Freilassung von Bowe Bergdahl: Diskussion um Gefangenenaustausch

Amerika streitet über Deal mit den Taliban : Bowe Bergdahl schämte sich für Amerika

Amerika streitet über den Gefangenenaustausch, der dem verschleppten Bowe Bergdahl nach fünf Jahren die Freiheit bescherte. War der Gefangenenaustausch eine moralische Verpflichtung - oder hat man damit die Büchse der Pandora geöffnet?

Seinem Sohn dürfte es ergehen wie einem Tiefseetaucher, vermutet Bob Bergdahl. Kehre er zu abrupt an die Wasseroberfläche zurück, drohe seine Gesundheit Schaden zu nehmen. "Bowe war so lange weg, dass es schwer für ihn wird, zurückzukommen." Seit Sonntag wird Bowe Bergdahl im US-Militärkrankenhaus in Landstuhl untersucht, danach soll er sich im texanischen San Antonio von den Strapazen einer fünfjährigen Gefangenschaft erholen. Es werde wohl dauern mit der Rückkehr in ein halbwegs normales Leben, dämpfen seine Eltern die Erwartungen.

Als Bob und Jani Bergdahl am Sonntagabend in Boise im Rocky-Mountains-Staat Idaho eine Pressekonferenz improvisierten, wirkten sie nicht nur emotional aufgewühlt, sondern auch vorsichtig wie erfahrene Therapeuten, die einen Patienten auf eine lange Behandlungsdauer einstimmen.

Bowe dürfte Zeit brauchen, ehe das Englische wieder flüssig über seine Lippen komme, prophezeit seinerseits David Rohde, ein Korrespondent der "New York Times", der sieben Monate vom Haqqani-Netzwerk festgehalten wurde, derselben Gruppe, die den Soldaten in ihrer Gewalt hatte. "Du lebst mit diesen jungen Paschtunen, sie sind dein einziger menschlicher Kontakt" sagt Rohde. Er selbst habe in dieser Isolation Paschto gelernt, Bergdahl sicher auch, und es wäre nur allzu verständlich, wenn dessen Muttersprache anfangs ein wenig holprig klinge.

Sorge um Erpressbarkeit der USA

Die politische Debatte über den Gefreiten Bowe Bergdahl, sie ist eindeutig kontroverser. Prominente Republikaner werfen Barack Obama vor, durch den Deal, der zur Freilassung führte, einen fatalen Präzedenzfall geschaffen zu haben. Dass der Präsident gleich fünf Taliban-Kommandeure aus Guantánamo ziehen lasse, schockiere ihn, wettert Adam Kinzinger, einst Militärpilot im Irak und in Afghanistan, heute Kongressabgeordneter.

Der texanische Senator Ted Cruz, wortgewaltiges Idol der Tea Party, spitzt es noch polemischer zu. "Was sagt das den Terroristen? Wenn ihr einen GI erwischt, könnt ihr ihn gegen fünf Terroristen eintauschen?" Nein, von einer Ermunterung potentieller Entführer könne keine Rede sein, entgegnet Susan Rice, Obamas Sicherheitsberaterin.

Bergdahl sei keine Geisel gewesen, sondern ein Kriegsgefangener, und dass man sich um die eigenen Kriegsgefangenen kümmere, sei ein heiliges amerikanisches Prinzip. Im Übrigen habe sich der Gesundheitszustand des 28-Jährigen derart verschlechtert, dass es schlicht darum ging, sein Leben zu retten. Verteidigungsminister Chuck Hagel dreht den Spieß um, indem er betont, dass es durchaus Sinn mache, mit den Taliban zu reden - nicht nur über einen Soldaten. Vielleicht mache die Abmachung den Weg frei für Gespräche über ein Friedensabkommen, orakelt er. Hagel hat in Vietnam gekämpft. Er klingt, als wolle er Schreibtischtätern, die immer nur im Sandkasten Krieg spielten, die ernüchternde, komplizierte Realität eines Schlachtfelds erklären. Gestritten wird aber auch über die Umstände, unter denen Bergdahl zum Gefangenen wurde.

Bergdahl schämte sich, Amerikaner zu sein

Aufgewachsen in einem abgeschiedenen Weiler in den Rocky Mountains, hatte er sich mit 20 bei der französischen Fremdenlegion beworben. Da er nicht genommen wurde, meldete er sich bei der Armee des eigenen Landes, zu einer Zeit, da der Wahlsieger Obama das Truppenkontingent am Hindukusch aufstockte und dessen Generäle eine Strategie skizzierten, die eher an bewaffnete Entwicklungshelfer denken ließ, an ein Peace Corps in Uniformen. Im Osten Afghanistans, in der Provinz Paktika, machte Bergdahl bald kein Hehl mehr über den Graben zwischen Rhetorik und Praxis, den er klaffen sah.

Er schäme sich, Amerikaner zu sein, schrieb er im Juni 2009, drei Monate nach seiner Stationierung, in einer später vom Magazin Rolling Stone veröffentlichten E-Mail an "Mom und Dad". "Der Horror dieser selbstgerechten Arroganz, es ist widerlich." Die Army sei ein Haufen von Lügnern, Intriganten, Narren und Tyrannen, schimpfte er auf seine Vorgesetzten. Als ein Militärfahrzeug ein afghanisches Kind überfuhr, kommentierte er es mit bitteren Worten über seine Kameraden, die darüber noch scherzten. "Es ist uns sogar egal, wenn wir einander darüber reden hören, wie wir ihre Kinder in staubigen Straßen mit unseren Panzerwagen überrollen. Wir machen noch Späße darüber.

Bevor Bergdahl in Gefangenschaft geriet, verließ er seinen Stützpunkt auf eigene Faust, am frühen Morgen des 30. Juni 2009. Manche nennen ihn deshalb einen Deserteur. "Die Zukunft ist zu gut, um für Lügen vergeudet zu werden", hatte er zuvor seinen Eltern geschrieben.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Taliban lassen US-Soldat Bowe Bergdahl nach fünf Jahren frei

(ape)