Utopien aus „Star Trek“ Erst EU, dann Weltregierung, dann die Sternenflotte

Analyse | Düsseldorf · Den „Star Trek“-Schöpfern zufolge klopft in 40 Jahren das Volk von Mister Spock an und inspiriert die Menschheit dazu, alle möglichen Utopien zu realisieren. Wie weit sind wir auf dem Weg dorthin?

 Die Weisheit der Vulkanier: Leonard Nimoy as Mister Spock  in der ersten „Star Trek“-Serie 1967 mit dem Gruß „Lebe lang und in Frieden“.

Die Weisheit der Vulkanier: Leonard Nimoy as Mister Spock in der ersten „Star Trek“-Serie 1967 mit dem Gruß „Lebe lang und in Frieden“.

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Wenn in 40 Jahren die kleinen grünen Männchen kommen, wird sich herausstellen, dass sie weder klein noch grün sind. Die „Vulkanier“ sind im Gegenteil unwahrscheinlich menschenähnlich, bei Körpergröße und -form sowie den Hautfarben etwa; bloß haben sie spitze Ohren und grünes Blut (wenigstens etwas Grünes also). Das ist schon deshalb ungemein praktisch, weil diese äußere Ähnlichkeit in einem der entscheidenden Momente der Menschheitsgeschichte peinliche Missverständnisse vermeidet: Wohin sollte man einem gesichtslosen außerirdischen Gegenüber schauen, und welche Extremität anstelle einer Hand bloß schütteln?

Der Geschichtsschreibung der wirkmächtigen „Star Trek“-Utopie zufolge wird es so kommen: Am 5. April des Jahres 2063 landet unter anderem der Urgroßvater von Mister Spock zu einem Antrittsbesuch auf der Erde, weil eine Abordnung zufällig in der Gegend ist, als der Menschheit der erste überlichtschnelle Raumflug gelingt. Romantischerweise in einer Atomrakete, die ein herrlich fehlbarer Bastler zum Raumschiff „Phoenix“ umgebaut hat. Mehr „Schwerter zu Pflugscharen“ war nie.

Im Buch „Star Trek Federation: The First 150 Years“ heißt es: „Bei dem Treffen ging es nicht um Handel oder Allianzen. Keiner der Beteiligten schrieb sich selbst die Autorität und Legitimität zu oder hielt es auch nur für notwendig, für irgendjemanden außer sich selbst zu sprechen. Alle waren Produkte ihrer Welten, geschlossener Gesellschaften, deren Vermischung Wandel zu den Völkern sowohl ihrer Planeten als auch denen dutzender anderer Welten bringen würde.“

Die Verständigung an jenem Tag an der Atomraketenabschussrampe im US-Bundesstaat Montana gestaltet sich etwas holprig (nicht zuletzt, weil der Mensch namens Zefram Cochrane betrunken ist), aber sie gelingt – freundlicherweise sprechen die Vulkanier Englisch. Verständigungsprobleme im engeren Sinne gibt es also nicht. Inhaltlich aber ist der Umgang mit Menschen für die Vulkanier von diesem ersten Treffen an oft frustrierend; sie sind eben eine hoch entwickelte Spezies, große Fans von Logik, Meditation und vegetarischer Ernährung.

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Nach ihrem Vorbild reißt sich die Menschheit am Riemen – und verwirklicht, was heute kaum weniger als Utopie erscheint als zur Erstausstrahlung der TV-Serie „Raumschiff Enterprise“ in den 1960er Jahren: Eine interstellare Gesellschaft voller Frieden und Freiheit, den Zwängen des Kapitalismus enthoben, in der Wissenschaft und Künste gedeihen.

Wie weit sind wir auf jenem Weg?

Politik: Von der EU zu Weltregierung, Föderation und Sternenflotte

Der ganze Stolz der „Star Trek“-Protagonisten sind die „Vereinigte Föderation der Planeten“, eine interstellare gütige Großmacht für Frieden und Freiheit, und deren imposante „Sternenflotte“ aus Forschern und Ingenieuren, Diplomaten und Polizisten, die nur im Notfall militärisch agieren.

