Reportage aus der Krisenregion: Die Krim tut sich schwer mit Russlands Liebe

Reportage aus der Krisenregion : Die Krim tut sich schwer mit Russlands Liebe

Die Bewohner der Krim sind über Nacht Russen geworden. Die Annexion der Halbinsel hat viele negative Folgen für den Alltag. Laute Kritik an den neuen Herren wagen aber nur wenige. Unsere Korrespondentin Doris Heimann schildert ihre Eindrücke.

Wenn Denis Trubezkoj seinen Arbeitgeber in Kiew besuchen will, braucht er dazu eine offizielle Einladung. Und möglichst noch ein paar andere Dokumente, die beweisen, dass er dort beschäftigt ist. "Formal bin ich seit dem 18. April russischer Staatsbürger", sagt der junge Sportreporter aus Sewastopol, "und für Männer aus Russland im wehrfähigen Alter gilt in der Ukraine Einreiseverbot."

Dabei wollte Denis (21) eigentlich gar nicht Russe werden: "Ich fühle mich als Ukrainer." Doch drei Monate nach der Annexion der Krim schafft Russland Fakten. Die Bewohner der Halbinsel erhalten nun automatisch russische Pässe. Wer das nicht will, musste bis zum 18. April der Migrationsbehörde schriftlich mitteilen, dass er auf den Pass verzichtet. "Aber nicht einmal die Sachbearbeiter dort konnten mir sagen, welche juristischen Folgen das für mich haben würde", sagt Denis Trubezkoj.

Krimbewohner, die den ukrainischen Pass behalten und den russischen verweigern, gelten als Ausländer. Sie müssen sich in ihrer Heimat um eine Dauer-Aufenthaltsgenehmigung bemühen, zahlen höhere Abgaben auf Immobilien und sind am Arbeitsplatz benachteiligt, weil für ihren Arbeitgeber höhere Steuern anfallen. Denis Trubezkoj hat sich entschieden, das alles nicht zu riskieren.

Phase des Übergangs auf der Krim

Es ist eine merkwürdige Phase, diese Zeit des Übergangs auf der Krim. Als die Maidan-Revolution Ende Februar den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch stürzte, schickte der Kreml russische Soldaten ohne Hoheitsabzeichen auf die Halbinsel. Nach der De-facto-Besatzung stimmten in einem umstrittenen Referendum 90 Prozent der Krimbewohner für den Anschluss ihrer Autonomen Republik an Russland. Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden in Europa wieder Grenzen verschoben. Der Westen belegt Russland seitdem mit Sanktionen, Moskau reagiert mit einer gigantischen anti-westlichen Propaganda-Kampagne.

Und die Krim ist zu einer Art internationalem Niemandsland geworden. Viele Menschen hier reagieren ängstlich im Gespräch mit westlichen Journalisten: Jede Äußerung ist ein Politikum, man will nichts Schlechtes über die neuen Herren sagen. Sergej Aksjonow (42) ist ein Kerl wie ein Schrank. Der Vorsitzende des örtlichen Ringervereins, ein Mann mit Nähe zur organisierten Kriminalität, avancierte in der Krise zum Premierminister der Republik Krim. Wenn er redet, haut er mit der Faust auf den Tisch. "Unsere wichtigste Aufgabe ist es, die gesetzliche Basis für die Republik Krim auszuarbeiten, sie an die Gesetze der Russischen Föderation anzugleichen", sagt Aksjonow.

"Irgendwann wird der Westen begreifen"

Da sich die Krim in der Übergangsphase befinde, biete sich die Gelegenheit, hier ein Modellprojekt für ganz Russland zu schaffen. Die Halbinsel soll attraktiv werden für Investoren. "Deshalb analysieren wir die Besteuerungsverfahren in anderen Anrainerstaaten des Schwarzes Meers: Türkei, Georgien, Bulgarien."

Dass der völkerrechtliche Status der Krim und die Sanktionen Unternehmen abschrecken, will der Premier nicht gelten lassen: "Ich sehe keinen Grund für diese Sanktionen. Hier haben Menschen, die auf einem Territorium wohnen, ihre Wahl getroffen. Ohne einen einzigen Schuss, ohne Druck, ohne Opfer. Irgendwann wird der Westen das auch begreifen."

