1. Politik
  2. Ausland

Die Suche nach den Verantwortlichen für die Corona-Toten in Bergamo

Corona-Pandemie : Das Verhängnis von Bergamo

Im Januar wurden 16 Menschen auf dem Friedhof der norditalienischen Stadt begraben, im Februar acht. Im März waren es dann 70. Aus der Lombardei breitete sich das Coronavirus in ganz Europa aus. Nun beginnt die Suche nach den Verantwortlichen.

Das Fieberthermometer zeigt 36,1 Grad Celsius an. „Temperatura normale“, sagt eine blecherne Stimme. Bis 37,5 Grad ist der Eintritt in den Monumentalfriedhof von Bergamo erlaubt. Die ältere Dame im roten Oberteil, die ihre hellgraue Kappe vom Kopf nimmt, hat normale Temperatur und wird eingelassen. Mit der rechten Hand macht sie sich ein Kreuzzeichen auf der Stirn, dann läuft sie nach rechts. Dorthin, wo die Toten von 2020 begraben sind.

Die Erde auf den jüngsten Gräbern ist noch hell. Holzrahmen geben den Ruhestätten eine Kontur. An manchen Gräbern sind Marmortafeln mit Namen und Lebensdaten der Toten aufgestellt, an anderen ist nur ein laminiertes Blatt Papier angebracht. Blumen schmücken einige Gräber, andere sind kahl.

Bis Februar war alles wie immer. 16 Menschen wurden hier im Januar begraben, acht im Februar. Im März waren es dann 70. Bei den Urnengräbern sind die Zahlen ähnlich. In Bergamo und Umgebung gab es im März besonders viele Tote. Beinahe sechsmal so viele Menschen wie sonst starben. Mehr als 6000 Menschen sollen in der Provinz Bergamo bislang an Covid-19 gestorben sein.

130 Särge waren es teilweise, die gleichzeitig in und vor der Friedhofskapelle aufgestellt und dann vom Militär in Krematorien nach Parma, Ferrara oder Florenz abtransportiert wurden. Die Bilder gingen um die Welt. „Sechs oder sieben mal kam das Militär“, sagt Bruder Mario, einer der Kapuzinermönche, die hier arbeiten. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Mario. Er ist 72.

Corona hat die Welt durcheinandergebracht. Und doch waren Bergamo und Umgebung das Epizentrum der Pandemie, von hier breitete sich das Virus vermutlich in Europa aus. Auch die Staatsanwaltschaft will nun wissen, warum ausgerechnet diese Gegend so betroffen war – und wer welche Verantwortung trug.

Etwa 35.000 Corona-Tote gab es bislang in Italien, davon alleine 16.700 in der Lombardei, der reichsten Region des Landes, dem Wirtschaftsmotor Italiens. Und wenn eine Gegend in der Lombardei besonders produktiv ist, dann die zwischen Bergamo und Brescia. 45 Minuten braucht man von hier mit dem Auto nach Mailand, eine halbe Stunde zum Comer See. Eigentlich ein gesegneter Flecken Erde am Fuße der Bergamasker Alpen. Aber dann kam das Virus.

Luca Fusco, 58, ist wütend. „Wir wurden geopfert“, behauptet der Steuerberater, der sein Büro in Brusaporto südlich von Bergamo hat. Als Covid-19 im Februar schon in Italien grassierte und einzelne Zonen isoliert wurden, habe man Bergamo vergessen. „Mit einer roten Zone hätten wir uns Tausende Tote erspart“, sagt Fusco. Auch Fuscos Vater Antonio starb.

Antonio war 85 Jahre alt und noch verhältnismäßig gut in Form. Für eine Routinebehandlung ließ Fusco ihn in eine Privatklinik bringen. Aber dort hatte sich das Virus bereits ausgebreitet, Schutzmaßnahmen gab es nicht. Antonio holte sich eine schwere, beidseitige Lungenentzündung, die typisch für Covid-19 ist, und starb. Sohn Luca und Enkel Stefano wollten sich mit dem Tod von Antonio nicht abfinden, sie gründeten eine Facebook-Gruppe, die inzwischen 60.000 Mitglieder hat. „Noi denunceremo“, heißt das Bündnis, „Wir klagen an“.

