1. Politik
  2. Ausland

Finanzkrise: Der Feind ist das Vergessen

Börsencrash : Der Feind ist das Vergessen

Ein Streifzug durchs New Yorker Börsenviertel – zehn Jahre nach Beginn der weltweiten Finanzkrise. Welche Lektionen hat man gelernt? Wie kurz oder lang ist das kollektive Gedächtnis?

Die Federal Hall liegt direkt an der Wall Street, der berühmten Straße, deren Name tatsächlich auf eine Art Mauer zurückgeht. Auf einen Wall, den im 17. Jahrhundert niederländische Kaufleute errichteten, um ihre Siedlung New Amsterdam zu schützen. „Mauerbau. Kommt einem irgendwie bekannt vor“, sagt Foytlin und spricht von Donald Trump und der Grenze zu Mexiko, aber nur kurz. Sein Thema ist schließlich die Finanzkrise, nicht der US-Präsident.

Des besseren Überblicks wegen federt er die ausgetretenen Stufen einer alten Treppe hinauf und stellt sich oben vors Säulenportal der Federal Hall, in der, so viel Geschichte muss sein, George Washington seinen Amtseid ablegte, als es die Stadt Washington nur auf dem Reißbrett gab. Von der Halle kann man herabblicken auf das tiefergelegene Gebäude der New York Stock Exchange, der Börse mit den mächtigen Steinfiguren, die ihre Fassade unterm Dach zieren. In der Mitte Integrity, die Integrität, die Redlichkeit, eine Frau. „Ihr Job ist es, zu garantieren, dass sich alle, die hier Handel treiben, nach höheren Standards richten“, erklärt Foytlin und deutet ein Grinsen an. Angesichts der Finanzakrobatik, die der Finanzkrise des Jahres 2008 vorausging, klingt der Satz wie Hohn, das weiß er selbst. Weshalb er als Nächstes ein folienumhülltes Blatt Papier aus seiner Aktentasche zieht, um vom großen Casinospiel der Branche zu reden.

Eine CDO, genauer, das Titelblatt einer CDO. Collateralized Debt Obligation – ein Wertpapierbündel, das aus Tausenden Hypotheken zusammengestrickt und dann zweimal, dreimal weitergeschoben wurde, bis kaum einer mehr wusste, wer eigentlich das Risiko trägt, falls der Hauskredit nicht zurückgezahlt wird. Dieses Bündel hier, erzählt Foytlin, habe man an Rentenfonds, an Hedgefonds, an Versicherungen verkauft, „an Profis, von denen man dachte, dass sie es besser wissen“. Der Wert: 1,25 Milliarden Dollar. Wobei das mit dem Wert eine sehr theoretische Größe gewesen sei. Wer in den Ramsch investierte, bekam nach dem Crash für jeden ausgegebenen Dollar knapp zwanzig Cent zurück. Und das, obwohl drei Viertel der Papiere, die in der CDO steckten, von einer Rating-Agentur mit AAA bewertet worden waren. „Ein dreifaches A!“, ruft Foytlin und klingt noch immer erstaunt. „Meine Oma hätte im Krankenhaus liegen können, und niemand hätte behauptet, dass sie ein Risiko eingeht, wenn sie Papiere mit dem Gütesiegel AAA gekauft hätte.“

Foytlin kennt den Finanzdistrikt wie seine Westentasche. Ende der Siebziger fing er dort an, bei einer Investmentbank namens Dean Witter. Später machte er sich als Vermögensberater selbständig. Heute berät er Start-up-Unternehmen, schreibt einen Blog und zeigt auf seiner „Financial Crisis Tour“ die Schauplätze der rasanten Talfahrt des Septembers 2008, die der Pleite des Hauses Lehman Brothers folgte. Ein waschechter New Yorker, so stellt er sich vor. Was unter anderem bedeutet, auf zeitraubende Höflichkeitsfloskeln zu verzichten.

Als das Hauptquartier der Rating-Agentur S&P erreicht ist, ein Hochhaus an der Südspitze Manhattans, spricht er vom Interessenkonflikt, der dem Wirken einer solchen Agentur zugrunde liege. „Das Problem ist, die Leute bekommen Geld von dir, damit sie deine Firma bewerten.“ Das sei ungefähr so, als würden Eltern einem Klassenlehrer kurz vor Schuljahresende einen fetten Briefumschlag in die Hand drücken, was auf wundersame Weise dazu führe, dass der Sohn oder die Tochter ein wenig besser abschneide, als es sonst der Fall gewesen wäre.

