Folgen des Brexit: An der irischen Grenze lauert der Hass

Folgen des Brexit: An der irischen Grenze lauert der Hass

Am Dienstag stimmt das britische Unterhaus über das EU-Austrittsgesetz ab. Nirgendwo in Europa drohen drastischere Folgen eines ungeregelten Brexit als auf der irischen Insel. Der wichtigste Pfeiler des Friedensabkommens von 1998 droht zerstört zu werden.

Damian McGenity versucht, das Geräusch der Rotoren zu beschreiben. „Es klang wie ein Schwarm wütender Hornissen“, sagt er. Der 45-Jährige wischt das Foto von der britischen Grenzanlage auf dem Display seines Smartphones mit seinem Daumen weg und steckt das Mobiltelefon in die Manteltasche. Er schaut durch das Fenster eines Hotels auf den Faughill Mountain gegenüber. Nichts ist auf dem Bergrücken mehr zu sehen von einer Grenze oder dem Bürgerkrieg. Das Fort und die Festung verschwanden 2006. Nur Nebelfetzen ziehen träge über den Hügel hinweg.

McGenity betreibt eine Postfiliale am Fuß des Faughill Mountains, 300 Meter vom Boden der Republik Irland entfernt. Der Nordire lebt nicht davon, Pakete anzunehmen. Er verkauft in einem der Filiale angeschlossenen Lebensmittelgeschäft vor allem Schnaps. Die Kunden kommen aus Irland. Die Regierung in Dublin macht das Trinken immer teurer. Aber die Iren haben es leicht, der Nüchternheit zu entgehen – noch. An Wochenenden, wenn sie vorglühen, steht nicht selten eine Flasche Whisky aus dem Norden auf dem Tisch.

Der Familienvater hat Angst, dass er sich bald von seiner wichtigste Einnahmequelle verabschieden muss. Sollten die Skeptiker recht behalten, denen nichts mehr einfällt, was eine harte Grenze noch aufhalten kann, werden die Iren wohl lieber teureren Schnaps kaufen, als vor Checkpoints zu warten.

McGenity lädt zu einer Fahrt entlang des Berges ein. Er steuert seinen Geländewagen über eine Landstraße, die es bald so nicht mehr geben könnte. „Jetzt sind wir in Irland“, sagt McGenity, als er an einem Gebäude vorbeifährt, auf dem ein Plakat für „Money Change“ wirbt. Vielleicht 100 Meter später, sagt er: „Willkommen im Vereinigten Königreich“. Die Straße kreuzt irisches Territorium und setzt ihren Verlauf in Großbritannien fort. Die Route sei vor 1998 mit Betonblöcken gesperrt und teilweise von der IRA vermint gewesen, erzählt er. „Es gab Dörfer, die vielleicht ein paar Hundert Meter von einander entfernt sind, aber dazwischen lag ein oder zwei Mal die Grenze. Da konnte es einen ganzen Tag dauern, um das andere Dorf zu erreichen.“

Nach 1998 hat die geöffnete Grenze die Region völlig verändert. Der grenznahe County Armagh galt vom Beginn des Bürgerkriegs 1969 bis in die 90er als „Banditenland“. Die IRA hatte die Kontrolle am Boden. Die britische Armee blockierte Straßen und sprengte Brücken, um den Waffenschmuggel zu blockieren. Mit der offenen Grenze aber kamen die Jobs. Einst von der Welt isolierte Städte wie Newry profitierten vom Aufschwung des keltischen Tigers Irland.

Junge Männer konnten Arbeit dies- und jenseits der Grenze finden. Sie gründeten Familien, bauten Häuser, und obwohl die Region immer noch stramm zur irisch-republikanischen Sinn Féin stand, verschwanden die Paramiltärs aus den Dörfern. Jene, die den Kampf nach 1998 fortsetzen wollten, fanden eine Basis vor, die gerade begann, sich mit IKEA einzurichten oder Urlaub in Thailand zu machen.

Damian McGenity hält vor einem Schild wenige Kilometer vor Newry. Die gefürchteten Grenzanlagen erheben sich schwarz auf gelben Untergrund. Das Plakat wirkt wie ein Abbild der Alpträume vieler Nordiren. Das Schild der „Border Communities against Brexit“ fordert Respekt für das Votum der Nordiren gegen den Brexit beim britischen Referendum im Juni 2016. Die Region ist auf Touristen und Investoren aus dem Süden angewiesen. Eine harte Grenze könnte sie fernhalten.

„Bis zu 30 Prozent der Jobs hängen direkt von Irland ab“, sagt McGenity. Doch schlimmer als drohende Arbeitslosigkeit seien die Kontrollen selbst für die Region. „Die Menschen hier sehen sich als Iren. Aber sie haben durch die offenen Grenzen das Gefühl, dass die Einheit schon fast da ist. Wenn die Leute wieder vor Checkpoints stehen, ist das für sie so, als hätte es das Karfreitagsabkommen nie gegeben“, sagt McGenity.

Rund 60 Kilometer von Newry entfernt macht sich ein Experte für den Nordirlandkonflikt Gedanken, ob Geschichte sich wiederholen kann. Die Frage ließe sich nicht mit einem Satz beantworten, meint Cathal McMannus. Der Soziologe sitzt an seinem Schreibtisch an der Queen´s Universität in Belfast. Seine Regale sind voll mit Akten über Gräueltaten aus 30 Jahren Bürgerkrieg. Ja, meint er, der Brexit gefährde den wichtigsten Erfolg des Friedensvertrags von 1998, die offene Grenze zu Irland. Eine Säule des Abkommens verschwinde: die EU als Basis für Vertrauen und Zusammenarbeit auf der irischen Insel.