Angehörige von Covid-Opfern tauschen und weinen sich hier aus. „Ciao Riccardo“, schreibt eine Witwe, „ciao amore mio. Heute sind es drei Monate, dass du mich verlassen hast.“ Monica schreibt: „Die Zeit ist an jenem verdammten 23. März stehengeblieben, es ist alles so unwirklich. Aber dank Euch bringe ich die Kraft auf, um für Papa und für alle, die uns so unwirsch, ungerechterweise und ohne unsere Wärme an ihrer Seite entrissen wurden, zu kämpfen.“

Die Opfer trauern, und sie erstatten Anzeige – gegen Unbekannt. 150 Anzeigen sind bei der Staatsanwaltschaft Bergamo eingegangen, inzwischen beteiligen sich auch Angehörige von Opfern aus Süditalien. Fusco, Präsident der Gruppe, berichtet, dass sich auch Familienangehörige aus England, Frankreich, Spanien, Chile oder Brasilien gemeldet hätten, die ebenfalls die Behörden zu Verantwortung ziehen wollen.

Als die lombardische Kleinstadt Codogno und andere Gemeinden Ende Februar bereits abgeriegelt wurden, lief das Leben in Bergamo weiter. Die Regierung in Rom hatte Anfang März Soldaten geschickt, die die Provinz abriegeln sollten. Es fehlte nur die Unterschrift des Premierministers. Aber die kam nicht. Warum?

Bergamos Bürgermeister Giorgio Gori postete auf Instagram Ende Februar demonstrativ ein Foto vom Abendessen im Restaurant mit seiner Frau mit den Worten: „Ein Virus kann Bergamo nicht stoppen.“ Wenige Tage zuvor hatte sich halb Bergamo nach Mailand begeben, um das Champions-League-Spiel von Atalanta Bergamo gegen den FC Valencia zu sehen und den Sieg der Mannschaft zu feiern. Die ganze Stadt machte anschließend Party, man vermutet, dass das Spiel einer der Gründe für die rasende Ausbreitung des Virus war.

„Bergamo is running“, so lautete der Titel eines am 28. Februar veröffentlichten Videos des lokalen Arbeitgeberverbandes, Bergamo macht weiter. Die internationale Kundschaft der Firmen aus der Gegend sollte beruhigt werden. Erst am 21. März wurden auch die Fabriken stillgelegt. „Wir wollen keine Entschädigung, wir wollen die Wahrheit“, sagt Luca Fusco. „Wir wollen wissen, was passiert ist.“ Beim Opferverband vermutet man, wirtschaftliche Interessen hätten den Ausschlag gegeben dafür, dass der Lockdown so spät kam.

Doch Wirtschaft ist nicht nur Profit. Es hängen Menschenleben und Existenzen an der Ökonomie. Die Folgen des Lockdowns sind gerade für die jüngere Generationen nicht zu unterschätzen. Hätte man die Schwere der Pandemie damals schon richtig einschätzen können? Eines Tages werden Gerichte darüber entscheiden.

Warum Bergamo? Stadt und Provinz sind ein einziges Agglomerat, die Gegend ist dicht besiedelt. Es gibt hier, untypisch für Italien, mehr Fabrikschlote als Kirchtürme. Das gilt besonders für das Seriana-Tal, das sich nordöstlich der Stadt in Richtung Alpen erstreckt. Hier, im Krankenhaus von Alzano Lombardo, begann die Pandemie.

