Dutzende Tote in Afghanistan: Taliban wollen Gasni erobern

Schwere Kämpfe in Afghanistan: Taliban töten Dutzende Sicherheitskräfte bei Gefechten um Gasni

Bei tagelangen heftigen Gefechten um die strategisch wichtige ostafghanische Provinzhauptstadt Gasni haben islamistische Talibankämpfer mindestens 80 Sicherheitskräfte getötet.

Auch aufseiten der Taliban habe es Tote gegeben, eine genaue Zahl sei aber nicht bekannt, berichtete am Sonntag ein Mitglied des Provinzrats, Nasir Ahmed Fakiri. Die Lage vor Ort sei sehr schwierig, weil bisher nur Polizisten und Geheimdienstmitarbeiter gegen die Extremisten kämpften und die Armee noch nicht vor Ort sei. Das Verteidigungsministerium teilte allerdings mit, Verstärkung sei eingetroffen und kämpfe bereits mit. Armeechef Mohammed Scharif Jaftali sagte im Fernsehen, die Sicherheitskräfte hätten noch alle wichtigen Einrichtungen der Regierung in Gasni unter Kontrolle.

Die 150.000 Einwohner zählende Stadt in der gleichnamigen Provinz liegt an einer wichtigen Nord-Süd-Straße, die die zwei größten Städte des Landes verbindet, die Hauptstadt Kabul und Kandahar. Ihr Verlust an die Taliban wäre eine große Niederlage für die Regierung.

In der Provinz Farjab im Norden des kriegszerrütteten Landes griffen weitere Taliban-Kämpfer ein Militärlager der afghanischen Armee an, wie zwei Mitglieder des dortigen Provinzrats am Sonntag berichteten. Bei dem Überfall am Samstagabend im Distrikt Ghormach seien mindestens elf Armeeangehörige getötet und rund 20 verwundet worden, sagten Abdul Manan Katai und Abdul Ahad Elbeik der Deutschen Presse-Agentur. Die Taliban hatten die Basis seit Monaten umzingelt, doch aus der Provinzhauptstadt Maimana sei keine Hilfe gekommen. Die Taliban hätten die Verbindungsstraße zwischen Basis und Maimana geschlossen, der Stützpunkt sei aber noch unter Kontrolle des Militärs.

Die Taliban hatten große Teile Afghanistans von 1996 bis zur US-geführten Intervention 2001 beherrscht. Seit dem Ende der Nato-Kampfmission Ende 2014 greifen sie wieder verstärkt an. Laut Militärangaben kontrollieren die Taliban aktuell knapp 14 Prozent des Landes. Weitere 30 Prozent sind umkämpft. Allerdings sehen andere Quellen eine höhere Dominanz der Aufständischen.

Um Gasni zu erobern, hatten hunderte Talibankämpfer die Stadt in der Nacht zum Freitag aus verschiedenen Richtungen angegriffen. Bereits zuvor hatten sie über Wochen hinweg einzelne Stadtteile attackiert. Bei den Gefechten am Freitag wurden mindestens 16 Menschen getötet und 30 weitere verletzt, der Großteil von ihnen Sicherheitskräfte. Zudem befreiten sie eigenen Angaben zufolge mehrere hundert ihrer Kämpfer aus einem Gefängnis. Dies war allerdings nicht zu verifizieren.

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Die Nachrichten über die Lage in Gasni blieben weiter unklar oder widersprüchlich. Die Telefon- und Handyverbindungen waren weiter unterbrochen, schon seit Freitag dringen praktisch keine Nachrichten mehr aus der Stadt. Die Taliban hatten den Informationen zufolge unter anderem die Infrastruktur für die Mobilfunknetze in Brand gesetzt.

Am Sonntag lieferten sich die Aufständischen mit afghanischen Sicherheitskräften in Gasni unter anderem Kämpfe um eine Polizei- und Geheimdienstzentrale sowie den Sitz der Regionalregierung, wie Fakiri weiter berichtete. Diese Einrichtungen hatten die Sicherheitskräfte bisher halten können. Nach seinen Informationen gerieten bei den Kämpfen Teile des Polizeihauptquartiers in Brand. „Die Situation ist momentan sehr ernst“, sagte Fakiri.

Die meisten Viertel Gasnis befänden sich unter Kontrolle der Extremisten, hatte ein Senator der Provinz, Mohammad Rahim Hasanjar, am Morgen der Deutschen Presse-Agentur gesagt. Seinen Informationen zufolge war eine Verstärkung aus Kabul noch nicht in Gasni eingetroffen, sondern befand sich ein bis zwei Kilometer nordöstlich der Stadt in dem Ort Rausa. Am Samstag hatte die Regierung noch verkündet, signifikant Boden gegen die Taliban gutgemacht zu haben. Das Innenministerium sagte, bis Samstagabend seien alle Aufständischen aus Gasni vertrieben. Doch am Sonntag flammten die Kämpfe dann erneut auf.

Weitere Taliban-Kämpfer brachten am späten Samstagabend die Regierungssitze von zwei weiteren Distrikten in der Provinz Gasni - Chaudscha Omari und Adschristan - unter ihre Kontrolle, wie Fakiri berichtete. Sie hätten den Umstand genutzt, dass sich die afghanischen Sicherheitskräfte ganz auf Gasni konzentrierten.

(felt/dpa)