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Essay: Europas Meer, Europas Schande

Essay : Europas Meer, Europas Schande

Über Jahrtausende war das Mittelmeer vor allem eine Verbindung zwischen West und Ost, Nord und Süd. Heute ist es eine streng bewachte Grenze - und ein Massengrab verzweifelter Flüchtlinge. Das ist Verrat an unseren Wurzeln.

Ein Mann liegt am Strand einer Mittelmeerinsel, mehr tot als lebendig, zerschlagen, nackt, salzverkrustet. Hoffnungsvoll ist er vor langer Zeit aufgebrochen; hier nun endet seine Fahrt fürs Erste. Ein Mann auf dem Weg. Ganz Europa kennt ihn. Denn er ist einer von uns, und seine Geschichte spielt vor mehr als 3000 Jahren. Der Mann heißt Odysseus, er ist auf dem Heimweg von Troja nach Ithaka. Kurz vor dem Ziel hat ihn Poseidon, der zornige Meeresgott, aus dem Boot geschleudert - Odysseus hat nur mit knapper Not das Land der Phäaken erreicht und bedarf nun dringend der Hilfe.

Das Drama, das sich heute auf dem Mittelmeer abspielt, hat keinen Odysseus. Es ist zwar ein Massenstück, aber anonym, vage. Allein seit vergangenem Herbst, schätzen Menschenrechtler, sind 4000 Menschen bei dem Versuch gestorben, das Mittelmeer zu überqueren, um in Europa ein neues Leben zu beginnen. Sie kommen aus Syrien, wo sie vor einem mörderischen Bürgerkrieg geflohen sind, aus Eritrea, einem der schlimmsten Polizeistaaten der Erde, aus Somalia, das schon lange nur noch eine Wüste der Anarchie ist.

Odysseus ist das Urbild des Europäers, nicht nur weil er am Anfang der europäischen Literatur steht, sondern weil er so vieles in sich vereinigt, was uns Europäer danach ausgemacht hat: Er war Eroberer, Entdecker, Abenteurer, Reisender. Wie Odysseus der Europäer par excellence ist, so ist das Mittelmeer Europas Meer par excellence, viel stärker als die unwirtlichen Ozeane im Norden und Westen.

Man muss wohl bis tief in die Antike zurückgehen, um das Verhältnis unseres Kontinents zum Mittelmeer richtig zu fassen. Denn schon zu Zeiten Homers formt sich dieses Verhältnis - kulturell, politisch und wirtschaftlich. Zu dieser Zeit beginnen die Küstenbewohner, Gebrauch vom Meer zu machen, es sich anzueignen. Es beginnt, was Historiker eine "longue durée" nennen: die "lange Dauer", Konstanten der Geschichte. Das Konzept entwickelte der Franzose Fernand Braudel übrigens anhand einer Studie über das Mittelmeer.

Über Jahrtausende, das ist so eine Konstante, war das Mittelmeer vor allem eine Verbindung, eine Brücke, eine Lebensader. Die Pioniere der Antike nutzten es - Griechen etwa gründeten Marseille; Cádiz in Südspanien, schon am Atlantik gelegen, geht auf die Phönizier zurück, die aus dem heutigen Libanon kamen. Das alte Athen wie das römische Reich versorgten sich über das Meer mit Getreide. Während der ersten Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung schließlich war das Mittelmeer eine einzige imperiale Kreuzung, ein gigantischer Binnensee. Die Römer haben damals ein Wort für dieses Gewässer gefunden: "Mare nostrum". Seither ist, allen Zeitläuften zum Trotz, das Mittelmeer "unser Meer" geblieben.

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Doch keine "lange Dauer" ohne die undurchsichtigen mittel- und kurzfristigen Entwicklungsschichten, die sie überlagern und oft unkenntlich machen. Auch das ist am Mittelmeer zu besichtigen: Heute ist dieses Gewässer, das seine Brückenfunktion sogar im Namen trägt, eine Grenze, der Graben zwischen dem Norden der Reichen und dem Süden der Elenden. Es ist dabei zu einem Massengrab geworden, an dem wir Europäer dennoch unverdrossen Urlaub machen. Die Schärfe der Gegensätze hat sich ins Unerträgliche gesteigert, seit sich in Afrika und Nahost islamistische Mörderbanden breitmachen, seit dort (auch, aber nicht nur deswegen) ganze Staaten gescheitert sind und sich daher massenhaft Menschen in den maroden Nussschalen der Schlepper auf den Weg zu uns machen.

Damit es eine koordinierte Rettungsaktion gab, mussten 2013 erst mehr als 300 Afrikaner in Sichtweite der italienischen Küste ertrinken. Historisch ist es eine bittere Ironie, dass die italienische Marine diese Rettungsaktion "Mare Nostrum" nannte. "Mare Nostrum" ist inzwischen ausgelaufen und teils durch "Triton" ersetzt worden. Diese Operation läuft näher an der italienischen Küste, was das Risiko für die Flüchtlinge wieder erhöht, und stellt nicht mehr Rettung in den Vordergrund, sondern Grenzschutz. Nebenbei lässt auch der Name nichts Gutes ahnen: Triton, Mischwesen aus Fisch und Mensch, konnte zwar das Meer beruhigen, indem er in eine große Muschel blies, es aber auch aufwühlen - wie es seinem Vater Poseidon gefiel. Odysseus lässt grüßen.

Für das Europa von "Triton" ist das große Sterben vor allem ein politisches Problem: Italien fühlt sich überrannt, Deutschland würde gern entlastet, die Hälfte der Länder nimmt erst gar keine Flüchtlinge auf. In diesem Europa müssen Gerichte die Staaten auf Selbstverständlichkeiten verpflichten. Erst am Dienstag beschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte der Schweiz, sie könne keine Familien nach Italien abschieben, solange nicht von Italien garantiert sei, dass dort die Familien nicht auseinandergerissen werden.

Solche Urteile müssen einem Europäer die Schamesröte ins Gesicht treiben, weil sie politisches Versagen dokumentieren. Dass wir Reichen angesichts dieser Schande überhaupt noch ruhig schlafen können, kann nur durch Abstumpfung erklärbar sein. Deutschland ist, was die Aufnahme von mehr Flüchtlingen angeht, demoskopisch gespalten. Dabei legen unsere Wurzeln mehr Offenheit nahe. Kulturell sind auch wir Deutschen Geschöpfe des Mittelmeers, weil wir tief geprägt sind vom römisch-griechischen Erbe und vom Christentum.

Und Odysseus? Der wurde im Phäakenland von der Königstochter Nausikaa ver- und umsorgt, Liebesaffäre inklusive. Grünen-Chefin Simone Peter hat dieser Tage an Nausikaa erinnert, als eine "würdige Namensgeberin für ein Umdenken in der europäischen Flüchtlingspolitik". Der Appell wurde umgehend als schwärmerisch gescholten, der Vergleich als schief - schließlich habe dieser Ankömmling doch sofort wieder abreisen wollen. Das wahre Problem aber ist keins der Textauslegung, sondern von Leben und Tod. An Odysseus zu erinnern, kann deshalb nicht falsch sein in diesen Tagen.

(RP)