Die Lage hat sich mittlerweile beruhigt, und doch biegt jetzt ein Krankenwagen mit Blaulicht in die Notaufnahme des Fenaroli-Krankenhauses ein. Am Zaun hängt noch ein Bettlaken mit den aufgesprühten Worten: „Ärzte und Krankenpfleger, ihr seid unsere Helden. Danke!“ Das war, als rund um die Uhr Covid-19-Patienten eingeliefert wurden. Offiziell wurden hier am 23. Februar die ersten Corona-Fälle diagnostiziert, obwohl Ärzte zuvor Verdacht geschöpft hatten.

Am Nachmittag des 23. Februar ließ die Krankenhausleitung die Klinik schließen. Um 19 Uhr, zwei Stunden später, wurde das „Pesenti-Fenaroli“ wieder geöffnet, als sei nichts gewesen. Wer diese Maßnahme verfügte und warum, auch das ist Gegenstand der Ermittlungen. Offenbar aber hatte die Entscheidung verheerende Folgen. Das Krankenhaus von Alzano Lombardo, zehn Minuten von Bergamo entfernt, entwickelte sich zu einem der ersten großen Ansteckungsherde in Europa.

„Wir wurden überwältigt“, sagt Claudio Cancelli. Der 65-Jährige ist Bürgermeister von Nembro, dem Nachbarort von Alzano Lombardo. Er erinnert sich an die Sirenen der Krankenwagen, die ab Ende Februar Tag und Nacht ertönten. Viele Patienten aus Nembro wurden ins Fenaroli-Krankenhaus gebracht, so gelangte das Virus vielleicht auch in die Altenheime der Gegend, wo mehr als ein Drittel aller Bewohner an Covid-19 starb.

Auch Bürgermeister Cancelli erkrankte an Corona, er steckte sich wohl bei einem Vereinsmittagessen am 23. Februar an. „Einige von denen, die damals dabei waren, sind heute tot“, sagt er. Das rege soziale Leben des Ortes, der wirtschaftliche Austausch auch nach China, die fehlenden Sicherheitsmaßnahmen, diese Gründe nennt er für den rasenden Verlauf der Ansteckungen.

Alleine in Nembro sitzen knapp 380 Firmen, von denen viele ihren Hauptumsatz im Ausland machen.

Cancelli, der seine Bürger seit Ende Februar täglich mit einem aufgezeichneten Telefonanruf informiert, blieb 20 Tage in Quarantäne, aber ohne größere Beschwerden. Eine Angestellte hingegen klagte an einem Freitag über Atemschwierigkeiten, am Sonntag war sie tot. Cancelli kann nicht verstehen, dass es Menschen gibt, die Covid-19 für eine Erfindung halten.

Wie früher geht der Bürgermeister jetzt wieder jeden Morgen auf den Rathausplatz, um ein Schwätzchen mit den Senioren zu halten. „Unser Platz war immer voll, heute sind viele der Alten nicht mehr unter uns“, sagt er. Der Platz sei verwaist. Seine 12.000-Seelen-Gemeinde wurde im Februar und März um 300 Menschen dezimiert, das waren sechs mal so viele Tote wie in früheren Jahren.

Wenn man das Seriana-Tal und Bergamo wieder verlässt, dann führt ein Weg über die Via Borgo Palazzo in Friedhofsnähe hinaus zur Autobahn. Dort fotografierte ein Anwohner in der Nacht des 18. März die Kolonne der Militärfahrzeuge, die die Särge der Leichen in Krematorien in anderen Landesteilen transportierte. Bergamo kam mit seinen Bestattungen nicht mehr hinterher.

Wieder ist es Abend. An der Esso-Tankstelle, an der die Militärfahrzeuge auf dem Foto vorbeifuhren, taumeln nun zwei Betrunkene Arm in Arm. Aus der Caffetteria del Borgo gegenüber dringt Gebrüll. Etwa 15 Kneipengäste schauen zusammen ein Fußballspiel der Serie A. Mundschutz tragen sie nicht, auch der Abstand zwischen ihnen ist nicht besonders groß. Alles wie immer in Bergamo? Die Menschen wirken glücklich. Atalanta Bergamo hat gerade das 1:0 gegen Cagliari erzielt.

(jmm)