Kommentar zur Entwicklung in der Ukraine: Die Handschrift des Kremls

Kommentar zur Entwicklung in der Ukraine : Die Handschrift des Kremls

Es sind bürgerkriegsartige Szenen, die sich in der Ostukraine abspielen. Und doch ist es kein Bürgerkrieg. Sondern die Aggression eines Landes gegen ein anderes. Denn was in Slawjansk und fünf weiteren Städten rund um Donezk geschieht, trägt die Handschrift des Kremls. Russland hat aus der Invasion der Krim gelernt und seine Taktik für die Operation in der Ostukraine verfeinert.

Auf die Krim schickte man ein massives Aufgebot von professionell ausgerüsteten Soldaten ohne Hoheitsabzeichen. Später erklärte Wladimir Putin, solche Uniformen könne man in jedem Laden kaufen. Das war lächerlich, und Putin soll in Gesprächen mit westlichen Politikern rundheraus zugegeben haben, wessen Soldaten es waren.

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In der Ostukraine geht man raffinierter vor. Die vorgeblichen pro-russischen Separatisten haben die Waffen und die Ausrüstung russischer Sondereinsatztruppen, aber sie sind etwas verwegener kostümiert.

Außerdem setzt man auf Nadelstich-Taktik: In mehreren Orten in der tiefsten ostukrainischen Provinz besetzen die Bewaffneten öffentliche Gebäude. So lassen sich die Kräfte des ukrainischen Innenministeriums, die gegen die angeblichen Separatisten eingesetzt werden, am besten aufreiben. Ohnehin muss die Übergangs-Regierung in Kiew ständig um die Loyalität ihrer Truppen fürchten, wie das Beispiel der Krim gezeigt hat.

Anders als auf der Schwarzmeer-Halbinsel fällt es in der Ostukraine schwerer, die Bevölkerung für eine pro-russische Massenbewegung zu mobilisieren. Der Kontrast zwischen den professionell zu Werk gehenden Kämpfern und den Häufchen aufgebrachter Rentner auf der Straße spricht Bände.

Doch gerade das ist ein Grund für den Kreml, sein ungutes Spiel immer weiter zu treiben. Die Situation muss möglichst so außer Kontrolle geraten, dass russische Truppen zu Hilfe gerufen werden. Nach Erkenntnissen der Nato sollen 40.000 Mann auf der russischen Seite der Grenze bereit stehen.

Die Politik von Wladimir Putin ist vollkommen unberechenbar geworden. Russland hat den Helsinki-Prozess, der die Grenzen in Europa festlegte, mit der Annexion der Krim einfach umgestoßen.

Die Spielregeln, die über Jahrzehnte die Grundlage der Politik bildeten, gelten nicht mehr. Und niemand weiß, wo diese Aggression gegen den Nachbarn enden wird.

Das ist ein Grund, sich vor dem Kreml wieder zu fürchten.

(hei)