Diesen IS-Terroristen will die Türkei nach Deutschland abschieben

Abschiebungen aus Türkei : Der IS-Terrorist, der in Berlin erwartet wird

Ein 29-jähriger Deutsch-Chinese soll aus der Türkei abgeschoben werden. Er bringt Insider-Wissen mit.

Wie bei vielen Prozessen gegen mutmaßliche Mitglieder der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in der Türkei herrschte im ersten derartigen Gerichtsverfahren, das ab 2015 im zentralanatolischen Nigde stattfand, eine gespenstische Atmosphäre. Verhandelt wurde gegen den Deutsch-Chinesen Benjamin Xu aus Berlin und seine beiden Mittäter aus Mazedonien und der Schweiz, die ein Jahr zuvor drei Menschen bei einer Schießerei getötet und 13 teils schwer verletzt hatten.

Die Angeklagten wurden per Video aus dem Gefängnis in Ankara zugeschaltet und schwiegen. Fast alle Zuschauerplätze im Saal wurden von Männern eingenommen, die türkischen Sicherheitskräften oder Geheimdiensten angehörten. Schon damals stellte sich die Frage, ob die Türkei die Männer nicht irgendwann abschieben würde.

Dieser Zeitpunkt ist jetzt offenbar gekommen. Der türkische Innenminister Süleyman Soylu kündigte am Montag an, dass sein Land gefangene IS-Anhänger in ihre Heimatländer zurücksenden werde – am Donnerstag und Freitag auch neun Personen nach Deutschland, darunter Frauen und Kinder. Laut Soylu befanden sich zuletzt rund 1200 ausländische IS-Anhänger in türkischer Gefangenschaft; allein während der jüngsten Offensive der Türkei in Nordsyrien seien 287 Extremisten gefangen genommen worden. Zu denen, die abgeschoben werden sollen, sollen bis zu 20 Deutsche zählen. Es ist anzunehmen, dass der 29-jährige Benjamin Xu aus Berlin dazugehört.

Xu und seine zwei etwas jüngeren Kumpane Cendrim Ramadani aus der Schweiz und Muhammad Zakiri aus Mazedonien begingen die erste schwere Gewalttat in der Türkei, die dem IS zugeschrieben wird. Alle drei wurden dafür 2016 zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Sie waren auf dem Weg aus Syrien nach Istanbul, als sie am 20. März 2014 in Kappadokien in eine Straßenkontrolle gerieten und zu ihren automatischen Waffen griffen. Nach der Schießerei wurden sie schnell gefasst. 2018 bestätigte das oberste türkische Berufungsgericht in Ankara die Schuldsprüche.

Benjamin Xu, der als Kind einer chinesischen Mutter und eines mazedonisch-albanischen Vaters in Berlin aufwuchs und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, durchlief eine rasante Radikalisierung als Dschihadist. Nachdem er ein paar Wochen die berüchtigte Fussilet-Moschee in Berlin-Tiergarten besucht hatte, reiste er 2013 zusammen mit seinem Vater, der schon länger Islamist war, über Istanbul nach Syrien. Laut seines Geständnisses wurden Vater und Sohn von der islamistischen türkischen Organisation Miletti Ibrahim und einem syrischen Turkmenen mit Kontakten zum türkischen Geheimdienst MIT über die Grenze geschleust. In Syrien durchliefen die Neulinge ein viermonatiges militärisches Training bei der islamistischen Tschetschenen-Miliz Dschunud al Scham.

Benjamin Xus mögliche Rückkehr dürfte von den deutschen Behörden auch mit Spannung erwartet werden. Denn Xu offenbarte laut der Anklageschrift brisante Details über das geheime Netzwerk, das gewaltbereite Europäer über die sogenannte Terroristen-Autobahn von der Türkei nach Syrien zum IS brachte. Im Prozess offenbarten Zeugen zudem eine Zusammenarbeit der Dschihadisten-Schleuser in der grenznahen türkischen Stadt Reyhanli mit Mitarbeitern oder Informanten des MIT – Informationen, die nie in die Öffentlichkeit gelangten.

Auch die anderen ehemaligen IS-Kämpfer könnten solches Wissen besitzen. Wie das türkische Innenministerium am Montag mitteilte, wurden am Montagmorgen ein amerikanischer Staatsbürger, ein Däne und angeblich auch ein Deutscher als erste IS-Beschuldigte abgeschoben. Zudem drohte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan der EU wegen deren angekündigter Sanktionen im Erdgaskonflikt um Zypern nicht nur damit, die Tore für vier Millionen Flüchtlinge zu öffnen, sondern auch für „in Syrien und der Türkei verhaftete IS-Terroristen“.