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G7: Donald Trump schimpft, brüskiert und stellt Verbündete vor Rätsel

Historischer G7-Gipfel : Trump schimpft, brüskiert und stellt Verbündete vor Rätsel

Das seit 40 Jahren bestehende Gesprächsformat G7 erlebt ein beispielloses Desaster, weil sich der US-Präsident über Kanadas Premier Trudeau ärgert. In den USA gibt es Zustimmung aber auch kritische Stimmen zum Verhalten des irrlichternden Trump.

Die Wortwahl lässt an den Kunden eines Gebrauchtwagenhändlers denken, der eine Rostlaube erworben hat, sich getäuscht sieht und das Geschäft rückgängig macht. Nach Justins Falschaussagen, twitterte Donald Trump an Bord der Air Force One, und angesichts der Tatsache, dass Kanada amerikanische Farmer, Arbeiter und Unternehmen mit massiven Zöllen zur Kasse bitte, habe er seine Vertreter beim G7-Gipfel angewiesen, die gemeinsame Abschlusserklärung nicht zu billigen. „Während wir uns Zölle für Autos ansehen, die den US-Markt überfluten“, schob der US-Präsident mit einschüchterndem Unterton hinterher.

Damit war sie auch schon abgeblättert, die Farbe, mit der die stärksten westlichen Industrienationen und Japan versucht hatten, die Risse in der Fassade zu übertünchen. Damit war klar, dass er gescheitert war, der Versuch, dem Nationalisten im Weißen Haus zumindest Lippenbekenntnisse zur gefährdeten liberalen Weltordnung abzuringen. Mit einiger Mühe war es gelungen, auch Trump auf eine Abschlusserklärung zu verpflichten, in der vom Streben nach dem Abbau von Zollbarrieren, vom Abbau nichttarifärer Hindernisse und staatlicher Subventionen die Rede war. Bevor er die Runde in Charlevoix vorzeitig verließ, um nach Singapur aufzubrechen, zum Gipfel mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un, hatte der Amerikaner noch in typischer Neigung zum Übertreiben von „ungemein erfolgreichen“ Beratungen geschwärmt.

Trump: USA sind nicht das Sparschwein, das jeder schlachtet

Nur seien die Vereinigten Staaten eben nicht „das Sparschwein, das jeder schlachtet - das wird aufhören“, fügte er noch in Charlevoix hinzu. Rede er mit Politikern anderer Länder über den Handel, würden viele nur lächeln, während er spreche. Das Lächeln stehe für: „Wir konnten nicht glauben, dass wir damit so lange ungestraft davongekommen sind“. Sollte sich daran nichts ändern, drohte Trump kurz vor seiner Abreise, „werden wir mit ihnen keinen Handel mehr treiben.“ Was schon deshalb bizarr klang, weil er die G7 zugleich mit dem Vorschlag einer Freihandelszone ohne jegliche Zollhürden überraschte. Auf einer Skala von eins bis zehn könne man sein Verhältnis zu den anderen mit einer Zehn bewerten, sagte er noch und nannte drei bei ihren Vornamen – Angela, Emmanuel und Justin.

Die Air Force One war noch in der Luft, ehe sie zum Auftanken auf der Ägäis-Insel Kreta landete, da meldete einer der Genannten, der kanadische Premier Justin Trudeau, öffentlich Widerspruch an. Im Grunde wiederholte er nur, womit er sich schon zuvor aus dem Fenster gelehnt hatte. Trumps Entscheidung, ausgerechnet im Namen der nationalen Sicherheit Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte zu erheben, sei schon deshalb beleidigend, weil kanadische Soldaten seit dem Ersten Weltkrieg in jedem Konflikt Schulter an Schulter mit den Amerikanern gekämpft hätten. „Wir Kanadier sind höflich, wir sind vernünftig, aber wir lassen uns nicht herumschubsen“, sagte Trudeau, was Trump zu einer seiner gefürchteten Twitter-Tiraden veranlasste. Während des G7-Treffens habe der Gastgeber den Sanftmütigen und Milden gegeben, polterte er, nur um hinterher zu erklären, die Zölle seien eine Beleidigung. „Sehr unaufrichtig & schwach“. Im Übrigen seien die Stahlzölle lediglich eine Reaktion auf den 270-prozentigen Zollaufschlag, mit dem Trudeau Milchprodukte aus den USA verteuere.

Trumps Verhalten löst Kontroverse in USA aus

Ein Präsident, der alte Verbündete mit gereizten Tönen brüskiert und sie mit launischem Zickzack vor Rätsel stellt, während er Russland trotz der Annexion der Krim einlädt, dem Club der führenden Industrienationen wieder beizutreten. Ein Präsident, der sofort aus der Haut fährt, sobald einer dieser Verbündeten Kritik an ihm äußert. In den Vereinigten Staaten hat die Konstellation mit ihren in dieser Schärfe noch nie erlebten Kontrasten einen heftigen Diskurs ausgelöst. Eine Debatte, bei der sich harsche Kritik an Trump mit euphorischer Zustimmung mischt.

Ob der Mann der Strategie Wladimir Putins folge oder einer amerikanischen, fragt Chuck Schumer, die Nummer eins der Demokraten im Senat. „Angesichts der vergangenen Tage fällt es einem schwer, das zu beurteilen.“ Der Republikaner John McCain, der an Krebs erkrankte Senator aus Arizona, richtet per Twitter einen dramatisch klingenden Appell an die Alliierten. Parteiübergreifende Mehrheiten von Amerikanern seien nach wie vor für den Freihandel, sie sähen die Globalisierung positiv und unterstützten Allianzen, die auf 70 Jahren gemeinsamer Werte beruhten. „Die Amerikaner sind auf eurer Seite, auch wenn unser Präsident es nicht ist.“ McCains Parteifreund Bob Corker, ein außenpolitisches Schwergewicht der Senatskammer, hat vor wenigen Tagen einen Gesetzentwurf eingebracht, der Trumps Zolldekrete blockieren soll. Ob er damit Erfolg haben wird, ist ungewiss. Gleichwohl steht die Initiative für den ersten Versuch der alten Garde, dem Protektionisten im Oval Office in die Parade zu fahren.

„America is back“

Andererseits mangelt es nicht an Stimmen, die Trump die Rolle des tapferen Helden zusprechen, der - allein gegen eine feindliche Übermacht – furchtlos für nationale Interessen kämpft. Jeanine Pirro, Moderatorin beim Fernsehsender Fox News, spitzt es auf drei Worte zu: „America is back“. Amerika sei wieder im Rennen, die Wirtschaft der Republik erklimme historische Gipfel, das Vertrauen der Konsumenten sei so groß wie seit 18 Jahren nicht mehr. „Und der Präsident hat keine Angst.“ Im Übrigen sei er derjenige, der beim G7-Treffen alles dominiert habe. „Amerika ist wieder da, Leute!“

Dann wäre da noch ein Schnappschuss, der an sich schon für Diskussionen sorgt. Angela Merkel steht, die Hände auf einen Tisch gestützt, vor Donald Trump, der sich mit verschränkten Armen anhört, was sie zu sagen hat. Eine Gardinenpredigt der Bundeskanzlerin? Trump in der Defensive? John Bolton, seit April Sicherheitsberater im Weißen Haus, interpretiert es ganz anders. Das Bild, twitterte er, illustriere eine weitere G7-Runde, bei der andere Staaten von Amerika erwarteten, die Rolle ihrer Hausbank zu spielen. Der Präsident habe klargemacht: „So geht es nicht weiter“.

(fh)