Libyen rutscht wieder in die Gewalt: Folter wie unter Diktator Gaddafi

Libyen rutscht wieder in die Gewalt: Folter wie unter Diktator Gaddafi

Die Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft für Libyen erhalten in diesen Tagen schwere Dämpfer. Denn rund drei Monate nach dem Tod des verhassten Machtshabers Gaddafi rutscht das Land in eine neue Sogwelle der Gewalt. Internationale Ärzte und Menschenrechtsorganisationen berichten von Gewalt und Folter wie zu dunkelsten Zeiten der Diktatur.

Der Nationale Übergangsrat hat nach dem Tod des Despoten den Menschen in Libyen und der Welt eine freie und demokratische Zukunft versprochen. Die Zeiten, in denen Bürger ohne Anklage und Verfahren in dunklen Gefängniskellern verschwanden, sollten ein für allemal vorbei sein. Auch den Schergen Gaddafis wurden faire Prozesse versprochen. Lynchjustiz wurde öffentlich geächtet. Jetzt erheben die Organisation Ärzte ohne Grenzen und Amnesty International schwere Vorwürfe.

115 Patienten mit Folterwunden

Ärzte ohne Grenzen stellt jetzt die Arbeit in Misrata ein. Die Ärzte-Teams vor Ort hätten immer mehr Patienten behandelt, deren Verletzungen durch "Folter während der Verhöre" verursacht worden seien, teilte die Organisation mit. Seit August seien von den Ärzten ohne Grenzen 115 Menschen mit Folterwunden behandelt worden.

Die Helfer fühlen sich von den sogenannten Sicherheitskräften ausgenutzt. "Patienten wurden mitten im Verhör zur medizinischen Behandlung zu uns gebracht, damit wir sie für weitere Verhöre fit machen", erklärte der Generaldirektor Christopher Stokes. "Das ist inakzeptabel." Die Organisation wolle Kriegsopfer und kranke Häftlinge behandeln und nicht dieselben Patienten zwischen Folterverhören.

Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenze stellten bei den 115 mutmaßlichen Folteropfern Brandwunden durch Zigaretten und Elektroschockgeräte, schwere Prellungen, Knochenbrüche und Nierenversagen durch Schläge fest. Die Verhöre wurde vom militärischen Geheimdienst NASS geführt. Dabei handelte es sich nicht ausschließlich um Gaddafi-Kämpfer. Bei den Folteropfern handele es sich auch um gewöhnliche Diebe und Plünderer.

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Wichtige Behandlungen wurden verweigert

Die Behörden vor Ort hätten die Forderungen nach einem Ende der Folter ignoriert und in mindestens einem Fall die dringend notwendige Behandlung eines Gefangenen verhindert, hieß es in der Stellungnahme weiter. Zwei Häftlinge seien im Oktober und November so schwer geschlagen worden, dass sie gestorben seien.
Stokes erklärte, seine Organisation führe keine Autopsien durch und könne daher nichts zur unmittelbaren Todesursache sagen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (ai) bestätigt die Berichte der Ärzte. Mehrere Gefangene seien gestorben, nachdem sie in den vergangenen Wochen in von Milizen kontrollierten Lagern gefoltert worden seien, teilte ai mit. Folter und Misshandlung durch Militär- und Sicherheitskräfte sowie durch eine Vielzahl bewaffneter Milizen, die außerhalb der Legalität agierten, seien weitverbreitet. Gesetzlose Rebellen — ein Indikator für bürgerkriegsähnliche Zustände im Land.

Großbritannien enttäsucht

Die britische Regierung forderte den libyschen Übergangsrat auf, den selbst gesetzten hohen Standards gerecht zu werden. Der Rat dürfe Misshandlungen nicht tolerieren, erklärte das Büro von Premierminister David Cameron. "Wir sind besorgt über diese Berichte." Die libyschen Behörden äußerten sich nicht zu den Vorwürfen. Nach dem Sturz des langjährigen Staatschefs Muammar al Gaddafi hatte die neue Führung versprochen, die Menschenrechte zu respektieren und Misshandlungen zu beenden.

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(APD)
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