Der Weg dorthin ist lang und steinig, aber realistisch gezeichnet, nämlich als lange Reihe aufeinanderfolgender, ursprünglich recht loser Allianzen. Und das zunächst einmal „nur“ auf der Erde selbst, wo sich die rivalisierenden kontinentalen Machtblöcke nur zögerlich zusammentun.

Mittels sanften Drucks durch die Vulkanier und einem üppigen Belohnungssystem für internationale Kooperation aber entstehen erstaunlich schnell Kolonien auf dem Mond („New Berlin“!) und Mars sowie schließlich eine demokratisch gewählte Weltregierung, die Kriege, Krankheiten und auch Armut vom gesamten Planeten eliminiert. So beginnt ein goldenes Zeitalter.

Schönes Detail: Diese fiktive zukünftige Weltregierung entsteht aus der „Europäischen Hegemonie“, einer Nachfolgerin der Europäischen Union, die wiederum ihre Wurzeln in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und Europäischen Atomgemeinschaft hat.

Tatsächlich ist die Europäische Union – trotz aller offensichtlichen Unzulänglichkeiten und teils skurrilen Auswüchse – ein sozusagen logischerer Vorläufer einer Weltregierung als etwa die Vereinten Nationen. Die EU nämlich ist das Parade- und genau genommen auch einzige echte Beispiel einer tatsächlich supranationalen, also überstaatlichen Organisation. Und damit ein Vorbild für die Afrikanische Union, die Arabische Liga, den Verband Südostasiatischer Nationen, Lateinamerikas Mercosur und andere.

Die UN samt unter anderem Sicherheitsrat und Internationalem Gerichtshof, WHO, Unicef und Unesco hingegen wirken lediglich international, also zwischenstaatlich. Ihre Mitgliedsstaaten haben keine Gewalten an die UN-Vertreter abgetreten; entsprechend machtlos sind sie im Zweifelsfall leider oft.

Wirtschaft: Eine Überflussgesellschaft ohne Kapitalismus?

Im „Star Trek“-Universum geht es grundsätzlich vor allem deshalb so friedfertig zu, weil alle haben, was sie brauchen: Energie kann in beinahe beliebigen Mengen ortsunabhängig erzeugt und gespeichert werden – und mithilfe dieser Energiemengen lässt sich fast alles Denkbare praktisch aus dem Nichts fabrizieren, vom Tässchen Tee („Earl Grey, heiß“) bis mutmaßlich zum Eigenheim oder einem kleinen Raumschiff für den Eigengebrauch.

Vor diesem Hintergrund ist im 23. und 24. Jahrhundert der Kapitalismus überwunden, der bekanntlich die schlechteste Wirtschaftsform ist – „ausgenommen alle anderen“ uns heute (!) bekannten. In den Worten des weisen Raumschiff-Kapitäns Jean-Luc Picard (Sir Patrick Stewart): „Die Wirtschaft der Zukunft funktioniert ein bisschen anders. Sehen Sie, im 24. Jahrhundert gibt es kein Geld... Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern – und den Rest der Menschheit.“

Wie genau dann in der Zukunft Handel mit Dritten funktioniert, wird nicht ganz klar – aber sei’s drum. Die positiven Begleiterscheinungen des Kapitalismus jedenfalls – Leistungsbereitschaft, Motivation, Innovationskraft – zeigen die Protagonisten auch im Postmaterialismus. Mehr noch: Losgelöst von finanziellen Sorgen und stimuliert durch interstellaren Austausch blühen Wissenschaft und Künste erst richtig auf.

Davon sind wir heute offenkundig weit entfernt, weil viele Millionen Menschen mit dem puren Überleben beschäftigt sind. Dabei produzieren die Bauern dieser Erde beispielsweise längst genug Lebensmittel für alle; fatal ist die krasse wirtschaftliche Ungleichheit im Allgemeinen und der Mangel an Verteilungsgerechtigkeit im Besonderen. Dort gilt es anzusetzen.

