Eine Million Syrer kommt auf sechs Millionen Libanesen

Flüchtlingskrise : Eine Million Syrer auf sechs Millionen Libanesen

Kein anderes Land hat bezogen auf seine Bevölkerungsgröße so viele Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland aufgenommen wie der Libanon.

Die Maschine der Middle East Airline kommt aus Beirut und setzt zur Landung in Frankfurt am Main an. Einer der Passagiere ist Samir. Acht Jahre lang hat er mit seiner Familie in einem Flüchtlingslager im Nordosten Libanons gelebt. Die Familie stammt aus Daraa, wo alles begann. Einer seiner fünf Söhne war dabei, als im Frühjahr 2011 Anti-Assad-Parolen an die Hauswände der Stadt gesprüht, die Sprayer verhaftet, gefoltert und verurteilt wurden. Daraufhin gingen die Eltern auf die Straße und forderten die Freilassung ihrer Kinder.

Auch Samir war dabei, als sich die Demonstrationen aus Daraa auf das ganze Land ausdehnten. Zuerst floh die Familie in den Norden, nach Homs. Als auch dort die Kämpfe immer heftiger und blutiger wurden, überquerten sie die Grenze zum Libanon. Ein Sohn schaffte es 2015 mit der Flüchtlingswelle nach Deutschland. Seitdem versucht er, die Familie nachzuholen. Jetzt endlich hat es geklappt. Der Vater bildet die Vorhut und darf seinen Sohn besuchen. Das Flugticket musste er selbst bezahlen. Bei den Visagebühren half der deutsche Staat.

Geht man in Beirut durch die Straßen, drängt sich der Eindruck auf, dass Syrien im Libanon abgewickelt wird. Syrer überall. Nicht wenige betteln, da ihre finanziellen Ressourcen längst aufgebraucht sind und sie offiziell in Libanon keine Arbeitserlaubnis erhalten. Wie kein anderes Land ist der Mittelmeerstaat mit dem Schicksal des Nachbarlandes verbunden. Nichtregierungsorganisationen, die in Syrien arbeiten, sind im Libanon beherbergt, die Uno eingeschlossen. Über Beirut wird nach Syrien eingereist und ausgereist, Güter transportiert, Kranke und Verwundete evakuiert.

Diese Verbundenheit kommt nicht von ungefähr. Syrien war fast 30 Jahre lang Schutzmacht im Libanon. Die Anwesenheit syrischer Truppen im Land gründete auf einen Beschluss der Arabischen Liga während des Bürgerkrieges im Libanon und sollte eine Friedenstruppe darstellen. Erst nach dem Attentat auf den Fahrzeugkonvoi des früheren Ministerpräsidenten Rafik al Hariri im Februar 2005, in den syrische Geheimdienste verwickelt gewesen sein sollen, zog Damaskus unter enormen internationalen Druck seine Truppen zurück.

Als dann der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, strömten die Menschen in Scharen in den Libanon. Seitdem hat der Zedernstaat im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen als alle anderen Länder weltweit. Offizielle Zahlen der Uno sprechen von knapp einer Million Syrer bei 6,23 Millionen Libanesen. Die meisten von ihnen wohnen in Städten und Dörfern. Camps wie in Jordanien gibt es im Libanon nur wenige.

Ohne ausländische Hilfe kann der Libanon die enorme Herausforderung nicht meistern. Bei der Brüsseler Syrien-Konferenz Mitte März unter dem Vorsitz von EU und Uno wurden Zusagen in Höhe von 8,3 Milliarden Euro gemacht. Libanons Premierminister Saad Hariri hat davon für sein Land 2,6 Milliarden gefordert.

Die Regierung in Beirut ist gespalten, wie sie mit den vielen Flüchtlingen umgehen soll.  Staatsminister Saleh Gharib, für Flüchtlinge zuständig, plädiert für eine schnelle Rückkehr der Syrer in ihr Land. Hariri und andere Minister wollen es den Syrern dagegen selbst überlassen, wann sie zurückkehren wollen. Gharib gilt als Parteigänger der libanesischen Hisbollah und des syrischen Diktators Baschar al Assads. Die Hisbollah ist eine schiitische Partei und Miliz. Seit 1992 ist sie auch in der libanesischen Nationalversammlung vertreten. Sie stellt nach der Parlamentswahl 2018 mit 13 Mandaten etwa zehn Prozent der Parlamentsabgeordneten und war schon in mehreren Kabinetten der libanesischen Regierung vertreten.

Die Hisbollah kämpft offen auf der Seite Assads im syrischen Bürgerkrieg und ist eng mit dem Iran verbunden. Premierminister Hariri indes steht unter dem Einfluss Saudi Arabiens, das die Macht Irans in der Region zurückdrängen will.

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