Eliteschule Ena - Macron opfert eine französische Institution

Tradition : Macron opfert eine französische Institution

Die Verwaltungshochschule Ena wurde gegründet, um eine demokratische Elite auszubilden. Sie ist aber als Karriererampe für Privilegierte verschrien.

Es ist keine gute Idee, auf einer Kundgebung der Gilets Jaunes in Paris die vermummten Demonstranten auf die Ena anzusprechen. In sehr kurzer Zeit fallen sehr viele hässliche Worte. Schnell wird klar: die École Nationale d'Administration ist ein Hassobjekt.

Die Abneigung gegen die Kaderschmiede begrenzt sich aber nicht nur auf den Kreis der sogenannten Gelbwesten. Viele Franzosen schwanken in ihrem Urteil irgendwo zwischen heimlicher Bewunderung und sehr großer Abneigung. Die Hochschule sei ein Eliteclub und betreibe intellektuelle Inzucht, heißt es in Gesprächen immer wieder und laut Umfragen würden die meisten Befragten die altehrwürdige Einrichtung aus diesem Grund auch lieber heute als morgen abschaffen.

Diesen Schritt hat nun der Präsident für seine Landsleute getan. Emmanuel Macron hat angekündigt, die Ena zu schließen. Das ist eine der überraschenden Schlussfolgerungen, die der krisengeschüttelte Staatschef aus dem mehrere Wochen dauernden Bürgerdialog gezogen hat, den er nach den Protesten der „Gelbwesten“ ins Leben gerufen hatte. Macron selbst hat die harte Ausbildung in der Kaderschmiede durchlaufen. Ebenso wie seine Vorgänger Valéry Giscard d’Estaing, Jacques Chirac und François Hollande. Auch viele der französischen Regierungschefs waren auf der Hochschule – inklusive des amtierenden Premierministers Édouard Philippe. Natürlich zählen auch zahlreiche der mächtigen Wirtschaftsbosse in Frankreich zu den „Enarchen“, wie etwa der Chef des Telekommunikationsanbieters Orange, Stéphane Richard, und auch der Vorsitzende der Großbank Société Générale, Frédéric Oudéa.

Allein diese kurze Auflistung beschreibt nicht nur den Stolz der französischen Kaderschmiede, sondern auch deren Problem: Ein großer Teil der Top-Elite des Landes durchläuft die Ausbildung, was auf der anderen Seite viele Kritiker auf den Plan ruft, die sich vor allem an der Auswahl der Ena-Studenten reiben. Auf die rund 100 Plätze bewerben sich mehrere Tausend junge Leute. Die Auswahl ist hart und längst gibt es spezielle Kurse, die classes préparatoires, in denen man sich auf die Prüfungen vorbereiten kann. Diese Kurse aber sind sehr teuer und das kann sich in der Regel nur der Nachwuchs aus betuchtem Hause leisten. Das heißt, die Eliten bleiben unter sich, Kinder aus sozial schwachen Familien oder auch Absolventen anderer Hochschulen haben kaum eine Chance, angenommen zu werden.

Aus diesem Grund gilt sie als Brutstätte der arroganten Eliten, deren Denken sich nur um sich selbst dreht. Die „Enarchen“ gelten als die „Mandarine der Republik“, die den Kontakt zu den normalen Menschen verloren haben. Dies ist ein Vorwurf der vor allem Präsident Emmanuel Macron seit seinem Amtsantritt immer wieder entgegenschlägt, der ehemalige Investmentbanker bei Rotschild ist verschrien als Präsident der Super-Reichen.

Diese Entwicklung als Karriererampe für Privilegierte widerspricht im Grunde dem Gründungsgedanken der Schule. Ins Leben gerufen wurde die Ena nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie war eine Reaktion auf die Traumatisierung der Kollaboration. Charles de Gaulle versprach damals seinen gedemütigten Landsleuten, dass keine ausgesuchte Elite mehr das Land führen werde, sondern dass jeder Franzose die Chance haben müsse, in die höchsten Posten des Staates aufzusteigen. Wie um diese Grundsätze auch nach außen zu unterstreichen, war der erste Direktor ein Kommunist, der damalige Generalsekretär der kommunistischen Partei Frankreichs, Maurice Thorez.

Er sollte dafür sorgen, dass nicht mehr die Herkunft über die Zukunft eines Menschen entscheiden dürfe, wichtig sein sollten Können und Fließ. Aus diesem Grund wurde die Ausbildung an der Hochschule breit angelegt, gelehrt wurde nicht nur die hohe Kunst der Verwaltung, in die Kurse flossen auch Ideen der Literatur und Philosophie. Die ENA sollte keine gefühllosen Technokraten formen, sondern Menschen mit einer breiten Bildung.

Nach dem Aufbau der ENA zeigte sich aber schnell, dass diese Demokratisierung der Ausbildung der Elite ein frommer Wunsch war. Es waren die Kinder der Reichen, die immer häufiger in den Schulbänken Platz nahmen. Um dem ständigen Vorwurf der Zentralisierung und der Fixierung auf das Machtzentrum Paris entgegen zu treten, wurde die Hochschule – gegen den sehr großen Widerstand der Leitung – schließlich im Jahr 2005 nach Straßburg verlegt und der Stundenplan überarbeitet. Den schlechten Ruf der Kaderschmiede in der Bevölkerung konnte dies allerdings nicht aufpolieren.

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