Tag der „Katastrophe“ Palästinenser in Gaza begraben ihre Toten

Ramallah/Gaza · Im Gazastreifen werden die Toten beklagt, Israel rechtfertigt den Einsatz der Armee am Grenzzaun. Die Türkei schickt aus Protest Israels Botschafter nach Hause. Und die Palästinenser gedenken noch einer viel früheren „Katastrophe“.

 Trauernde tragen die Leiche eines 27-Jährigen zu einer Beerdigung im Flüchtlingslager Nuseirat in den palästinensischen Autonomiegebieten.

Trauernde tragen die Leiche eines 27-Jährigen zu einer Beerdigung im Flüchtlingslager Nuseirat in den palästinensischen Autonomiegebieten.

Foto: dpa/Ashraf Amra

Nach den tödlichen Konfrontationen von Palästinensern mit israelischen Soldaten an der Gaza-Grenze haben am Dienstag Tausende Menschen im Gazastreifen Abschied von ihren Toten genommen. Beim blutigsten Tag seit dem Gaza-Krieg 2014 waren insgesamt 60 Palästinenser getötet worden, wie das Gesundheitsministerium in Gaza mitteilte. Rund 2800 wurden verletzt.

Die Trauer der Palästinenser über die Toten mischte sich am Dienstag, dem Tag der Nakba (Katastrophe), mit dem Zorn über die Vertreibung und Flucht Hunderttausender Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948. Die Türkei forderte den israelischen Botschafter in Ankara aus Protest gegen das harte Vorgehen Israels zur Ausreise auf.

Wieder ein Toter am Grenzzaun

Am Gazagrenzzaun wurde am Dienstag erneut ein Mensch erschossen, wie das Gesundheitsministerium in Gaza mitteilte. Allerdings nahmen nicht so viele Menschen wie am Vortag an den Protesten teil. Im Westjordanland beteiligten sich nach Angaben der israelischen Armee etwa 1300 Menschen an teilweise gewalttätigen Demonstrationen.

Die Vereinten Nationen kritisierten das Vorgehen der israelischen Armee vom Vortag scharf. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lobte dagegen den „entschlossenen Einsatz“ der Sicherheitskräfte. Die Bundesregierung warf der Hamas Anstachelung zur Gewalt vor.

Proteste nach Eröffnung der US-Botschaft

Am Montag waren nach Angaben der israelischen Armee im Gazastreifen rund 40.000 Palästinenser an den Grenzzaun zu Israel gekommen. Gewalttätige Demonstranten hätten explosive Gegenstände und Brandbomben auf Soldaten und den Sicherheitszaun geworfen, teilte die Armee mit. Soldaten hätten entsprechend reagiert und auch geschossen.

Ein Auslöser für die Proteste im Gazastreifen war die Eröffnung der US-Botschaft am Montag in Jerusalem, dem 70. Jahrestag der israelischen Staatsgründung. Die Menschen protestieren zudem gegen eine mehr als zehnjährige Blockade des Küstenstreifens durch Israel und Ägypten.

Nach den blutigen Gaza-Protesten blieben wegen eines Generalstreiks am Dienstag alle Geschäfte in den Palästinensergebieten und Ost-Jerusalem geschlossen. Auch Schulen, Universitäten und Regierungseinrichtungen blieben zu sowie arabische Einrichtungen in Israel. Die Flaggen am Amtssitz von Präsident Mahmud Abbas in Ramallah wehten auf halbmast.

Türkei weist israelischen Botschafter aus

Die Aufforderung zur Ausreise des israelischen Botschafters begründete die Regierung in Ankara mit dem Vorgehen der israelischen Armee am Gazagrenzzaun. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan warf Israel einen „Genozid“ vor. Das türkische Außenministerium habe Botschafter Eitan Naeh übermittelt, dass es „angemessen ist, wenn er für einige Zeit in sein Land zurückkehrt“, meldeten die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu und weitere Medien.

Damit schien es sich nicht um eine förmliche Ausweisung zu handeln. Der Botschafter war wegen der Zusammenstöße zuvor ins Außenministerium in Ankara einbestellt worden.

Netanjahu wies die Kritik Erdogans zurück. „Erdogan ist einer der größten Unterstützer der Hamas, daher gibt es keinen Zweifel, dass er sich gut auskennt mit Terror und Massakern“, sagte Netanjahu am Dienstag. „Ich rate ihm, uns keine Moral zu predigen.“

Das UN-Menschenrechtsbüro kritisierte Israel scharf. Tödliche Gewalt dürfe nur angewendet werden, wenn die Angegriffenen in Lebensgefahr seien. Das sei hier aber nicht der Fall gewesen, sagte der Sprecher des Büros, Rupert Colville, in Genf.

Streit um Jerusalem

Die USA hatten am Montag in Jerusalem in ihrem bisherigen Konsulat ihre Botschaft eröffnet. US-Präsident Donald Trump hatte vor rund sechs Monaten in einem international scharf kritisierten Schritt Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkannt. Dabei kündigte er auch die Verlegung der Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem an.

Jerusalem gilt als eine zentrale Streitfrage im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Israel hat den Ostteil der Stadt im Sechstagekrieg 1967 erobert. Den Anspruch der Palästinenser auf Ost-Jerusalem als Hauptstadt für einen künftigen Staat Palästina lehnt Israel ab.

Nach Ansicht der internationalen Gemeinschaft sollte der Status der Stadt erst in gemeinsamen Friedensgesprächen zwischen Israel und Palästinenser festgelegt werden.

Die Bundesregierung rief die Israel auf, beim Einsatz von Gewalt verhältnismäßig vorzugehen. „Die israelische Regierung hat das Recht und sie hat die Pflicht, sowohl (...) die Sicherheit ihrer Bürger, als auch die Sicherheit ihrer Grenzen zu schützen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Der Hamas warf er vor, sie lege es auf eine Eskalation der Gewalt an. „Das ist zynisch.“

(oko/dpa)
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