Die "kleinen grünen Männchen" sind verschwunden

Aksjonow sieht auch kein Problem bei der automatischen Vergabe russischer Pässe. Die Mehrheit der Krimbewohner habe sich im Referendum für Russland entschieden. "Alle anderen müssen sich eben dieser Meinung fügen. Das ist Demokratie." Eine Versöhnung mit der Ukraine ist für ihn undenkbar. Er wettert gegen den neu gewählten Präsidenten Pjotr Poroschenko, dieser sei eine "negative Figur" und schicke Militär gegen das eigene Volk im Osten.

In der Hauptstadt Simferopol sind die schwer bewaffneten und maskierten Kämpfer, die Kremlchef Wladimir Putin in einer Talkshow verniedlichend als "kleine grüne Männchen" bezeichnete, inzwischen aus dem Straßenbild verschwunden. Sie patrouillieren nicht mehr vor dem Flughafen, und auch das Regierungsgebäude, in dem Premier Aksjonow residiert, wird nun von Männern der "Samoobrona" (Selbstverteidigung) geschützt. "Das Positive am Anschluss an Russland ist, dass wir hier keinen Bürgerkrieg haben wie in der Ostukraine", sagt der Journalist Denis Trubezkoj.

Griwna oder Rubel?

Viele der meist russischsprachigen Krimbewohner wollen die ukrainische Vergangenheit so schnell wie möglich löschen — und wenn es nur provisorisch ist. Autofahrer überkleben die ukrainische Flagge auf ihren Kfz-Kennzeichen mit den russischen Nationalfarben. Offizielle russische Kennzeichen gibt es bislang nur mit dem Moskauer Regionalcode 777 — eine Notlösung, bis die neuen Schilder da sind. Auf den Speisekarte der Restaurants sind die alten Preise in ukrainischer Griwna mit Tipp-Ex überpinselt. Seit dem 1. Juni gilt auf der Krim der russische Rubel. Die Menschen rechnen immer noch in Griwna, sie verwechseln "wir" und "sie", wenn sie die Ukraine erwähnen oder Russland, und sie sprechen vorsichtshalber von "der neuen Zeit", wenn sie die Phase nach dem Anschluss meinen.

In der Filiale des russischen Mobilfunkbetreibers MTS in Simferopol steht ein Schild. "Njet russkich nomerow" — keine russischen Nummern mehr. Im Schrank hinter dem Verkäufer stapeln sich die vorbestellten SIM-Karten. Noch kann man mit ukrainischen Prepaid-Handys telefonieren. Wer an einem Automaten Geld auf sein Handy-Konto einzahlt, tut das in Rubeln — und bekommt den Betrag vom ukrainischen Betreiber in Griwna angerechnet. Schwieriger ist der Zahlungsverkehr. Die meisten ukrainischen Banken haben ihre Arbeit auf der Krim eingestellt, die Guthaben ihrer Kunden sind eingefroren. Konteninhaber müssen sich an den "Fond für Einlagensicherung" wenden, der Erspartes erstattet. Finanziert wird das aus russischen Steuergeldern — und aus Bankmitteln, die beim Anschluss der Krim beschlagnahmt wurden.

Ohne Bargeld geht nichts

Ohne Bargeld läuft auf der Halbinsel zurzeit nichts. Visa und Mastercard haben sich zurückgezogen, Geldautomaten funktionieren nicht. Die großen russischen Banken fürchten internationale Sanktionen, wenn sie sich auf der Krim engagieren. Der plötzliche Wechsel von einem Staat in den anderen stellt auch die Unternehmen vor Herausforderungen. Renat Tagirow führt die Besucher durch die alten Gewölbe der Sektkellerei Nowyj Swet. Fürst Lew Golizyn regte 1878 auf seinem Weingut die Produktion des berühmten Krimsekts an. Bis heute gilt das Unternehmen Nowyj Swet als der renommierteste Hersteller des Schaumweins. In sieben Kilometern Stollen lagern zwei Millionen Flaschen, die während der dreijährigen Reifezeit nach der Champagner-Methode von Hand gedreht werden. Bislang gingen 40 Prozent der Produktion in die Ukraine, weitere 40 Prozent nach Russland. "Der ukrainische Markt ist für uns jetzt geschlossen", sagt Marketingchef Tagirow. Der Markt in Russland sei dafür größer. Doch erhält die Sektkellerei bislang nicht genug russische Steuermarken — zur Vermeidung von Schwarzproduktion ist deren Ausgabe an ein kompliziertes Verfahren geknüpft.

