Kein Ende in Sicht Ein Jahr Krieg in der Ukraine

Meinung · Not, Angst, aber immer wieder auch Hoffnung bestimmen die Zeit seit Februar 2022. Wohin der Krieg führt und wann daraus am Ende auch Gutes entsteht, bleibt ein Jahr nach Kriegsbeginn offen. Die Zuversicht zu verlieren, ist keine Option.

Fotos  Ukraine-Krieg: Evgeniy Maloletka - Kriegszeuge mit Kamera
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Bilder des Krieges – Evgeniy Maloletka dokumentiert das Grauen

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Foto: dpa/Evgeniy Maloletka

Am 24. Februar 2022, dem Tag des großflächigen Einmarsches russischer Truppen in der Ukraine, stand in dieser Zeitung: „Der Krieg dauert lange.“ Die Ukraine werde trotz aller Unterstützung nicht siegen können, zugleich werde Russland nicht weiter nach Westen vordringen. Denn das „würde einen Weltkrieg auslösen, weil die Nato sich nicht entziehen könnte“. Ein Jahr später haben Zehntausende ihr Leben verloren, sind Millionen Menschen geflüchtet, aber an diesem Befund hat sich nichts geändert. Und so geht es Tag für Tag weiter; am Freitag wurde allein Saporischschja binnen einer Stunde 17 mal von russischen Raketen getroffen.

Der Krieg dauert also noch lange. Denn zum einen greifen Russland wie die Ukraine auf nahezu unerschöpfliche Reserven zurück. Wladimir Putin scheint auch vorerst keine Auflehnung des Volkes gegen seine „Sonderoperation“, die Mobilmachung und die wirtschaftlichen Folgen fürchten zu müssen. Zum anderen bestimmt das Patt der atomaren Abschreckung, das den Kalten Krieg überdauert hat, den Verlauf.

Die sogenannten roten Linien des Westens haben sich zwar in dem einen Jahr immer wieder verschoben, inzwischen werden Panzer geliefert und vermutlich bald Kampfjets. Aber eine letzte rote Linie steht. „Ich tue alles, um eine Eskalation zu verhindern, die zu einem Dritten Weltkrieg führt. Es darf keinen Atomkrieg geben“, sagte der Bundeskanzler schon früh und bleibt dabei, auch wenn es ihm den Vorwurf der Zögerlichkeit einträgt. Nur: Dass diese letzte rote Linie hält, kann keine Gewissheit, sondern allenfalls eine Hoffnung sein.

Mag sein, dass Russland seine unmittelbaren Ziele in der Ukraine bisher nicht erreicht hat. Aber die imperiale Logik des Angriffs hat sich bestätigt. Russland hat Deutschland als die größte Wirtschaftsnation Europas empfindlich geschwächt. Die Energieversorgung hat sich so sehr verteuert, dass eine Deindus­trialisierung droht oder womöglich schon begonnen hat. Die absehbare Rezession mag milder verlaufen als befürchtet, aber nur dank massiver Staatshilfen, die bei steigenden Zinsen die Verschuldung erhöhen und keine Dauerlösung sein können. Das deutsche Wirtschafswunder ist keines mehr.

Und um die internationale Einigkeit steht es längst nicht so gut, wie die Ovationen für Wolodymyr Selenskyj bei seinen Auftritten in Washington, Brüssel, London und Paris glauben machen sollen.

Ein Krieg endet durch die Kapitulation des Unterlegenen oder Verhandlungen. Für beides gibt es keine Anzeichen. Worüber ließe sich auch jetzt verhandeln? Weder die Ukraine noch Russland lassen Kompromisslinien erkennen. Die Strategie des Westens besteht darin, die Ukraine so umfassend mit Waffen, Geld und Aufklärung zu unterstützen, dass sie Russland entscheidend schwächt und an den Verhandlungstisch zwingt.

   Eine Frau auf dem Soldatenfriedhof in Charkiw am Grab ihres Mannes, einem ukrainischen Soldaten, der an der Frontlinie gestorben ist.

Eine Frau auf dem Soldatenfriedhof in Charkiw am Grab ihres Mannes, einem ukrainischen Soldaten, der an der Frontlinie gestorben ist.

Foto: dpa/Evgeniy Maloletka

Und ja, es scheint dazu keine wirkliche Alternative zu geben, auch weil sich in diesem Krieg die Zukunft Europas und die künftige Weltordnung entscheiden. Alternativen fehlen immer dann, wenn man sich in eine Lage manövriert hat, in der es dann eben tatsächlich nur noch einen Weg gibt. Wohin er führt und wann daraus am Ende auch Gutes entsteht, bleibt ein Jahr nach Kriegsbeginn offen. Die Zuversicht zu verlieren, ist keine Option.

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