Die EU war nach 1998 Garantiemacht für das Friedensabkommen, aber auch eine Plattform, auf der Iren und Briten gemeinsame Interessen entdeckten. Soziale Unruhen und Terroranschläge auf neue Grenzanlagen seien gut vorstellbar – aber Krieg? Dazu fehlten den heutigen Paramilitärs beider Seiten schon allein das Waffenarsenal der früheren Kombattanten, meint McMannus.

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Gefahr sieht er vielmehr, dass der Brexit die bereits in Agonie liegende politische Ordnung Nordirlands implodieren lässt. Die protestantische DUP wolle die harte Grenze, sagt er. Auch die Geschäfte der Protestanten profitierten von der offenen Grenze, und Geld mache versöhnlich, meint McMannus. Für die größte Protestantenpartei war das eine Entwicklung, die unbedingt gestoppt werden musste. Jetzt, wo Premierministerin Theresa May von der DUP als Mehrheitsbeschafferin im Parlament abhängt, könnten die Protestanten mit einem Nein zu ihrem Brexit-Deal den mit der offenen Grenze verbundenen Friedensvertrag von 1998 aushebeln.

Das sogenannte Karfreitagsabkommen sah vor, dass sich die DUP und ihre Feindin, die irisch-republikanische Sinn Féin die Macht teilten. Bereits seit Anfang 2017 verweigern die DUP und Sinn Féin die gemeinsame Regierungsbildung auch wegen des Brexit-Streits. Nordirland ist inzwischen länger ohne eigene Regierung, als es Belgien je war. Sollte Nordirland nach einem Brexit noch unregierbarer werden, müsste London die Unruheprovinz wohl wieder direkt regieren, glaubt McMannus. Das wäre das Ende des Karfreitagsabkommens.

Wo sieht er Nordirland in zehn Jahren? „Ich halte es für wahrscheinlich, dass wir wieder dort landen, wo wir in den 50er Jahren waren. Ein Nordirland, das vielleicht noch nicht im Krieg mit sich ist, aber voller Hass und wahrscheinlich von London regiert“, sagt McMannus. Nun hat er sie doch in einen Satz gegossen, seine Antwort, ob Nordirland nach dem Brexit seine Geschichte wiederholen könnte.

Wie ein Nordirland aussehen würde, das wieder brennt, hat der Gemeindearbeiter Gerard Deane im Juli letzten Jahres fassungslos auf Twitter verfolgt. Er war im Urlaub, als seine Heimatstadt Derry am 8. Juli für ein paar Tage in die Anarchie glitt. Ein katholischer Mob griff Wohnhäuser von Protestanten im Fountain-Viertel mit Brandbomben an. Militante beschossen die Polizeistation in der zweitgrößten Stadt Nordirlands mit Maschinengewehren. Sie patrouillierten mit Masken aus Wollmützen an Barrikaden im katholischen Viertel Bogside.

Es schien für ein paar Tage fast, aus würden Paramilitärs „Free Derry“ wieder gründen. So nannte die IRA das Territorium in der Stadt, das sie bis zum Einmarsch der britischen Armee 1972 unter Kontrolle hatte. Der Spuk endete erst am 13. Juli.

Als Anlass für die schlimmsten Unruhen in der Stadt seit 1998 gilt ein Marsch des protestantischen Oranier-Ordens. Er wollte zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder an den Sieg Englands über Irlands Katholiken 1690 erinnern. Aber der Anlass sei nicht die Ursache gewesen für die Zerstörungswut der Katholiken, meint Deane. Die wahre Ursache sei der Brexit gewesen, sagt er. 78 Prozent hätten im mehrheitlich katholischen Derry für einen Verbleib in der EU gestimmt mit Blick auf die auch hier nahe gelegene Grenze zu Irland, erklärt Deane. „In der Bogside liegt die Arbeitslosenquote bei zum Teil 75 Prozent. Und jetzt kommt wohl eine Grenze, die noch mehr Jobs gefährdet und die keiner wollte. Das ist ein gefährlicher Cocktail.“

Die nordirische Psyche, so der Sozialarbeiter, sei für andere Europäer nur schwer zu verstehen. Die Identität der Nordiren beruhe auf der Feindschaft zu einander. „Zu viel Aussöhnung weckt Ängste, sich selbst zu verlieren und Verrat an der eigenen Gruppe zu üben“, sagt er. Deshalb verharre Nordirland seit 20 Jahren in einer Art Fegefeuer zwischen Himmel und Hölle, Frieden und Krieg. „Menschen, die sich ihrer nicht sicher sind, neigen dazu, sich über Ablehnung anderer zu definieren“, meint er.

Die Europäische Union hat nach 1998 viel Geld ausgegeben, damit Projekte wie Deanes „Holywell Trust“ den Traumatisierten aus beiden Volksgruppen Raum zur Aussprache gibt. Der Brexit nimmt aber nun die EU auch als Finanzier des Friedens aus dem Spiel. London verspricht, für ausfallende Fördermittel aufzukommen. Aber ob die Zusagen gelten, wenn Großbritannien nach dem Brexit in eine tiefe Rezession stürzt, glaubt der 45-Jährige nicht.

„Es braucht viel Zeit und vor allem einen stabilen Rahmen, damit Menschen nach so viel Gewalt sich wieder an ein normales Leben gewöhnen“, glaubt Deane. Europa sei in den vergangenen zwei Jahrzehnten jener Anker für Nordirland gewesen. Es scheint, als treibe das gebeutelte Land nun unbekannten Ufern entgegen.

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