Laut Unternehmenschefin Janina Pawlenko ist der Absatz von Nowyj Swet im Vergleich zur vergangenen Saison um 90 Prozent eingebrochen. Im Hafen von Jalta, dem mondänsten Badeort der Krim, fehlen in diesem Jahr die großen Kreuzfahrtschiffe westlicher Reedereien. Auch die meisten Ukrainer haben ihren Urlaub auf der Halbinsel storniert. Und für die Russen ist der Weg mühsam: Wer mit dem Auto oder der Bahn anreisen will, muss an der Meerenge von Kertsch mit der Fähre übersetzen und stundenlang Schlange stehen. Flüge gibt es bislang zu wenig, die Tickets sind teuer. In Jalta sind die Gäste in diesem Jahr hauptsächlich patriotisch gesinnte Angehörige der Moskauer Mittelklasse. So wie Tatjana und Anatoli mit ihren beiden Söhnen Gleb (12) und Stepan (2). "Wir sind aus politischer Überzeugung hierher gekommen", sagt Tatjana, dunkle Shorts, türkises Lacoste-Shirt, "weil die ganze Welt gegen uns ist und nicht versteht, dass die Krim immer zu Russland gehört hat."

Tourismus leidet

Bisher hat die Familie im Ausland Urlaub gemacht: Spanien, Griechenland, Türkei, Ägypten. "Auf der Krim ist alles teurer, aber geboten wird wesentlich weniger", kritisiert Tatjana. Die uralten Ausflugsboote, die Rummelplatz-Atmosphäre an der Strandpromenade, die primitiven sanitären Anlagen — das alles enttäuscht die vom West-Komfort verwöhnten Moskauer Patrioten. "Bislang hatten wir 60 Prozent Gäste aus der Ukraine, 35 Prozent aus Russland und etwa fünf Prozent aus dem Westen", sagt Nadeschda Tumanowa, Entwicklungschefin des Drei-Sterne-Hotels "Levant" in Jalta. Jetzt sei der Anteil der Ukrainer auf fünf Prozent zurückgegangen, der der West-Touristen liegt bei Null. Die Hoteldirektion werbe intensiv um russische Gäste. "Aber wir konkurrieren jetzt plötzlich mit Sotschi."

In den Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014, der auf dem Festland an der russischen Schwarzmeerküste liegt, hat der Kreml 50 Milliarden Dollar investiert. "Wir brauchen dringend die Brücke über die Meerenge bei Kertsch, damit mehr russische Touristen zu uns kommen", sagt Nadeschda Tumanowa. In Alupka, einem malerisch gelegenen Dorf in der Nähe von Jalta, hat Wladimir sein Auto im Schatten eines Baumes geparkt. "Vermiete Zimmer" steht auf einem Pappschild in der Windschutzscheibe. "Seit zwei Wochen stehe ich hier jeden Tag — nichts!", schimpft der Rentner (65). Die russischen Touristen tummeln sich vornehmlich in Jalta. In Alupka sind die Cafés und Restaurants leer. Auch im Hotel "Zum Grafenpark" sind von 13 Zimmern nur drei belegt. Die Angestellte an der Rezeption seufzt. Dann zitiert sie ein russisches Sprichwort: "Wir haben den Hunger überlebt, wir überleben auch den Überfluss."

Hier geht es zur Bilderstrecke: "Formal bin ich jetzt Russe" - Menschen auf der Krim

(RP)
Mehr von RP ONLINE