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Blog aus Afghanistan - Tag sechs: Ein zerrissenes Land

Blog aus Afghanistan - Tag sechs : Ein zerrissenes Land

Kabul (RP). Afghanistan ist für mich ein Land totaler Gegensätze: Westlich gekleidete Schüler fotografieren sich auf dem Schulhof in Kabul gegenseitig mit nagelneuen Handys und stellen mir neugierige Fragen in sehr gutem Englisch. Junge Mütter in unförmigen blauen Ganzkörper-Schleiern, selbst die Augen sind von einem grobmaschigen Textilgitter bedeckt, schieben Kinderwagen an prallgefüllten Gemüseständen vorbei. Schaut man auf die Füße, trippelt so manche elegant in hochhackigen Pumps daher.

Der Wirtschaftszweig der zivilen Wachdienste boomt: Zehntausende Männer sitzen oder stehen meist gelangweilt in ehemaligen Garagen, Hauseingängen, Fluren, neben unförmigen Betonsperren, Schranken oder vor einem zugigen Holzhäuschen. Ein russisches Kalaschnikow-Sturmgewehr, ein Funkgerät und ein Metalldetektor sind ihre Standardausrüstung. In Brennpunkten wie Kandahar im Süden wird heftig gekämpft, andere afghanische Provinzen wie das Pandschirtal im Osten sind eine Oase des Friedens und könnten in besseren Zeiten frequentierte Urlaubsregionen sein.

Das Land lebt laut dem dort gültigen persischen Kalender zurzeit im Jahr 1389, was mir symbolträchtig erscheint: Mittelalterliche Strukturen beherrschen die Gesellschaft, außerhalb der Hauptstadt Kabul regieren Stammesfürsten und ehemalige Kriegsherren die bitterarme Bevölkerung nach Gutdünken. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung von insgesamt 31,9 Millionen Menschen beträgt 17,6 Jahre (Deutschland: 43 Jahre). Jede Frau hat statistisch 6,6 Kinder; die Lebenserwartung beträgt nur 43 Jahre (Deutschland: 79,8). Drei von vier Afghanen sind Analphabeten. Das alte islamische Recht, die Scharia, wird streng angewendet. So sind Steinigungen angeblicher Ehebrecherinnen bis heute üblich.

Das Land lebt aber auch nach westlichem Kalender im Jahr 2010: Das Geschäft mit Mobiltelefonen boomt, ein Transistorradio hat jeder, fast jeder scheint ein Auto zu besitzen. Die Blechkolonnen verstopfen die Straßen und verpesten die Luft; Müllhaufen brennen, dazu unzählige Kochfeuer in den Häusern. Kabul nimmt dem Besucher den Atem. Noch immer gibt es selbst in der Hauptstadt nicht durchgängig elektrischen Strom. So steht der Gast abends im Hotelzimmer schon nach wenigen Minuten im Dunkeln, bis das Notstromaggregat endlich anspringt.

Taliban sehen aus wie jedermann

Die Widersprüchlichkeit des Landes wird beim Besuch der Polizeischule in Kandahar deutlich: Die wenigen Frauen unter den Ordnungshütern verlassen ihr Haus nur verborgen unter der Burka und ziehen sich erst in der Polizeistation zum Dienst um. Denn in Familie und Nachbarschaft müssen sie Repressalien fürchten: Frauen, so sieht es der streng ausgelegte Islam, dürfen keinen Beruf ausüben, erst recht keinen "Männerberuf". Die westlichen Ausbilder wie die kanadische Polizistin Karen Holowaychuk stehen vor unglaublichen Herausforderungen: Manche afghanische Polizisten halten trotz langjähriger Dienstzeit zum ersten Mal eine Pistole in der Hand und können weder lesen noch schreiben. Von Menschenrechten haben sie noch nie etwas gehört.

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Taliban und brave Bürger sind optisch nicht zu unterscheiden. Die internationale Schutztruppe Isaf kämpft mit einem Gegner in landesüblicher Tracht, der nach einem Anschlag seine Waffe versteckt und wieder nach Hause zu seiner Familie geht. Wird er aufgespürt, verbarrikadiert er sich in Dörfern, wird er bekämpft, trifft es fast zwangsläufig Unbeteiligte.

Es zählt das Recht des Stärkeren

Für die Afghanen gibt es kein Gut oder Böse, sondern zählt nur das Recht des Stärkeren — die Lehre aus jahrzehntelangen Kriegen. Wer will es ihnen verübeln, dass sie erst einmal abwarten, ob sich die Schutztruppe Isaf durchsetzt oder die westlichen Helfer vielleicht doch bald abziehen und sie ihrem Schicksal überlassen. Die blutige Rache der Islamisten wäre dann gewiss, wenn man sich offen auf Seite der Ausländer gestellt hätte.

Diese verzweifeln an der Mentalität und versuchen es — teils sogar erfolgreich - mit einer Art Tauschhandel: Schickst Du Deine Tochter zur Schule, bekommst Du Gas zum Heizen und Kochen. Verrätst Du mir eine Sprengfalle, bekommst Du eine Geldprämie. Millionen, Milliarden Euro an Aufbauhilfe fließen ins Land. Ein bescheidener Wohlstand in Frieden für jedermann soll es den Scharfmachern schwerer machen.

Seit Jahrhunderten Feinde

Doch es liegt nicht nur an religiöser Hetze: Paschtunen, Tadschiken, Hasara, Usbeken, Turkmenen, Aimaken, Nuristani, Belutschen — die vielen Volksgruppen im Land sind sich einander teils seit Jahrhunderten spinnefeind. Einen Ansprechpartner für alle gibt es darum nicht. Und die Taliban und andere Terroristen ziehen sich nach Gutdünken über die pakistanische Grenze zurück, wo 12.000 Koranschulen eine Flut neuer opferwilliger Kämpfer gegen die "Ungläubigen" produzieren.

Verfahrener kann eine Situation kaum sein. Hilfe zur Selbsthilfe lautet darum das neue westlichen Konzept. In Rekordzeit werden bis 2014 afghanische Polizei und Streitkräfte aufgebaut — mit allen damit verbundenen Risiken. Die Verantwortlichen wissen aber, dass ein Truppenabzug trotzdem nur langsam erfolgen kann. Alles andere wäre Illusion und würde das alte Chaos wieder heraufbeschworen.

Was ich Erfreuliches in Afghanistan kennengelernt habe? Es ist ein Land mit außerordentlich gastfreundlichen Menschen. Und mit vielen unbekümmerten Kindern, die eine bessere Zukunft verdient haben.

(RPO)