Gesellschaft: Unendliche Vielfalt in unendlichen Kombinationen

Die weisen Vulkanier haben viele Wahlsprüche. „Das Wohl der vielen wiegt mehr als das Wohl der Wenigen oder des Einzelnen“ gehört dazu, aber auch das Ziel „Unendliche Vielfalt in unendlichen Kombinationen“. Die utopische Gesellschaft der fiktiven Zukunft basiert auf einer Synthese von Rationalität und Gewaltlosigkeit einerseits und all den positiven Aspekten der Humanität andererseits.

Wissenschaft und Technologie sind als Mittel zum Zweck hoch geschätzt. Jeder und jede ist eingeladen, das eigene Potenzial zu entfalten und dabei die Gesellschaft mitzugestalten. Diskriminierung nach Hautfarbe oder Geschlecht, Kultur, sexueller Orientierung oder Behinderung ist geradezu undenkbar. Auf der Erde ist eine klassenlose Gesellschaft etabliert, in der kein Anti-Intellektualismus geduldet wird.

Der Umgang mit dem Klimawandel wird in „Star Trek“ nicht explizit thematisiert; vergleichbare Umweltkatastrophen hypothetischer Art werden jedoch mit Vernunft und Selbstbeschränkung gelöst – ein interstellares „Tempolimit“ inklusive. Zur Ernährungsweise heißt es unmissverständlich: „Wir versklaven keine Tiere mehr zu Nahrungszwecken“, heißt es einmal. Allerdings erlaubt die erwähnte „Replikator“-Technologie den Verzehr von täuschend echten Tierprodukten wie Fleisch, Milch und Eiern nach Herzenslust – was die tatsächlich tobende Debatte irrelevant macht.

Technologie: In manchem sind wir „Star Trek“ schon voraus

Alle drei Schlüsseltechnologien aus „Star Trek“ sind, falls nicht ohnehin physikalisch unmöglich, enorm weit von jeder Anwendbarkeit entfernt. Gemeint sind Erstens das „Replizieren“ von Materie aus Energie, Zweitens das „Beamen“ von Menschen über enorme Entfernungen hinweg und Drittens der überlichtschnelle Raumflug mittels revolutionärem „Warp-Antrieb“.

Dass im 24. Jahrhundert aber ständig zentimeterdicke Tablet-Computer mit Daten von A nach B getragen werden, erscheint unfreiwillig komisch: Bei Smartphones und mobiler Datenübertragung sind wir tendenziell eher weiter als in „Star Trek“ dargestellt. In der Medizintechnik scheinen wir mit Laser-Fieberthermometern und Defibrillatoren, immer ausgefeilteren Herz- und Hüft-Operationen sowie neuen Strategien gegen Krebs zumindest auf einem guten Weg.

Bei der Entwicklung von Strahlenwaffen steht die Menschheit noch ganz am Anfang, aber wie tödlich schon „herkömmliche“ Waffen sind, sehen wir ja jeden Tag in den Nachrichten – vom Sturmgewehr beim Amoklauf bis zum Artilleriegeschütz im Angriffskrieg auf die Ukraine.

Von den noch immer Tausenden existenten Nuklearsprengköpfen ganz abgesehen, mit denen übrigens in der „Star Trek“-eigenen Geschichtsschreibung ein Dritter Weltkrieg geführt wird, auf dessen Trümmern erst all die Utopien danach entstehen. Tote: mehr als 600 Millionen, Dauer: fast 30 Jahre, Beginn: im Jahr 2026. Jahrzehntelang konnte man darüber herzlich lachen. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und der vielsagenden chinesischen Reaktion darauf weniger.

Hier und jetzt, im echten Leben, steht die Menschheit vor der doppelten Herausforderung, sowohl einen solchen Weltkrieg zu verhindern als auch den nicht weniger existenziell bedrohlichen Klimawandel zu begrenzen. Auf Schutz und sanften Druck durch väterlich-pastorale Aliens wie die Vulkanier sollte im echten Leben niemand hoffen – zur Inspiration dienen für den Weg aus den Krisen können sie aber allemal.

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