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Nach dem Ende der Waffenruhe: Die unruhige Nacht von Gaza

Nach dem Ende der Waffenruhe : Die unruhige Nacht von Gaza

Nach der Waffenruhe hat am Abend eine unruhige Nacht im Konflikt zwischen Isreal und der Hamas begonnen. Zwar wollte Isreal die Waffenruhe um vier Stunden bis in die Nacht verlängern, doch schon zuvor hat die Hamas begonnen neue Raketen auf Israel abzufeuern.

Die Hamas hat nach eigenen Angaben am Samstagabend vom Gazastreifen aus mehrere Raketen auf Israel abgefeuert. Die Raketen seien nach Ablauf einer zwölfstündigen Feuerpause abgeschossen worden, erklärte der bewaffnete Arm der radikalislamischen Palästinenserorganisation.

Nach dem Ende der Waffenruhe: Die unruhige Nacht von Gaza
Foto: afp, MA/jh

Damit wiesen die Essedin-el-Kassam-Brigaden de facto eine von Israel einseitig angekündigte Verlängerung der Waffenruhe um vier Stunden zurück. Die zwischen Israel und der Hamas vereinbarte zwölfstündige Feuerpause war um 20.00 Uhr Ortszeit (19.00 Uhr MESZ) ausgelaufen.

Israel hatte sich kurz vor Ablauf dieser Frist zu einer vierstündigen Verlängerung bis Mitternacht bereit erklärt. Ein Hamas-Sprecher sagte allerdings, es gebe "kein Abkommen" über eine Verlängerung der Waffenruhe. Unmittelbar nach dem Ende der zwölfstündigen Waffenruhe vermeldete die Armee den Beschuss Israels mit drei Mörsergranaten aus dem Gazastreifen.

Laut Medienberichten wurde dies vom Militär zunächst nicht als gravierender Verstoß gegen die Waffenruhe eingeschätzt. Dann aber veröffentlichten die Essedin-el-Kassam-Brigaden insgesamt drei Erklärungen. Ihnen zufolge wurden zwei Raketen auf Tel Aviv im Zentrum Israels abgefeuert sowie jeweils fünf Raketen auf zwei Orte im Süden des Landes.

Außmaß der Zerstörung

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte eindringlich nochmals alle Beteiligten auf, eine siebentägige Waffenruhe auszurufen. Auch bei einem Krisentreffen in Paris war zuvor eine Verlängerung der Feuerpause gefordert worden. "Wir sind übereingekommen, die Parteien zu einer Verlängerung des Waffenstillstandes aus humanitären Gründen aufzurufen", erklärte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Rande der Gespräche.

"Wir müssen zudem die Zeit nutzen, um Verhandlungen für einen dauerhaften Waffenstillstand vorzubereiten", sagte Steinmeier. Gaza dürfe nicht länger "ein Waffenlager für die Hamas" bleiben, zudem müssten "die Lebensbedingungen der Menschen im Gazastreifen nachhaltig verbessert werden".

Internationale Appelle

Neben Steinmeier und dem französischen Außenminister Laurent Fabius nahmen an den Gesprächen auch deren US-amerikanischer Kollege John Kerry, Philip Hammond aus Großbritannien sowie Vertreter aus Italien, Katar, der Türkei und der EU teil.

Mindestens 1030 Palästinenser wurden bislang im Gaza-Krieg getötet, weitere 6000 wurden verletzt. Unter den Opfern sind viele Kinder. Auf israelischer Seite kamen 40 Soldaten und drei Zivilisten um. Nach andauerndem Beschuss aus dem Gazastreifen hatte Israel am 8. Juli mit Luftschlägen gegen Stellungen der Hamas im Gazastreifen begonnen. Am 17. Juli startete die israelische Bodenoffensive in den Küstenstreifen.

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Die Waffenruhe lenkte den Blick auf die verheerenden Kriegszerstörungen. Rettungskräfte und Reporter erreichten erstmals das zuvor schwer umkämpfte Gaza-Viertel Sadschaija. Helfer bargen dort und in anderen bisherigen "Todeszonen" 130 Leichen, wie der Chef der palästinensischen Rettungsdienste, Aschraf al-Kidra, mitteilte.

In den umkämpften Gebieten wurden ganze Häuserreihen durch Bombardements dem Erdboden gleichgemacht. Menschen begruben ihre toten Angehörigen auf freien Flächen zwischen den Häusern. Mehr als zwei Drittel der Opfer sind nach palästinensischen Angaben Zivilisten.

Waffenruhe aus humanitären Gründen

Israel und die Palästinenser-Fraktionen hatten sich am Freitag darauf geeinigt, aus humanitären Gründen die Waffen zwischen 7.00 und 19.00 Uhr schweigen zu lassen. Viele Palästinenser in dem dicht besiedelten Gebiet nutzten die Möglichkeit, sich mit Nahrung und Medikamenten einzudecken. Die Straßen füllten sich wieder mit Menschen, in den Lebensmittelmärkten herrschte Andrang, wie ein dpa-Korrespondent aus der Stadt Gaza berichtete.

Die Dringlichkeit einer Einstellung der Kämpfe unterstrich ein weiterer tragischer Vorfall: Israelische Artilleriegranaten trafen in der Nacht zum Samstag, kurz vor Inkrafttreten der Feuerpause, ein Wohnhaus in Chan Junis. 20 Menschen - unter ihnen zehn Kinder - wurden dabei getötet und viele weitere verletzt, wie die palästinensischen Rettungsdienste mitteilte. Die Opfer gehörten alle derselben Familie an.

Kerrys Bemühungen um eine Waffenruhe waren am Freitag in ein entscheidendes Stadium getreten. Die israelische Regierung lehnte seinen Vorschlag, sieben Tage lang die Kämpfe ruhen zu lassen und über die Forderungen der Hamas zu verhandeln, in dieser Form ab. Das Kabinett von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und die Hamas einigten sich schließlich auf Drängen von Kerry und UN-Generalsekretär Ban zumindest auf die zwölfstündige Feuerpause am Samstag.

In Tel Aviv protestierten Tausende gegen den Gaza-Krieg. Linke Parteien und Menschenrechtsorganisationen hatten dazu aufgerufen. In Paris und London gingen ebenfalls Menschen auf die Straße. In der französischen Hauptstadt wurden nach Ausschreitungen etwa 40 Teilnehmer in Polizeigewahrsam genommen.

Demos auch in Deutschland

In Deutschland demonstrierten erneut tausende Menschen in mehreren Städten gegen das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen und für eine andauernde Waffenruhe. Antisemitische Parolen wie in vergangenen Tagen oder andere Zwischenfälle wurden zunächst nicht bekannt. Kundgebungen gab es unter anderem in Berlin, München, Frankfurt und Hamburg.

Lufthansa, Air Berlin und Air France bieten inzwischen wieder Flüge nach Tel Aviv an. Viele Fluggesellschaften hatten den Ben-Gurion-Airport wegen Raketengefahr im israelisch- palästinensischen Konflikt mehrere Tage lang nicht angeflogen.

(dpa)