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Unterwegs in Israel (Tag 3): Für viele Palästinenser ist Israel ein Vorbild

Unterwegs in Israel (Tag 3) : Für viele Palästinenser ist Israel ein Vorbild

Ramallah (RP). Studenten gehen für mehr soziale Gerechtigkeit auf die Straße und der Palästinenser-Konflikt könnte schon in wenigen Tagen in seine entscheidende Phase treten: Mehr als 60 Jahre nach der Gründung Israels sind unsere Reporterinnen Katharina Schmülling und Semiha Ünlü unterwegs in einem Land voller Widersprüche.<p />Fernsehbilder von Palästinenser-Demos im Westjordanland zeigen fast immer den al-Manarah.

Der Platz mit dem Brunnen in der Mitte mit den vier Löwen ist das Zentrum von Ramallah, der Hauptstadt der Palästinensischen Autonomiebehörde. Es ist ein komisches Gefühl, plötzlich selbst an der Stelle zu stehen, die wir bislang nur aus dem Fernsehen kannten. Hier haben nicht nur Proteste statt gefunden: Im Verlauf der zweiten Intifada haben Palästinenser an dieser Stelle auch mutmaßliche Kollaborateure öffentlich hingerichtet.

Es ist wuselig, Autofahrer hupen. Frauen mit stark geschminkten Gesichtern in langen dunklen Kleidern und Kopftuch eilen vorbei. Andere tragen ihre langen, dunklen Haare offen. Männer in schwarzen Stoffhosen und dunklen Hemden schieben Babys in Kinderwagen über die Straße. Am Rand stehen junge Männer in Jeans und schreien arabische Sätze in ihre Handys, ein Kamerateam befragt Passanten. Händler verkaufen Obst und Tee.

Fremde fallen in Ramallah (arabisch für "Gnade Gottes") auf. "Willkommen", ruft ein Mann uns in englischer Sprache zu und grinst breit, während er an uns vorbeiläuft. "Wo kommt ihr her?", fragt eine junge Frau im Vorbeigehen. "Aus Deutschland", antworten wir und ernten ein fröhliches Lächeln. Sie arbeite als Lehrerin, erzählt die Frau mit dem langen schwarzen Rock und dem rot bedruckten Kopftuch. Es gehe ihr gut, sie habe schließlich eine gute Stelle an einer kleinen Schule etwas außerhalb der Stadt, sagt sie und eilt gleich weiter.

"Je nachdem, was in den nächsten Tagen und Wochen passiert, werden auch hier wieder Proteste stattfinden", sagt Suleiman Abu-Dayyeh, der uns durch die Stadt führt, die vielleicht demnächst schon die Hauptstadt eines Staates Palästina sein könnte. Der Palästinenser hat in Bochum und Bonn Sozial- und Wirtschaftswissenschaften studiert und spricht sehr gut Deutsch. Seit Anfang der 90er Jahre lebt er in Jerusalem. Was genau schon in den nächsten Tagen in Ramallah passieren könnte, ist schwer vorauszusehen, sagt Suleiman.

Fest steht: In den nächsten Tagen wird Palästinser-Präsident Mahmoud Abbas bei den Vereinten Nationen einen Antrag auf Anerkennung Palästinas als eigenständigen Staat stellen. "80 Prozent der palästinensischen Bevölkerung unterstützen das Vorhaben", sagt Dr. Khalil Shikaki, Leiter des Palestinian Center for Policy an Survey Research, einem palästinensischen Meinungsforschungsinstitut. 60 Prozent lehnten Gewalt ab, zitiert er aus seinen neusten Untersuchungen. "Die Menschen wollen vor allem ein Ende der Besatzung durch Israel."

Doch für viele Palästinenser ist Israel nicht nur Feind, sondern auch Vorbild. "Die jungen Menschen sind enttäuscht von der Hamas in Gaza und der Fatah im Westjordanland. Sie sind der Meinung, dass beide versagt haben", sagt Shikaki. 85 Prozent der Befragten zwischen 18 und 28 Jahren wünschten sich einen souveränen Staat nach dem Vorbild Israels, sagt Shikaki. Eine Demokratie mit religiösem Werteverständnis.

Möglich ist laut seinen Forschungen, dass es eine Welle von Demonstrationen geben werde. Auch an den Grenzen zwischen Israel und dem Westjordanland könnten die Menschen in Massen auf die Straße gehen, sagt Shikaki. Der Beginn der Proteste könnte wieder Fernsehbilder vom al Manarah-Platz in die ganze Welt tragen. Hoffentlich keine von blutigen Auseinandersetzungen, denken wir.