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Erste freie Wahlen in Tunesien: Es liegt eine feierliche Stimmung über dem Land

Erste freie Wahlen in Tunesien : Es liegt eine feierliche Stimmung über dem Land

Tunis (RPO). Noch nie haben die Menschen in Tunesien in freien Wahlen ihren Willen kundtun können. An diesem Sonntag war der große Moment gekommen. An den Wahllokalen bilden sich lange Schlangen. 70 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab. Viele sind sich des historischen Moments bewusst. Doch die Spannungen wachsen. Vor einem Wahllokal wurde der Chef der islamischen Ennahda-Partei angepöbelt.

Bei der Wahl ihrer verfassungsgebenden Versammlung zeichnete sich am späten Sonntag eine hohe Wahlbeteiligung ab. Rund 70 Prozent der Wahlberechtigten hätten sich beteiligt, sagte der Präsident der Wahlkommission, Kamel Jendoubi, zwei Stunden vor Ende des Urnengangs um 19.00 Uhr Ortszeit (20.00 Uhr MESZ). Das amtliche Endergebnis kündigte Jendoubi für Dienstag an; zuvor hatte es geheißen, das Ergebnis werde bereits am Montag veröffentlicht. Für Montag kündigte der Kommissionspräsident vorläufige Ergebnisse an.

Die neu gewählte verfassungsgebende Versammlung soll im Laufe eines Jahres das Grundgesetz für die mehr als zehn Millionen Einwohner des kleinsten Maghreb-Staates ausarbeiten. Die Versammlung hat auch den Auftrag, eine Übergangsregierung zu bestimmen und die Präsidenten- und Parlamentswahlen vorzubereiten. Die größten Chancen bei der Wahl werden der islamistischen Partei Ennahda eingeräumt. Unter dem nach Massenprotesten der Bevölkerung gestürzten langjährigen Präsidenten Zine al-Abidine Ben Ali war die Partei verboten. Die Bewegung in Tunesien gilt als Anfang des so genannten Arabischen Frühlings, der auch zahlreiche andere Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens ergriff.

Zuletzt nahmen die Spannungen zwischen säkularen und islamistischen Strömungen zu. Die Risse wurden auch am Wahltag deutlich: Der Chef der Ennahda-Partei, Rachid Ghannouchi, wurde lautstark vor einem Wahllokal in Tunis angepöbelt, als er seine Stimme abgab. Die Menschen riefen "Hau ab!" "Du bist ein Terrorist und Mörder!", "Geh zurück nach London!". Ghannouchi verbrachte bis zur Revolution in seinem Land 22 Jahre im Londoner Exil. Er reagierte nicht auf den Zwischenfall. Seiner Partei wird zugetraut, den größten Anteil der Stimmen zu gewinnen, die Mehrheit dürfte sie Vorhersagen zufolge aber verpassen. "Dies ist ein historischer Tag", sagte Ghannouchi. "Tunesien ist heute geboren worden, der Arabische Frühling ist heute geboren worden", sagte der Politiker, der von Frau und Tochter - beide nach islamischem Brauch mit Kopftüchern verhüllt - begleitet wurde.

Allerdings ist Beobachtern zufolge unklar, wofür die Ennahda genau steht. Es gibt Befürchtungen, dass sie radikalen Strömungen wie den Salafisten nahe steht. Diese sind für eine Trennung von Frauen und Männern in der Öffentlichkeit und halten Wahlen für unislamisch. Im Wahlkampf hat es die Ennahda vermieden, Details zu ihrer Politik zu nennen. Verbindungen zu Salafisten hat sie aber zurückgewiesen. Kritiker halten dies indes für wenig glaubwürdig. Ein Sieg islamistischer Kräfte dürfte einen Wandel der tunesischen Gesellschaft nach sich ziehen, die bisher vergleichsweise offen ist. Ghannouchi hatte gesagt, er werde der Gesellschaft nicht muslimische Werte auferlegen.

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"Tunesiens glücklichster Tag"

Mehr als hundert Parteien beteiligten sich an der Abstimmung. Um die 218 Sitze bewarben sich mehr als 10.000 Kandidaten. Die Wahllokale sollten um 20 Uhr (MESZ) schließen. Auch die rund 80.000 in Deutschland lebenden Tunesier konnten an der Wahl von Deutschland aus teilnehmen. Außenminister Guido Westerwelle würdigte die Wahl als wichtige Etappe auf dem Weg zu Demokratie, Freiheit und bessere Lebenschancen für alle.

In Tunesien bildeten sich seit dem Morgen vielerorts lange Schlangen vor den Schulen, die als Wahllokale genutzt wurden. Die Mutter des jungen Mannes, dessen Verbrennung vergangenen Dezember die Protestbewegung in Tunesien und damit den Arabischen Frühling in Gang gebracht hatte, sagte, die Wahl sei ein Sieg für Würde und Freiheit. "Jetzt bin ich froh, dass der Tod meines Sohnes die Chance gebracht hat, Angst und Ungerechtigkeit hinter uns zu lassen", sagte Manoubia Bouazizi, die Mutter von Mohamed Bouazizi. Der 26-jährige Gemüsehändler hatte sich am 17. Dezember 2010 selbst angezündet, nachdem die Polizei seinen Gemüsewagen beschlagnahmt hatte. Der junge Mann starb Wochen später an seinen Verbrennungen. Für viele seiner Landsleute wurde er zum Märtyrer.

Unter Ben Ali gab es nie ein vergleichbares Interesse an Wahlen. "Dies sind Momente, auf die wir lange gewartet haben", sagte Ahmed, ein 50-jähriger Tunesier, der sich in die Warteschlange vor einem Wahllokal eingereiht hat. "Wie könnte ich mir das entgehen lassen? In wenigen Momenten, schreiben wir Geschichte." Aus Angst vor gewaltsamen Zwischenfällen hat die Regierung vorsorglich 40.000 Polizisten und Soldaten im ganzen Land mobilisiert. Nach Angaben von Ladenbesitzern haben sich viele Menschen mit Milch und Trinkwasser für mehrere Tage eingedeckt, für den Fall, dass Unruhen ausbrechen. Bis zum Nachmittag wurden keine Zwischenfälle gemeldet. "Dies ist Tunesiens glücklichster Tag", sagte Najib Chebbi, Chef der PDP. "Es ist ein Fest der Demokratie. Heute ist Tunesien in den Rang der entwickelten Länder aufgestiegen."

Hier geht es zur Bilderstrecke: 2011: Pöbeleien bei historischer Wahl in Tunesien

(RTR/AFP/pst)