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Nach Erfahrungen der Ukraine-Krise denkt Westen um: Die Renaissance der Panzer

Nach Erfahrungen der Ukraine-Krise denkt Westen um : Die Renaissance der Panzer

Wieder lässt Russlands Präsident Wladimir Putin nach Beobachtungen der Nato in diesen Tagen Panzer in die Ostukraine rollen. Das lange als Fossil angesehene Kampfgerät wird deshalb auch im Westen vor den Abwrackwerken gestoppt. Deutschland will nun sogar eine hypermoderne neue Panzergeneration bauen.

"Die weltweite Sicherheitslage erfordert ein grundsätzliches Umdenken", heißt es in einem unserer Redaktion vorliegenden gemeinsamen Antrag von Verteidigungsexperten der CDU, CSU und SPD an den Verteidigungsausschuss. In einem weiteren Schreiben zeigen sich die Militärfachleute alarmiert vom "Zustand des Großgerätes beim Heer". Und ein drittes Papier stellt fest, dass der aktuelle Bestand angesichts der "weltweiten sicherheitspolitischen Lage" inzwischen "nicht mehr angemessen" sei.

Panzertruppe von über 2000 auf knapp 300 geschrumpft

Die Stoßrichtung der drei Initiativen gelten den Bundeswehr-Panzern. Wenn Russland an den Nato-Grenzen mit Panzern, Bombern und Kriegsschiffen Stärke und Anspruch demonstriert, wollen vor allem die östlichen Nato-Partner mehr Präsenz und Verlässlichkeit.

Nach den Jahrzehnten weltweiter Auslandseinsätze rückt die Landes- und Bündnisverteidigung wieder mehr in den Blick. Und dabei ist aufgefallen, dass das Schrumpfen der einst vielgerühmten deutschen Panzertruppe möglicherweise zu blauäugig ausgefallen ist. Von ehemals 2125 Leopard-2-Kampfpanzern sind noch knapp 300 übriggeblieben. Nach den Bundeswehrplänen sollen alle bis auf einen Kernbestand von 225 Stück ausgemustert werden.

Angesichts der russischen Panzereinsätze sind die Verteidigungsexperten der Koalition erst einmal auf die Bremse getreten. Während sich die Union nicht genau festlegen will, steuert SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold eine neue Untergrenze von "250 bis 300" an. Deshalb soll der Stationierungsplan der Truppe verändert werden: Wenn im nächsten Jahr die Briten im niedersächsischen Bergen-Hohne Kaserne und Panzerübungsplatz räumen, soll hier ein neues Panzerbataillon gebildet werden, in dem die bisher ausgeplanten deutschen "Leopard" und das letzte Dutzend der verbliebenen Kampfpanzer der niederländischen Streitkräfte zusammengeführt werden.

Als die neuen Leopard-2-Kampfpanzer 1979 die alten Leopard 1 ablösten, waren Panzerexperten auf der ganzen Welt begeistert von den Fähigkeiten deutscher Waffentechnologie. So wendig, so feuerkräftig, so zielsicher war bis dahin kein anderes Waffensystem im Panzergefecht. Legendär sind die Bilder von durch die Landschaft rasenden "Leos", die jede Sekunde feuerbereit waren, weil der flexible Gefechtsturm jede Unebenheit automatisch austarierte. Damit hatte die Nato einen besonders schlagkräftigen Abwehrriegel auf dem mutmaßlichen Panzerschlachtfeld Deutschland in der Hand.

Weit über den Erfordernissen zurück

35 Jahre später ist die Zeit aber auch über die einstige deutsche Vorzeigetechnik hinweggegangen. Auf der alten Basis gab es zwar eine Reihe von Modernisierungen bis hin zur Variante Leopard eine 2 A 7+, der sogar im asymmetrischen Krieg mit Rebellen im Häuserkampf eingesetzt werden kann. Doch die meisten noch verbliebenen deutschen Panzer sind weit hinter den aktuellen Erfordernissen zurück und brauchen eine umfassende Generalüberholung. Vor allem die Elektronik und neue Kommunikationstechnik ist zu modernisieren. Das erfordert Umschichtungen bei den Rüstungsausgaben und eine höhere Stückzahl, um eine Mindestanzahl an Kampfpanzern auch tatsächlich einsatzfähig zu bekommen.

Nach Einschätzung von Arnold hat sich nämlich das von Thomas de Maizière eingeführte "dynamische Verfügungsmanagement" nicht bewährt. Weil alles ständig durchs Land gekarrt werde und die Übungen mit immer weniger Panzern liefen, sei deren Beanspruchung derart gewachsen, dass die Wartungsintervalle und die Störungen immer häufiger würden. "Das ist teuer, schafft Probleme und auch Frust in der Truppe", erklärt der SPD-Politiker. Der Panzerexperte der Unionsfraktion, Bernd Siebert, verweist darauf, dass bei einer Reduzierung auf nur noch sehr kleine Stückzahlen die verbliebenen Exemplare "die leistungsfähigsten Modelle" sein müssten. "Das ist heute noch nicht der Fall", stellt Siebert fest. Und er denkt weiter: "Angesichts der weltweiten Krisen ist der Kampfpanzer keineswegs veraltet, sondern Rückversicherung und Kernelement landbasierter Kräfte."

