Forderung von belgischer Partei: Frankreich soll bis Brüssel wachsen

Forderung von belgischer Partei : Frankreich soll bis Brüssel wachsen

Liegt Brüssel künftig in Frankreich statt in Belgien? Ja, wenn es nach dem Willen einer belgischen Splitterpartei ginge, die die Nase so voll hat vom andauernden Streit zwischen Flamen und Wallonen, dass sie die Wallonie und Brüssel abspalten will.

Die beiden französischsprachigen Landesteile passten einfach besser zu Frankreich als zu den eigenen flämischen Mitbürgern, meint die RWF (Zusammenschluss Wallonie-Frankreich) - und hisst im Wahlkampf für Belgiens Kommunalwahlen am Sonntag die blau-weiß-rote Trikolore.

Für politische Krisen sind die Belgier ebenso bekannt wie für Pommes Frites. Erst im Dezember 2011 rang sich das Land zu einer funktionsfähigen Regierung durch - nach anderthalb Jahren Streit zwischen Flamen und Frankophonen; letztere bevölkern die Wallonie im Süden und dominieren obendrein die offiziell zweisprachige Hauptstadt Brüssel. Immer wieder ging es in den zähen Verhandlungen um das Verhältnis der großen Sprachgruppen zueinander, etwa um Kompetenzen der Regionen und Finanztransfers.

Ein Grund für den immer weiter schwelenden Streit: Flanderns mächtigste Partei, die NVA (Neu-Flämische Allianz), Favorit in ihrem Landesteil bei den Wahlen am Sonntag, will Flandern letztlich aus Belgien herausführen. Schon jetzt erstreben viele Flamen deutlich mehr Eigenständigkeit im belgischen Bundesstaat, auch weil sie das Gefühl haben, die Frankophonen mit durchzufüttern.

"Mehr als jemals ist Belgien durch den flämischen Separatismus bedroht", heißt es vor diesem Hintergrund in einer Wahlwerbung der RWF. Belgien wird "in den kommenden zehn Jahren" untergehen, sagt ihr Präsident Paul-Henry Gendebien - und will darauf vorbereitet sein. Die Wallonie soll deshalb als 23. Region und Brüssel als 24. Region zu Frankreich stoßen. "Die Angliederung wird relativ leicht zu machen sein, weil es kaum ideologische, kulturelle, ökonomische und soziale Differenzen" zwischen frankophonen Belgiern hüben und Franzosen drüben gebe, sagt Gendebien.

Derartige Ideen existieren schon seit Belgiens Gründung im Jahr 1830, erläutert der Politologe Pierre Verjans. "Es hat immer Belgier gegeben, die es so gesehen haben, dass Frankreich mehr Reize bot als Belgien", sagt der Forscher aus Lüttich. Meinungsumfragen zeigen allerdings, dass die Mehrheit der frankophonen Belgier ein "kleines Belgien" der Angliederung an Frankreich vorzöge, falls das Königreich zerschlagen würde.

Die meisten frankophonen Politiker arbeiten darum auf eine Stabilisierung Belgiens hin. Auch die RWF sieht sich eher als eine Partei "der Reflexion und der Vorschläge" denn als realen Machtfaktor, gesteht Gendebien zu. "Wir wiegen nicht mehr als zwei Prozent der Stimmen in der Wallonie." Die RWF-Kandidaten stellen sich zudem nur für die Provinz-Versammlungen zur Wahl, deren Befugnisse sehr beschränkt sind.

Und was sagt der große Nachbar zur Aussicht auf Vergrößerung? Das Außenministerium in Paris gibt sich erwartungsgemäß diplomatisch: "Wir haben sehr enge Beziehungen zur Wallonie, aber das ist eine innere Angelegenheit" Belgiens, kommentierte ein Sprecher auf Anfrage.

Dagegen hatten sich 2010 in einer Umfrage zwei Drittel der befragten Franzosen bereit gezeigt, ihre sprachlichen Geschwister von jenseits der Grenze samt ihrem Land willkommen zu heißen. Und Präsident Charles De Gaulle hatte seinem Biographen Alain Peyrefitte zufolge ohnehin schon vor Jahrzehnten geäußert, dass die Wallonen "in den Schoß der französischen Republik eingegliedert werden wollen, deren Teil sie bereits gewesen sind".

(AFP)
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