Strafzölle: Donald Trump ist seit 200 Jahren widerlegt

Strafzölle: Donald Trump ist seit 200 Jahren widerlegt

Der Ökonom David Ricardo hat bereits 1817 nachgewiesen, dass Freihandel dem Protektionismus vorzuziehen ist. Angesichts der Zoll-Politik des US-Präsidenten ist die Theorie des britischen Vordenkers moderner denn je.

In einem kleinen Dorf leben zwei Handwerker, Herr Müller und Herr Bäcker. Beide haben gleich große Grundstücke und wohnen in gleich großen Häusern. Und doch unterscheiden sie sich deutlich: Müller ist schon von Kindesbeinen an in allen Bereichen der Talentiertere. Wenn Bäcker seine Hausfassade streichen will, benötigt er dafür acht Stunden. Müller schafft die gleiche Arbeit an seinem eigenen Haus in der Hälfte der Zeit. Bei der Gartenarbeit wird der Unterschied noch offensichtlicher: Für das Umgraben seiner Beete benötigt Bäcker zehn Stunden, während Müller schon nach zwei Stunden auf der Terrasse entspannen kann.

Obwohl Müller mit beiden Arbeiten deutlich schneller fertig ist als Nachbar Bäcker – er benötigt insgesamt nur sechs Stunden statt der 18 Stunden seines Nachbarn –, könnten beide davon profitieren, sich auf eine Tätigkeit zu spezialisieren. Müller könnte ausschließlich im Garten arbeiten. Er würde dann nicht nur seine Beete umgraben, sondern auch die von Nachbar Bäcker. Insgesamt wäre er dafür vier Stunden im Einsatz – eine Zeitersparnis von zwei Stunden. Das Streichen seiner Hauswand würde er dann im Gegenzug Herrn Bäcker überlassen. Und auch der würde profitieren, wäre er doch schon nach 16 Stunden mit dem Arbeiten fertig – auch er käme auf eine Zeitersparnis von zwei Stunden.

"Prinzipien der politischen Ökonomie und Besteuerung"

Hinter dem zugegebenermaßen recht einfach gestricktem Beispiel verbirgt sich eine der zentralen volkswirtschaftlichen Theorien: der komparative Kostenvorteil. Erdacht hat ihn der englische Börsenmakler und Volkswirt David Ricardo. Er wies in seinem 1817 veröffentlichten Hauptwerk "Prinzipien der politischen Ökonomie und Besteuerung" nach, dass sich nicht nur Individuen sondern auch Länder durch Handel besserstellen können. Und das sogar, wenn sie unterschiedliche Produktionskosten aufweisen – also beispielsweise ein Entwicklungsland mit einer Industrienation Handel treibt.

Oder mit Hilfe des vorangegangenen Beispiels ausgedrückt: Auch wenn Herr Bäcker sowohl bei der Gartenarbeit als auch beim Malern deutlich länger benötigt als sein Nachbar, hat die Spezialisierung und der Handel dazu geführt, dass alle Beteiligten am Ende besser dastehen. Weil Bäcker darauf verzichtet, seine begrenzte Arbeitszeit für das Umgraben einzusetzen und stattdessen Müllers Hausfassade mitstreicht, und der wiederum seine Arbeitskraft nur für das Umgraben aufwendet, kommt es zu der beschriebenen Win-win-Situation.

Er glaubt an den Sieg

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Allerdings gilt der von Freihandelsbefürworter Ricardo propagierte komparative Kostenvorteil nur unter der Prämisse, dass es keinerlei Handelshemmnisse gibt. Die von Donald Trump forcierten Zölle sind aber genau das: 25 Prozent sollen auf die Einfuhr von Stahl gezahlt werden, zehn Prozent auf die Einfuhr von Aluminium.

Damit droht der amerikanische Präsident, eine gefährliche Spirale loszutreten. Denn die übrige Welt wird dem Treiben in Washington nicht tatenlos zuschauen. Die EU hat bereits angekündigt, mit Gegenmaßnahmen reagieren zu wollen. Im Raum steht die Drohung, Zölle auf Jeans, Whisky und Motorräder zu erheben. Trump hat den Ball dankbar aufgegriffen und mit Zöllen auf europäische Autos gedroht.

"Ich bin strikt gegen Strafzölle und einen sich abzeichnenden Handelskrieg", sagt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. "Aber Donald Trump glaubt daran, einen solchen Handelskrieg gewinnen zu können." Krämer ist sicher, dass sich der US-Präsident von Vergeltungsmaßnahmen der EU nicht beeindrucken lässt. "Vielmehr würden sie Trump nur dazu herausfordern, sich bei seinen Anhängern durch noch mehr Zölle zu profilieren."

Der Ökonom rät deshalb dazu, Trumps Spiel nicht mitzuspielen und stattdessen zu deeskalieren: "Die EU sollte jetzt dringend auf Kooperation und Verhandlungen setzen. Ansonsten wird eine Spirale immer höherer Strafzölle in Gang gesetzt, die sehr gefährlich für die deutsche und alle anderen Volkswirtschaften wäre." Trump habe insofern recht, als dass die EU durchschnittlich höhere Importzölle verlange als die USA. "Um einen Handelskrieg mit den USA zu vermeiden, sollte die EU ihre Autozölle von 10 Prozent auf die 2,5 Prozent senken, die die USA derzeit erheben", sagte Krämer. Das würde Trump den Wind aus den Segeln nehmen.

Ein Unternehmen, das Trumps Zölle direkt beträfe, ist die Willicher Firma Alimex, ein klassischer Mittelständler mit 200 Beschäftigten und 60 Millionen Euro Umsatz. Zehn Prozent davon macht die Firma in den USA. "Grundsätzlich halte ich Handelskriege für eine Katastrophe, denn sie kennen nur Verlierer", sagt Vorstandschef Philip Grothe. Und doch gibt er sich gelassen angesichts dessen, was da auf ihn zurollt: "Ich bin der Meinung, dass die Folgen für unsere Branche überschaubar bleiben: Zwar verteuern die Zölle ausländische Produkte, aber die amerikanische Aluminium-Industrie wird es nicht schaffen, die Importe in Qualität und Quantität gänzlich zu ersetzen." Zudem erwarte er, dass die US-Produzenten die Gunst der Stunde nutzten, ihrerseits die Preise zu erhöhen. Damit nehme der Wettbewerbsvorteil dann auch wieder ab. "Die hiesige Aluminiumindustrie könnte zudem davon profitieren, dass sie im Vergleich zum Stahl – also unserem Haupt-Konkurrenzprodukt – weniger stark mit Zöllen belegt wird. 15 Prozentpunkte machen sich sehr wohl bemerkbar." Grothe rechnet damit, dass es zu einer Verschiebung zulasten von Stahl hin zu mehr Aluminium kommen könnte. Sein Unternehmen umgeht Wechselkursschwankungen und die Zollproblematik dadurch, dass es mit einem Produktionsstandort in South Carolina direkt vor Ort ist. "Wir werden unser Amerika-Geschäft in den kommenden Jahren signifikant ausbauen", sagt der Unternehmer.

David Ricardo dürfte die freihandelsfeindliche Politik eines Donald Trump ein Graus gewesen sein. Schließlich war er nicht nur Theoretiker, sondern praktisch veranlagter Überzeugungstäter: Ricardo ließ sich ins britische Parlament wählen, um dort die zur Importbeschränkung gedachten "Corn Laws" (Getreidegesetze) zu bekämpfen.

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(RP)