Einblicke in das Schreckensreich Nordkorea: "Die Mission war es, die eigenen Leute zu täuschen"

Einblicke in das Schreckensreich Nordkorea : "Die Mission war es, die eigenen Leute zu täuschen"

Nur der Himmel ist höher – der verstorbene Diktator Nordkoreas, Kim Jong Il, porträtierte sich gerne auf einem Thron sitzend, alles kontrollierend. Oder anders formuliert: So ließ er sich porträtieren. Von einem Stab an Dichtern, Denkern und Schreibern. Einer seiner Auftrags-Schreiberlinge hat nun ein Interview gegeben.

Nur der Himmel ist höher — der verstorbene Diktator Nordkoreas, Kim Jong Il, porträtierte sich gerne auf einem Thron sitzend, alles kontrollierend. Oder anders formuliert: So ließ er sich porträtieren. Von einem Stab an Dichtern, Denkern und Schreibern. Einer seiner Auftrags-Schreiberlinge hat nun ein Interview gegeben.

Sie waren rund um die Uhr damit beschäftigt, der unterdrückten und hungernden Bevölkerung das Bild des fürsorglichen, allmächtigen Führers zu suggerieren. Einer von Kim Jong Ils Hofpoeten: Jang Jin Sung. Der 43-Jährige war unablässig damit beauftragt, aus der grausamen Realität (Hunger, Folter, Tod) eine blumige Scheinwelt (Reichtum, Weltläufigkeit) zu formen. Nun gibt der Mann, der vor 2004 aus Nordkorea floh und im verhassten Süden lebt, seltene Einblicke in das totalitäre System.

"Weitsicht und das künstlerische Genie"

Jangs Aufgabe war es damals: In Texten, Reden und diversen Beiträgen sollte die "staatsmännische Weitsicht und das künstlerische Genie" des Diktators zum Ausdruck kommen. Mit dem Ziel, den Mythos des unfehlbaren Führers zu kreieren. Das Magazin "Focus" traf den Exil-Nordkoreaner in Berlin.

"Die Mission unserer Abteilung war es, die eigenen Leute und die Welt zu täuschen, alles zu tun, um unseren Führer an der Macht zu halten", erklärt Jang. Freiheiten habe es für die Menschen nicht gegeben. Auch für ihn, einen der wichtigsten Mitarbeiter im totalitären Machtapparat, gab es sie nicht. Alles wurde vom Herrscher persönlich abgezeichnet. Jeder Text, jede Zeile, jedes Wort.

Emotionen? Fehlanzeige!

"Von Freiheit kann man doch nur sprechen, wenn man seine auch Gedanken auch offen mitteilen, aber das war in diesem System nicht möglich." Emotionen? Fehlanzeige. "In Nordkorea herrscht die totale Gleichschaltung der Gefühle." Schauspieler, die den "geliebten Führer" in Filmen spielten, mussten von der Öffentlichkeit wie Götter behandelt werden.

Welches gefährliches Machtkonstrukt Jang mithalf aufzubauen, merkte er bei einer Zusammenkunft mit Kim Jong Il persönlich. Jang zeigte sich enttäuscht, wie der dem "Focus" berichtete. Gäste in Kims Residenz musste sich zunächst mit einem Desinfektionstuch die Hände reinigen. Der Führer wollte nicht krank werden.

Als Dank eine Luxus-Uhr

Blickkontakt durfte es nicht geben. Die Gäste wurden angewiesen, Kim stets auf den zweiten Hemdknopf schauen. Als Dank für die erkaufte Loyalität gab es vom Diktator eine Rolex-Uhr. Jang kam bald zu der Erkenntnis: "Ich merkte, ich habe es nicht mit einem Gott zu tun. Je höher man an die Spitze rückt, desto klarer werden all die Lügen."

Die Folgen für die Menschen in diesem Land sind verheerend. Schon ein falsches Wort oder ein beschädigtes Kim-Porträt kann dazu führen, dass man selbst und/oder Familienangehörige in die gefürchteten Lager deportiert werden, von denen Jang zufolge jeder Nordkoreaner weiß, dass es sie gibt. Das weitaus schlimmere Los: "...dass dein Vater oder deine Frau" getötet werden. "Diese ständige Angst ist es, die das System zusammenhält."

Jang vergleicht Kim mit Hitler

Jang scheut drastische Vergleiche nicht: Die Kim-Familie setzt er auf eine Stufe mit Adolf Hitler: "Sie schlachten ihr eigenes Volk."

Vor zehn Jahren entschloss Jang, zu fliehen. Nur mit seinen persönlichen Schriften, die unveröffentlicht waren, verließ er Nordkorea. Über China und den gefrorenen Fluss Tumen gelangte er schließlich nach Südkorea. Nun arbeitet er vom Süden aus weiter als Dichter. Er schreibt von "richtigen menschlichen Gefühlen. Nordkorea mag Atomwaffen haben, wir haben die Medien."

Die Familie Kim beherrscht den streng abgeschotteten Staat seit drei Generationen mit eiserner Hand. In dem international isolierten Land wird ein beispielloser Personenkult gepflegt. Die Geburtstage des verstorbenen Staatsgründers Kim Il Sung am 15. April und seines Sohnes Kim Jong Il am 16. Februar werden jedes Jahr mit viel Aufwand zelebriert.

Hier geht es zur Bilderstrecke: U-Bahn, Sport und Klinik – Neue Einblicke in Nordkoreas Alltag

(nbe)
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