Das gepanzerte Kampffahrzeug der Zukunft

Von dieser Erkenntnis ist es nicht mehr weit bis zum Zauberwort "Leopard 3". Die deutschen Panzerschmieden Krauss-Maffei Wegmann in München und Rheinmetall in Düsseldorf könnten schon bald den offiziellen Auftrag bekommen, das "gepanzerte Kampffahrzeug der Zukunft" (so Arnold) zu entwickeln. Erste Studien sehen durch den Einsatz von neuen Materialien eine Reduzierung des Gewichtes um die Hälfte, so dass der neue Panzer noch schneller und noch wendiger wird und noch leichter auch per Lufttransport verlegt werden kann. Er könnte zwar weiterhin auch mit einem dicken Rohr Granaten über Dutzende von Kilometern ins Ziel schießen. Viel mehr richtet sich das Interesse aber auf Laserkanonen, Mikrowellen und elektronische Abwehrtechnik. "Der neue Panzer wird viel mehr als nur Panzer bekämpfen können", sagt Arnold voraus. Denn für die Bekämpfung von gegnerischen Panzern sei der Einsatz von Flugzeugen und Hubschraubern inzwischen Standard geworden.

Für den SPD-Politiker geht es bei dem Projekt Kampffahrzeug der Zukunft nicht um eine Reaktion auf Putins Panzeroffensive, mit der dieser seit Monaten politischen Druck erzeugt und die Grenzen in der Ukraine verschiebt. Arnold denkt mehr an den Wirtschaftsstandort und den Einfluss Deutschlands. Er definiert Kampfpanzer als "Kernfähigkeit" der Bundesrepublik, da die Bundeswehr eine besondere Ausprägung auf diesem Feld habe und die Rüstungskonzerne hier besonders stark sei. "Wenn wir im Jahr 2030 technologisch an der Spitze sein wollen, müssen wir heute beginnen, etwas Neues zu entwickeln", erläutert Arnold.

Russland technologisch weiter

In vielen Ländern fahren die Industrien und Streitkräfte die Entwicklungsstudien für neue Panzergenerationen hoch. Weiter ist Russland. Hier laufen unter strenger Geheimhaltung die letzten Tests mit den Armata-Panzern, die schon 2016 in Serie gehen sollen. Die Kanone soll ferngesteuert sein, die Fahrerkabine aus Verbundwerkstoff bestehen, sogar an eine unbemannte Variante ist gedacht.

Zudem twitterte Vizepremier Dimitri Rogosin laut russischen Medienberichten, dass die russische Armee 2017 Panzer mit Stealth-Technology erhalten werde, die vom gegnerischen Radar also nicht mehr erfasst werden können. Das Verteidigungsministerium in Moskau kündigte an, bis zum Ende des Jahrzehntes 2300 Armata-Panzer anzuschaffen. Zudem läuft ein ambitioniertes Modernisierungsprogramm der bestehenden Panzer: Der Anteil moderner Technik soll bis Ende nächsten Jahres von knapp 25 auf 40 Prozent anwachsen.

Hoffnungen auf Boxer und Puma

Aber auch die Bundeswehr soll sich nicht nur auf aufgemotzte Uralt-Leos und die Hoffnung auf eine Weiterentwicklung in ferner Zukunft stützen. Das Gepanzerte Transport-Fahrzeug (GTK) vom Typ Boxer hat beim Einsatz in Afghanistan so überzeugt, dass die Koalition es nun zu den "vielversprechenden und modernen Waffensystemen" zählt. Mit der geplanten Stückzahl von 190 Exemplaren sei das Heer "strukturell deutlich unterversorgt", stellen die Verteidigungsexperten von Union und SPD in einem der drei Papiere fest. Sie halten 131 weitere Boxer für nötig, und inzwischen hat auch das Verteidigungsministerium seinen Widerstand gegen eine neuerliche Umplanung aufgegeben und die Positionen in künftigen Haushaltsjahren umgeschichtet. 620 Millionen sollen für die zusätzlichen Boxer ausgegeben werden. Nach Einschätzung von Siebert könnte die Truppe realistischerweise ab 2016 mit mehr Boxern rechnen.

Mehr Geld wird auch für den Schützenpanzer Puma zur Verfügung gestellt. 350 hochmoderne Puma sollen den ebenfalls seit 40 Jahren genutzten Marder ersetzen. Das Milliardenprojekt gehört zu den Vorhaben, die bei Kosten und Zeit aus dem Ruder gelaufen sind und die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wieder einfangen muss. Sie hatte in der Vergangenheit vor allem auf Verschlüsselung, Aufklärung und Schutz als deutsche "Schlüsseltechnologien" gesetzt und dafür die Signale auf "grün" gestellt. Die Panzer standen in ihrer Grafik nur noch in einem grauen Bereich, dessen Zukunft offen gelassen wurde. Nun hat sie umgesteuert. Zu den für Deutschland wichtigsten Technologien gehören nach Einschätzung des Verteidigungsministeriums nun auch wieder "gepanzerte Fahrzeuge".

Hier geht es zur Infostrecke: Die deutsche Rüstungsindustrie