Der Rundgang endet am Prachtbau der Federal Reserve, der amerikanischen Notenbank, Außenstelle New York. Streng bewacht, weil im Kellergewölbe Goldbarren lagern. Am Wochenende vor dem Montag, an dem Lehman Brothers in den Bankrott rutschte, stand es im Zeichen hektischer Krisensitzungen. Henry Paulson, damals Finanzminister, und Tim Geithner, Direktor der Fed in New York, hatten die Chefs großer Finanzinstitute herbeizitiert, um einen Käufer für Lehman zu finden. Da auch die letzten potenziellen Interessenten kalte Füße bekamen, war das Schicksal des Pleitekandidaten besiegelt. Die Lehren aus dem Kapitel? Ein Crash, antwortet Foytlin, der abgeklärte Wall-Street-Veteran, lasse sich nun mal nicht verhindern. Wenn eines sicher sei, dann nur, dass es irgendwann zum nächsten Absturz komme.

Aus der Krise lernen, es ist das Motto, unter das die Brookings Institution, einer der renommiertesten Thinktanks der USA, eine zweitägige Diskussionsrunde stellt. In der Woche vor dem Jahrestag, im Zentrum Washingtons, nicht in den Häuserschluchten Manhattans. Drei Schlüsselakteure von damals sind gekommen: Paulson, Geithner und Ben Bernanke, seinerzeit der Notenbankchef. Bernanke ist heute Gelehrter bei Brookings, außerdem berät er zwei Investmentgesellschaften, Pimco und Citadel. Paulson hat in Chicago seinen eigenen Thinktank gegründet. Geithner leitet Warburg Pincus, eine private Beteiligungsgesellschaft. Die drei sitzen lässig in roten Sesseln, machen einander Komplimente, reden vom vorbildlichen Teamgeist, der in höchster Not herrschte. Eine Krise, sagt Paulson mit seiner Reibeisenstimme, habe in Amerika noch immer den Effekt, die Sinne zu schärfen und einen Kraftakt möglich zu machen. Jedenfalls würde er keinem raten, in Krisen gegen Amerika zu wetten. Der Tenor: Zuversicht, die Hoffnung, dass sich ein solcher Schlag ins Kontor so bald nicht wiederholt. Aber man hat nicht den Eindruck, dass die drei allzu fest daran glauben.

Bernanke warnt vor den Folgen ausufernder Defizite. Gerade jetzt, da die Republikaner im Bunde mit dem Präsidenten Donald Trump ihre Steuersenkungen durchs Parlament gepaukt haben, dem Staat viele Milliarden an Einnahmen verlorengehen, die Schuldenberge wachsen und die USA immer mehr Geld für die Zinsen auf Staatsschulden ausgeben müssen. Das alles begrenze die Kapazität der fiskalischen Feuerwehr für den Fall, dass der nächste Brand gelöscht werden müsse, mahnt Bernanke. Im Zuge der Finanzkrise, wirft Geithner in die Runde, habe er vor allem eines begriffen: „Dass es erst ganz furchtbar werden muss, bevor sich die Politik zum Handeln entschließt“. Weise sei das nicht, kein intelligentes Konzept für eine große Volkswirtschaft. Nur fürchte er, dass es sich beim nächsten Mal genauso wiederhole. Klar sei, dass mit der Zeit die Erinnerung an die Finanzkrise verblasse – und damit die Erinnerung an das, was man in der Krise gelernt habe. „Der Feind ist das Vergessen.“

Es war Bernanke, als Akademiker auf die Große Depression der 30er Jahre spezialisiert, der im Herbst 2008 am energischsten darauf drängte, in großem Stil zu intervenieren, um der in Angst erstarrten Finanzwelt neues Vertrauen einzuflößen. Paulson, der von Goldman Sachs in die Regierung gewechselt war und lange den Charme deregulierter Märkte beschworen hatte, war anfangs skeptisch, wurde dann aber ironischerweise zum größten Staatsinterventionisten in der Nachkriegsgeschichte des Landes. Der Kongress in Washington schnürte ein 700-Milliarden-Dollar-Paket, um toxische Wertpapiere aufzukaufen. Die Republikaner, Paulsons Parteifreunde, ließen den Gesetzentwurf zunächst durchfallen, ehe die Novelle im zweiten Anlauf verabschiedet wurde. Aus dem konservativen Protest entstand die Tea Party, die einen Populismus in die Reihen der Republikaner trug, der später den Durchmarsch Donald Trumps begünstigte.

Warum keiner der Beteiligten im Gefängnis landete? James Foytlin stellt die Frage so klar, wie es nun mal seine New Yorker Art ist. Doch, doch, beantwortet er sie, er kenne Hausfrauen in New Jersey, die hinterher bestraft worden seien. Sie hätten auf Kreditanträgen ihr Familieneinkommen falsch angegeben, viel zu hoch, um sich mit viel zu hohen Summen geborgten Geldes ein größeres Haus leisten zu können. Gängige Praxis in den Jahren des Immobilienrauschs, zumal die Hypothekenmakler umso mehr verdienten, je höher die Kredite waren. Ninja-Loans: No income, no job, no assets. Einige Kreditnehmer hätten sich deswegen juristisch verantworten müssen, blendet Foytlin zurück. „Aber was ist mit den Banken, die den Leuten all das Geld liehen?“