Die Proteste in Bagdad gegen die Regierung geraten außer Kontrolle

Proteste im Irak : Revolte zwischen Volksfest und Blutbad

Die irakische Regierung geht in Bagdad mit brutaler Härte gegen die Demonstranten vor. Die wollen aber aber nicht klein beigeben.

Schüsse fallen, Tränengaswolken wehen den Tigris entlang, Krankenwagensirenen heulen auf, Schreie, ein dumpfer Knall, wieder Schüsse – drei Abende und drei Nächte lang. Die irakische Regierung geht mit aller Härte gegen die Demonstranten vom Tahrir-Platz vor. Diese hatten mittlerweile vier Tigris-Brücken erobert. Ihr Ziel war, Bagdad lahmzulegen. Keiner sollte mehr von Rusafa nach Kirkh gelangen und umgekehrt. Rusafa und Kirkh, so werden die beiden Teile der irakischen Hauptstadt links und recht des Tigris genannt. Demonstranten hatten versucht, das Justizministerium zu stürmen und sind zurückgedrängt worden. In der Nähe liegen die Zentralbank und das Nationalmuseum. Beide Gebäude wurden evakuiert, das Museum ist geschlossen.

Nun hat die Regierung den Spezialkräften für Anti-Terror-Kampf den Befehl gegeben, die Protestbewegung aufzulösen und die Brücken zurückzuerobern. Scharfschützen zielen und treffen. Seitdem gibt es jeden Tag Tote und Dutzende Verletzte. „Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Verletzte ich heute behandelt habe“, sagt Amar, ein junger Arzt, am Tahrir-Platz am Morgen nach den bislang schwersten Auseinandersetzungen zwischen Protestierern und Sicherheitskräften. „Es sind zu viele.“ Seit Beginn der Demonstrationen Anfang Oktober sind 316 Tote und 18.000 Verletzte zu beklagen. Am Sonntag starben allein in Bagdad 25 Demonstranten.

Amar hat gerade sein Medizinstudium abgeschlossen und sollte eigentlich ein Praktikum in einem Bagdader Krankenhaus antreten. Doch jetzt ist er am Tahrir-Platz und betreut eine der unzähligen mobilen Kliniken, die hier alle 200 Meter aufgebaut sind. Für einen Erste-Hilfe-Einsatz sind sie gut ausgestattet, haben genug Verbandsmaterial, Medikamente und vor allem eine Flüssigkeit gegen das ätzende Tränengas, das juckt und die Augen rot werden lässt. Es sei ein neuartiges Gas, das aus großen Patronen auf die Menschen geschossen werde und deren Gehäuse zuweilen tödliche Folgen haben können.

Trotzdem füllt sich der Tahrir immer gegen Mittag. Vor allem Frauen, Kinder und Studenten kommen. Ganze Familien pilgern dorthin, besonders am Freitag, dem muslimischen Feiertag. Es herrscht eine Partystimmung mit Revolutionsliedern, Gesängen, Literaturlesungen. Kerzen werden aufgestellt und der toten Demonstranten gedacht. Selten sieht man im Irak in strahlende Gesichter nach all den Kriegen und dem Terror. Doch jetzt strahlen sie, haben das Gefühl, endlich ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen zu können.

Der Aufstand gegen die von den Amerikanern eingesetzte politische Elite, die sich beständig im Kreis dreht und sich die Posten gegenseitig zuschachert, ist auch ein Aufstand der Frauen gegen das Establishment, das ihnen keine Chance zur Erneuerung gibt. So zeigt eines der vielen Graffitis, die am Tahrir Platz täglich entstehen, eine „Marianne“, die man aus der französischen Revolution kennt, mit irakischer Fahne in der Hand.

Inzwischen solidarisieren sich immer mehr mit den Forderungen der Demonstranten und kommen zum Tahrir. Zunächst die Studenten und Schüler, dann die Lehrer und Dozenten. Schließlich Ärzte, Rechtsanwälte und Geschäftsleute. Sie alle haben nur ein Ziel: Weg mit der Regierung! Weg mit dem korrupten Regime! Weg mit dem Machtverteilungsproporz, den die Leute hier „Muhassasa“ nennen. Diesen Proporz hat US-Administrator Paul Bremer 2003 nach dem libanesischen Modell im Irak eingeführt. Seitdem ist der irakische Präsident ein Kurde, der Premierminister ein Schiit und der Parlamentspräsident ein Sunnit. Da alle an der Macht sitzen und somit jeder ein Stück vom Kuchen abbekommt (Muhassasa), gibt es keine Machtkontrolle. Der Korruption ist damit Tür und Tor geöffnet, und das erbarmungslose Ringen um das größte Stück vom Kuchen wird zuweilen blutig ausgetragen.

Der Iran soll hinter dem Beschluss stecken, die Demonstrationen mit brutaler Gewalt aufzulösen. Der berüchtigte iranische General Qassem Soleimani soll in Bagdad gewesen sein und sämtliche Regierungsparteien, bis auf eine, dazu bewogen haben, der Operation zuzustimmen. Premier Abdul Mahdi solle im Amt bleiben, die Protestbewegung niedergeschlagen werden, so lauten die Gerüchte um den Befehlshaber der Al-Quds-Brigaden, der Auslandstruppen des Iran. Die Machthaber in Teheran haben großes Interesse daran, dass die bisherige Elite Bagdads die Macht behält.

Am Tahrir-Platz gibt es ein einziges Hochhaus, das direkt am Anfang der Jumhurija-Brücke über den Tigris steht, die je zur Hälfte durch die Protestbewegung und Regierungstruppen besetzt ist. Es ist zum Hauptquartier der Bewegung geworden. Alle nennen es das „türkische Restaurant“. Dort werden in der oberen Etage die Einsätze und das Vorgehen beraten, dort trifft sich ein gewisses Organisationsteam, wenn man überhaupt von einer Leitung sprechen kann. Denn die Proteste kommen bislang ohne einen erkennbaren Anführer aus.

Am türkischen Restaurant hängen Transparente und Poster mit Revolutionsslogans an den langen Wänden des Gebäudes: Raus mit Iran! Raus mit Amerika! Und, Ironie des Schicksals: Raus mit den Türken! Irak den Irakern! „Zuerst die Amerikaner, jetzt die Iraner – und die Türkei schickt Truppen in den Norden“, hört man am Tahrir beständig. Die Mächtigen in der Region sind offenbar nicht sonderlich gelitten.