstenmetropole Tel Aviv heulten am Donnerstagmorgen wieder die Sirenen. Es war eine Serie dumpfer Explosionen zu hören. Menschen eilten in Schutzräume. Das israelische Fernsehen berichtete, fünf Raketen seien im Umkreis der Metropole von der Raketenabwehr in der Luft abgefangen worden. Polizeisprecher Micky Rosenfeld dementierte Angaben, wonach zwei Raketen in offenem Gebiet in Tel Aviv eingeschlagen sein sollen. Tel Aviv ist mit mehr als 400.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Israels nach Jerusalem.

Israel wägt nach den Worten von Armeesprecher Peter Lerner noch die Vor- und Nachteile einer Bodenoffensive im Gazastreifen ab. Ziel ist es, den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen zu unterbinden. Eine Bodenoffensive im Gazastreifen sei jedoch die "letzte Option", betonte der Sprecher. Dafür seien 20.000 Reservisten eingezogen worden. Die israelische Regierung hatte die Mobilisierung von insgesamt 40.000 Reservisten gebilligt.

Die USA stellen sich im jüngsten Nahostkonflikt hinter Israel, fordern aber zugleich Israelis und Palästinenser zur Mäßigung auf. "Es ist ein großer Unterschied zwischen Raketenangriffen einer Terrororganisation in Gaza und dem Recht Israels, sich zu verteidigen", sagte Außenamtssprecherin Jen Psaki in Washington.

"Gaza steht auf Messers Schneide"

Der UN-Sicherheitsrat kam am Nachmittag in New York zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte die Gewalt und mahnte zur Mäßigung. "Es ist inakzeptabel für die Zivilisten auf beiden Seiten, dass sie permanent in Angst vor dem nächsten Luftangriff leben müssen", sagte Ban in New York vor dem UN-Sicherheitsrat. Er ermahnte die Parteien, eine Feuerpause zu ermöglichen.

Der bewaffnete Hamas-Arm fordert als Bedingung für eine neue Waffenruhe ein Ende der Blockade des Gazastreifens durch Israel und Ägypten, ein Ende der israelischen Militäraktionen gegen die Palästinenser sowie die Freilassung von Hamas-Mitgliedern. Israel fordert vor einer Einstellung seiner Luftangriffe ein Ende der Raketenangriffe und eine Wiederherstellung der Ruhe.

Die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen sind nach den Worten von Armeesprecher Lerner intensiver als im letzten Gaza-Krieg im November 2012. Binnen 48 Stunden habe die Armee 750 Ziele angegriffen. Im Vergleich dazu seien vor knapp zwei Jahren binnen acht Tagen 1450 Ziele angegriffen worden.

(dpa)